Am nuklearen Abgrund

Hintergrund

Egal, wie die US-Wahlen ausgehen: Amerikas Präsident muss den Atomstreit mit dem Iran austragen. Dabei steht er vor einer ähnlich schwierigen Entscheidung wie John F. Kennedy in der Kubakrise vor 50 Jahren.

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Christof Münger@ChristofMuenger

Es ist wie eine Kubakrise in Zeitlupe: Der Atomstreit zwischen den USA und dem Iran könnte Barack Obamas zweite Amtszeit – oder Mitt Romneys erste – so prägen, wie einst die 13-tägige Kubakrise John F. Kennedys Präsidentschaft prägte. Wer auch immer ab Januar 2013 im Weissen Haus sitzt – die Konfrontation mit Teheran scheint unvermeidbar. Dabei kann der amerikanische Präsident angeblich nur zwischen zwei schlechten Optionen wählen: entweder die iranischen Atomanlagen angreifen oder die iranische Atombombe hinnehmen.

Wer die Wahl hat zwischen Krieg und Appeasement, ist gezwungen, einen dritten Weg zu suchen. Vor 50 Jahren ist dies der Regierung Kennedy gelungen. Sie konnte die Konfrontation, die in einen nuklearen Showdown zu eskalieren drohte, verhindern und ging dennoch als Siegerin vom Platz: Kennedy erzwang den Abzug der atomaren Mittelstreckenraketen, die Kremlführer Nikita Chruschtschow heimlich auf Kuba stationiert hatte.

Dabei standen die Zeichen zunächst klar auf Krieg. Am 14. Oktober 1962 hatten amerikanische U2-Maschinen den Westen Kubas überflogen und fotografiert. Nach Auswertung der Bilder stand fest, dass die Sowjets dabei waren, nur 150 Kilometer von der amerikanischen Küste entfernt atomare Mittelstrecken zu stationieren. Als Kennedy am 16. Oktober beim Frühstück davon erfuhr, erklärte er: «Diese Raketen müssen weg.»

Nur nicht als Schwächling gelten

Naheliegend war auch der nächste Gedanke: ein Luftangriff. Sowjetische Atomwaffen, in deren Reichweite Washington und New York lagen, konnte kein US- Präsident hinnehmen – erst recht nicht, wenn er die Wiederwahl anstrebte. Kennedy wollte nicht erneut als Schwächling dastehen wie eineinhalb Jahre zuvor, als die von der CIA unterstützte Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht kläglich gescheitert war.

Unter diesen Prämissen trat am 16. Oktober mittags erstmals Kennedys Krisenstab zusammen. Der exklusive Kreis wurde als ExComm bekannt, die Abkürzung für Executive Committee of the National Security Council. Was die 12 Regierungsmitglieder und Berater nicht wussten: Kennedy zeichnete die Gespräche auf; heute gibt es sie als Buch, das sich wie ein Drama liest. Zunächst ging es im ExComm einzig darum, ob die Luftwaffe nur die Raketen oder alle militärischen Einrichtungen angreifen sollte, und ob man Fidel Castro und sein Regime auch gleich aus dem Weg räumen konnte. Robert Kennedy, der Justizminister und Bruder des Präsidenten, plädierte gar für eine Invasion auf der Insel.

Zweifel an Luftangriff

Es war General Maxwell Taylor, Kennedys Militärberater, der – im Widerspruch zu den Vereinigten Stabschefs – Zweifel äusserte. Taylor wies darauf hin, dass selbst ein mehrtägiger Luftangriff «nie 100-prozentige Gewähr» bieten könne, dass alle georteten Raketen zerstört würden. Sollten die Sowjets auch nur eine Richtung Miami abfeuern können, würde wohl ein interkontinentaler Schlagabtausch folgen.

Unterstützt von Verteidigungsminister Robert McNamara hinterfragten nun die Diplomaten im ExComm die rein militärische Option. So warnte etwa ein ehemaliger US-Botschafter in Moskau davor, Chruschtschow in die Enge zu treiben: Wie konnte man den Gegner zum Rückzug bewegen, ohne dass er sein Gesicht verlor?

Teheran will Respekt

Vor einer ähnlichen Frage steht heute Barack Obama im Atomstreit. Dem Regime in Teheran geht es unter anderem darum, von den USA als regionale Grossmacht behandelt zu werden. Diese Politik gleicht jener der Sowjets 1962, die von den USA wie auch von den kommunistischen Verbündeten als Supermacht respektiert werden wollten.

Dazu brauchte Chruschtschow Kuba. Er setzte nach der Invasion in der Schweinebucht und diversen Attentatsversuchen der CIA gegen Castro alles daran, die Insel im eigenen Lager zu halten. Für Moskau symbolisierte die Revolution des Máximo Líder den Vormarsch des Kommunismus sowjetischer Prägung in der Dritten Welt. Mit der Raketenstationierung, der «Operation Anadyr», von der selbst in Moskau nur wenige wussten, wollte Chruschtschow Castros Revolution verteidigen. Er brauchte diesen Erfolg gegenüber den Altstalinisten in Moskau, die ihn bedrängten, sowie den militanten Kommunisten in China: Mao Zedong warf Moskau seit Anfang der 60er-Jahre vor, die gemeinsame Ideologie zu verraten – der Bruch zwischen den beiden roten Giganten zeichnete sich ab.

Haarscharf am Atomkrieg vorbei

Von Chruschtschows Motiven ahnte man 1962 nichts in Washington. Den Entscheid gegen einen sofortigen Militärschlag traf John F. Kennedy aus Eigeninteresse: Er wollte das Risiko eines möglichen Atomkriegs vermindern. Die Forderung, die Raketen abzuziehen, war jedoch unmissverständlich. «Wir werden nicht verfrüht oder unnötigerweise einen weltweiten Nuklearkrieg riskieren, aber wir werden von diesem Risiko auch nicht zurückschrecken», sagte der Präsident am 22. Oktober in einer TV-Ansprache. Die Rede war ein «Meisterstück im Krieg der Worte», mit der Kennedy die Kubakrise publik machte, wie der Hamburger Historiker Bernd Greiner schreibt.

Zum Entsetzen seiner Generäle und der Mehrheit der Kongressabgeordneten kündigte Kennedy jedoch nur eine Seeblockade an für Schiffe, die Waffen nach Kuba transportierten. Um dennoch seine Entschlossenheit zu demonstrieren, versetzte er die US-Streitkräfte zum bisher einzigen Mal in DefCon 2, Defense Condition 2, den höchsten Alarmzustand unterhalb der Schwelle eines globalen Nuklearkriegs. 1479 Langstreckenbomber mit Atomwaffen – zum Teil bereits in der Luft – und 183 Interkontinentalraketen konnten spätestens 60 Minuten nach dem Befehl des amerikanischen Präsidenten losfliegen. Gleichzeitig verwandelte sich Florida in ein Heerlager: 120'000 Soldaten bereiteten sich auf die Invasion Kubas vor, 600 Kampfjets wurden aufgetankt und donnerten bereits über Castros Insel, die Marine beorderte 180 Schiffe in die Karibik, darunter acht Flugzeugträger.

Chruschtschow verkündete, die Blockade nicht zu akzeptieren und versicherte, die stationierten Raketen dienten allein der Verteidigung. Doch er verstand Kennedys deutliche Sprache: 30 Frachtschiffe mit Raketen oder Sprengköpfen wurden sofort aufgefordert, umzukehren. Er untersagte seinem Kommandanten auf Kuba, die Atomwaffen eigenmächtig einzusetzen, und er mahnte Castro, Vernunft anzunehmen. Der Revolutionsführer hatte Chruschtschow nahegelegt, den atomaren Erstschlag gegen die Vereinigten Staaten zu führen.

Diplomatie über Geheimkanäle

Moskau verzichtete auch darauf, die Rote Armee zu mobilisieren. Chruschtschow wollte jeden Eindruck vermeiden, er plane einen Krieg gegen die USA, was schwierig war, angesichts des sowjetischen Aufmarschs auf Kuba: Neben den 36 Mittelstreckenraketen waren 4 dieselgetriebene U-Boote mit Atomtorpedos sowie 42'000 Soldaten eingetroffen. Verborgen geblieben waren den US-Aufklärungsflugzeugen fast 100 taktische Atomwaffen, die bei einer US-Invasion auf dem Schlachtfeld hätten eingesetzt werden können.

Als Chruschtschow sich weigerte, die Raketen abzuziehen, stieg in den USA der Druck, zuzuschlagen. Bald seien die sowjetischen Waffen einsatzbereit, argumentierten im ExComm die Falken. Sie lehnten es ab, auf die sowjetischen Forderungen einzugehen. Chruschtschow hatte verlangt, dass Washington als Gegenleistung garantiere, Kuba nicht anzugreifen sowie die in der Türkei stationierten und auf die Sowjetunion gerichteten amerikanischen Atomraketen abzuziehen.

Trotzdem gab Kennedy der Diplomatie noch eine letzte Chance – für Barack Obama ein Beispiel «ungewöhnlichen Muts». Der aktuelle US-Präsident hat die Führungsstärke seines Vorgängers bereits im Wahlkampf vor vier Jahren bewundert: «Er fand einen festen Weg zum Frieden mithilfe aggressiver Diplomatie, gestützt auf militärischer Stärke.»

Der Durchbruch gelang über einen streng geheimen Kanal. Am Abend des 27. Oktober, einem Samstag, traf Robert Kennedy den sowjetischen Botschafter in Washington, Anatoli Dobrynin. Der Bruder des Präsidenten warnte mit drastischen Worten vor den Scharfmachern im US-Militär, die den Präsidenten in die Enge trieben. Wenn Chruschtschow nicht binnen 24 Stunden erkläre, dass die Raketen abgebaut würden, sei der Krieg kaum mehr vermeidbar.

Historische Entscheidung

Robert Kennedy kam aber nicht mit leeren Händen. Er versicherte gemäss genauen Anweisungen seines Bruders, dass die USA auf eine Invasion in Kuba verzichteten. Und streng vertraulich teilte er Dobrynin mit, dass die US-Raketen in der Türkei in den nächsten Monaten abgebaut würden, allerdings nur, falls die Sowjets diesen Teil des Deals nicht publik machten. «Die Bitte um eine Antwort im Lauf des morgigen Tages ist kein Ultimatum», schob ein beflissener Robert Kennedy nach, um dem naheliegenden Verdacht entgegenzuwirken, er dränge Chruschtschow in eine Ecke.

Nun lag die Last der Verantwortung bei Chruschtschow. Von ihm verlangten die Amerikaner, was umgekehrt als Zeichen der Schwäche abgelehnt worden wäre, schreibt Historiker Greiner. Via Radio Moskau liess Chruschtschow am 28. Oktober verkünden, er habe angeordnet, «die Waffen, die Kennedy als offensiv bezeichnet hat, zu verpacken und in die Sowjetunion zurückzubringen». Vor dem Politbüro bezeichnete er seine Entscheidung als historisch: «Um die Welt zu retten, müssen wir den Rückzug antreten.»

Ob man heutzutage in Teheran zur selben Einsicht gelangen würde, sei dahingestellt. Chruschtschow konnte zumindest Kennedys Zugeständnisse als Sieg darstellen, was faktisch nicht falsch war, denn die Raketen in der Türkei wurden abgebaut, und Kuba ist bis heute kommunistisch. Öffentlich stand der Kremlchef jedoch als Verlierer da, was zwei Jahre später seinen Sturz beschleunigte.

Ein Deal mit vielen Facetten

Kann Obama daraus Schlüsse ziehen für den Atomstreit mit dem Iran? Graham Allison, Autor eines einflussreichen Buchs zur Kubakrise und Berater von sechs US-Verteidigungsministern, hat in der «Washington Post» geschrieben, der Präsident müsse die vorhandenen Handlungsoptionen gegenüber dem Iran ablehnen und «eine Alternative erfinden wie Kennedy in der Kubakrise». 1962 habe die Kombination eines öffentlichen Deals (Abzug der Raketen gegen Nichtangriffsgarantie), eines nicht öffentlichen Ultimatums (von Robert Kennedy ausgesprochen) und eines geheimen Anreizes (Abzug der US-Raketen aus der Türkei) die Lösung gebracht. Eine ähnliche Kombination könnte auch im Atomstreit angewendet werden, so Allison.

«Kennedys Wille, die Sowjets einzubinden, hat die Kubakrise entschärft», sagte Obama. Und mit Blick auf den Iran fragte er: «Weshalb sollten wir nicht das gleiche Selbstvertrauen haben, um mit unseren Feinden zu reden?» Als Folge der Kubakrise, während der die Supermächte am nuklearen Abgrund manövrierten, einigten sich die Sowjets und die Amerikaner auf den ersten Rüstungskontrollvertrag und richteten den «Heissen Draht» ein, eine Fernschreiberverbindung zwischen dem Kreml und dem Weissen Haus, um künftige Krisen zu vermeiden. Zwischen Washington und Teheran gibt es keine solche Hotline.

Tages-Anzeiger

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