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Romneys Verwandlung

Was ist nur mit dem republikanischen Kandidaten passiert? Mitt Romney scheint dieser Tage wie ausgewechselt: Ein Öflein voll warmer Emotionen, das in der politischen Mitte steht und in dunklen Zeiten hell leuchtet.

Verbreitet gute Laune in Virginia: Mitt Romney mit Republikaner-Nachwuchs... (8. Oktober 2012)
Verbreitet gute Laune in Virginia: Mitt Romney mit Republikaner-Nachwuchs... (8. Oktober 2012)
AFP
...in verschiedenen Altersklassen. (8. Oktober 2012)
...in verschiedenen Altersklassen. (8. Oktober 2012)
AFP
Romney gibt die Richtung vor: Rede in Newport News, Virginia. (8. Oktober 2012)
Romney gibt die Richtung vor: Rede in Newport News, Virginia. (8. Oktober 2012)
AFP
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Wie in Franz Kafkas «Verwandlung» vollzog sich bei der TV-Debatte der US-Präsidentschaftskandidaten in Denver eine ausserordentliche Mutation, eine Veränderung der Extraklasse, die da stattfand vor fast 70 Millionen Zuschauern. Nicht in einen Käfer aber verwandelte sich Mitt Romney bei der Präsidentschaftsdebatte am vergangenen Mittwoch. Der republikanische Kandidat mutierte vielmehr von einem strammen Konservativen zu einem Mann der Mässigung. Und ausserdem beginnt er seitdem zu menscheln, ja, er erzählt nun Geschichten von Menschen, die gestorben sind, zuvor aber die Wärme und die Empathie des Mitt Romney erleben konnten.

Die Verwandlungen des Mitt Romney erreichten damit eine neue Dimension: Vom gemässigten Gouverneur des im Allgemeinen überwiegend demokratisch wählenden Bundesstaats Massachusetts, den Romney mit Augenmass regierte, zum hart nach rechts driftenden Romney im seltsamen Feld der republikanischen Präsidentschaftskandidaten während der innerparteilichen Vorwahlen – bis zum Romney der Debatte in Denver, der log und vernebelte, was das Zeug hielt, um endlich dort zu landen, wo die meisten Wähler zu fangen sind: in der Mitte. Oder in Romneys Fall etwas rechts der Mitte.

Der Mutant liess den Präsidenten erstarren

Der geläuterte Romney bekennt sich plötzlich zu seiner noch vor Monaten verleugneten Reform des Gesundheitswesens in Massachusetts, immerhin das Vorbild für Barack Obamas bitter angefeindete Gesundheitsreform. Und er schwindelt, indem er behauptet, selbst Kranke fänden in seiner Version der Reform Versicherungsschutz. Tun sie nicht, aber da Obama dem Mutanten in Denver völlig erstarrt und sprachlos gegenüberstand, konnte Romney so manche Pirouette drehen, ohne hinzufallen.

Sein Plan für weitere Steuersenkungen? Keinesfalls eine zusätzliche Belastung des Haushalts! Das Eindampfen liebgewordener Steuerabschreibungen? Man wird sehen. So schlängelte sich der Ex-Gouverneur durch den Abend, eine vormalige Raupe, die sich mit einem Mal als bunter Schmetterling entpuppte. Doch die Verwandlung des Mitt Romney hält an: Aus dem reichen Kühlschrank, der fast die Hälfte – 47 Prozent, um genau zu sein! – der Amerikaner als Schmarotzer bezeichnete, um die er sich nicht kümmern wolle, ist der einfühlsame Bruder Romney geworden, der Sterbenden Trost zuspricht und überhaupt ein Mann des Volkes ist.

Bruder Romney und der kranke Junge

So erzählt er bei Wahlkampfauftritten von seinem Besuch bei dem an Leukämie erkrankten Jungen David Oparowski, der ihn «Bruder Romney» genannt und nach dem Jenseits befragt habe. Der sterbende Junge wollte dem Kandidaten sein Testament diktieren, worauf Romney, der bekanntlich Anwalt ist, mit einem Schreibblock im Krankenhaus erschien und aufzeichnete, wer nach Davids Ableben was erhalten sollte.

«David ist gestorben, aber ich werde niemals seinen Mut vergessen, seine klaren Augen und sein volles Herz», so Romney am Wochenende vor Wählern in Florida – derselbe Romney, der es bislang wie der Teufel das Weihwasser vermied, Geschichten aus seinem Privatleben zum Zwecke der Herzerwärmung der Zuhörer zu erzählen. Der neue Romney berichtete indes freimütig von einem weiteren Sterbenden, seinem alten Freund Billy Hulse, der nach einem Autounfall gelähmt war und dem Romney vor wenigen Wochen in Atlanta ein allerletztes Mal begegnete.

Ein Schicksal, 6000 «Oooohhhhs»

«Billy, ich liebe dich und Gott schütze dich», habe er dem im Rollstuhl sitzenden Freund ins Ohr geflüstert, sagte Romney vor 6000 Menschen in Orlando. Am folgenden Tag habe ihn ein gemeinsamer Freund telefonisch unterrichtet, dass Hulse verstorben sei – worauf die Menge mit einem traurigen «Oooohhhh» reagierte und Romney mit leiser Stimme sagte, wie selten es doch sei, «dass du jemandem sagen kannst, dass du ihn liebst, während es noch möglich ist».

Gewiss füllte sich so manches Auge in Orlando mit Tränen, und gewiss verschloss sich dieses Auge nun vor dem anderen Romney, dem alten Romney, der die kleinen Leute und ihre Sorgen und Nöte abgetan hatte in seinen infamen Bemerkungen im Hause des Financiers Marc Leder. Aus dem reichen Kühlschrank war ein Öflein voll warmer Emotionen geworden, das an die Spitze des Staats zu wählen plötzlich keine Gefahren mehr barg: Mitt Romney mochte reicher als Dagobert Duck sein, sein Herz aber lief über mit Anteilnahme, weshalb seinem Einzug ins Weisse Haus jetzt nichts mehr im Weg stehen sollte.

Einmal dort, könnte sich Mitt Romney freilich neuerlich verwandeln. Womit für die amerikanischen Wähler ein Restrisiko bleibt.

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