Info-Taktik – wie die Berliner Polizei Panik verhinderte

Nach dem Amoklauf in München brach Panik aus, nach dem Anschlag in Berlin behielt die Polizei die Informationshoheit. Auch, weil sie Social Media endlich verstanden hat.

  • loading indicator

München, 22. Juli 2016. Ein 18 Jahre alter Schüler erschiesst neun Menschen am und im Olympia-Einkaufszentrum. Wenig später herrscht Chaos in der Innenstadt. Polizeihubschrauber kreisen über dem Hauptbahnhof, Beamte in schwerer Montur riegeln den Stachus ab, im Hofbräuhaus bricht Panik aus. Aus dem Amoklauf eines Einzelnen ist in den sozialen Medien ein Terroranschlag mit mehreren Zielen geworden.

Die Münchner Polizei - und insbesondere ihr Sprecher Marcus da Gloria Martins - ist dafür gefeiert und mehrfach preisgekrönt worden, die Menschen in dieser Nacht vorbildlich informiert zu haben. Das ist sicher richtig, aber nur der eine Teil der Wahrheit. Wer sich die Tweets und Facebook-Posts der Münchner Beamten in den ersten beiden Stunden nach dem Amoklauf genau anschaut (zur SZ-Analyse), der stellt fest: Die Polizei hat damals nicht unbedingt dafür gesorgt, die vielen Gerüchte zu entkräften. Sie hat sie sogar mutmasslich verstärkt:

Ein ganz anderes Bild lässt sich nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz zeichnen. Die Berliner Polizei hat anfangs zwar nicht schneller reagiert als die Kollegen in München, sie hat dann aber konsequenter getwittert und kein Informationsvakuum entstehen lassen. Sie hat die Fakten so schnell sie konnte selbst verbreitet, die ganze Nacht verlässlich auf Deutsch und auf Englisch via Twitter (und auf Leuchttafeln in Berlin) informiert. So hat sie - und das ist entscheidend - die Informationshoheit über den Anschlag behalten.

Die Berliner Polizei tat alles dafür, Gerüchten keine Chance zu geben. Mehr noch: Der Twitter-Account @PolizeiBerlin_E wurde im Laufe des Abends auch für Medien eine der wichtigsten Informationsquellen. Wer aktuelle Details über den Anschlag haben wollte, musste sich hier informieren.

Sicher, die Lage damals in München ist nicht mit der in Berlin vergleichbar. In München glaubten Augenzeugen, in zwei Zivilbeamten Attentäter «mit Langwaffen» erkannt zu haben, es gingen unzählige Notrufe über Schiessereien am Stachus und anderswo ein. Aus der heutigen Perspektive betrachtet wirkte die Münchner Polizei zunächst überfordert: Sie dementierte auf den eigenen Accounts nicht, dass es am Stachus eben nicht zu einer Schiesserei gekommen war, sie blieb sehr lange bei der (beunruhigenden) Einschätzung, man fahnde nach «bis zu drei Tätern», sie kommunizierte den Suizid des Amokläufers erst sehr spät. Die Berliner Polizei hingegen hinterliess am Montag den Eindruck, alles im Griff zu haben. Sie trat zwei Stunden nach dem Anschlag (und damit viel früher als die Münchner damals) beruhigend auf:

Die Behörden haben in den vergangenen Monaten viel gelernt im Umgang mit Social Media. Sie haben verstanden, welche Wirkung sie entfalten und wie sie diese nutzen können. So hat die Berliner Polizei eine Nummer für Hinweise und eine Hotline für Angehörige verbreitet, auf den «Facebook Safety-Check» verwiesen und - wie die Münchner Kollegen im Juli - ein Portal eingerichtet, über das Augenzeugen Bilder und Videos von der Tat hochladen können:

Auch wenn die Berliner Polizei Facebook zugunsten von Twitter vernachlässigt hat und sie dort noch viel mehr Menschen hätte erreichen können: Der Einsatz war vorbildlich. Jetzt müssen die Menschen mit ihren Handykameras nur noch lernen, im Notfall Verletzten zu helfen, statt Videos von ihnen zu drehen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt