Asiens sorgenvoller Blick nach Amerika

Analyse

Ob Insel-Streit, Währungs-Krieg oder AKW-Politik, die USA haben unter Barack Obama eine wirre Asienpolitik betrieben. Nun fragt man sich, wie es nach dem Clinton-Rücktritt weitergeht.

  • loading indicator
Christoph Neidhart@tagesanzeiger

Die Japaner wollen fast alle zum Mittelstand gehören. Dabei wissen sie durchaus, dass wegen der seit zwei Jahrzehnten anhaltenden Wirtschaftskrise immer mehr Menschen vom unteren Rand der Mittelschicht in die Armut wegbrechen. Romney wollte diesen Prozess in Amerika beschleunigen, meint eine Nachbarin im Tokioter Stadtteil Setagaya. Bei ihm drehe sich alles ums Geld. «Er hat keine Ahnung vom Los der kleinen Leute. Wie die japanischen Politiker auch nicht, die als Sprösslinge von Politiker-Dynastien mit dem Silberlöffel geboren werden.» Wo das hinführe, sehe man ja in Japan. Ausserdem, so die ältere Hausfrau empört, wollte Romney den Ärmsten in Amerika die Krankenkasse wieder wegnehmen. Und den Reichsten dafür Steuern erlassen.

Viele Japaner sind ängstlich, sie scheuen jede Veränderung. Obama kennen sie schon, Romney dagegen hielten sie nach seinen vielen Richtungsänderungen für unberechenbar. Sie hätten Obama selber auch gewählt, obwohl sie – wie auch die Chinesen – noch immer rassistische Vorurteile gegen Menschen mit dunkler Haut hegen. In Tokio verkündete der «Yomiuri», die grösste Tageszeitung der Welt, Obamas Wiederwahl mit einem Extrablatt. In Südkorea dagegen beschwerten sich einige Blogger über die stundenlange Live-Berichterstattung aus den USA. Gewiss sei die Wahl in Amerika wichtig – aber so wichtig?

Romneys Drohungen beunruhigten Japan

Trotz dem Inselstreit mit China beunruhigte Romney die Japaner mit seinen Drohungen, China am ersten Tag seiner Amtszeit als Währungsmanipulator zu brandmarken. Damit hätte er einen Handelskrieg vom Zaun reissen können, das kann die gebeutelte Exportwirtschaft Japans nicht auch noch wegstecken.

In Wirklichkeit hätte sich Washingtons Asienpolitik mit einem Präsidenten Romney wenig verändert. Die Drohungen des Republikaners waren leer, Washington ist angesichts der enormen Dollarreserven Pekings viel zu sehr Pekings Geisel. Obama hat Asien zuerst vernachlässigt, später aber eine republikanischere Asienpolitik betrieben als sein Vorgänger George W. Bush. Er will die US-Streitkräfte im Westpazifik aufrüsten.

Spekulationen über das künftige Asien-Team

Dem japanischen Reformer-Premier Yukio Hatoyama liess Obama ein Bein stellen, weil er von einer Ostasiatischen Union träumte. In Südkoreas stramm rechtem Präsidenten Lee Myung-bak dagegen sieht Obama einen guten Freund. Bush liess Nordkorea verhandeln, um das Regime einzubinden. Obama hat in vier Jahren Nordkorea-Politik nichts erreicht. Und den Inselstreit zwischen China und Japan hat Aussenministerin Hillary Clinton sogar geschürt. Trotz Fukushima übt Obamas Regierung Druck auf Japan aus, es sollte nicht aus der Atomenergie aussteigen.

Tokio spekulierte am Mittwoch über Obamas künftiges Asien-Team. Clinton dürfte abtreten und damit auch ihr für Ostasien zuständiger Stellvertreter Kurt Campbell. Die amerikanische Japan-Politik wurde bisher stets von Leuten aus dem Pentagon dominiert, auch Campbell kommt aus dem Verteidigungsministerium. Sie sehen Japan durch die strategische Brille und haben mit seiner umständlichen Politik deshalb viel Geduld. Das könnte sich ändern, warnte der stellvertretende japanische Verteidigungsminister Akihisa Nagashima: Ein neues Team in Washington könnte Japans komplizierte Wünsche eher ignorieren.

DerBund.ch/Newsnet

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt