Will ihn Putin einfach sterben lassen?

Der ukrainische Filmemacher Oleg Senzow hungert seit Monaten in einer russischen Strafkolonie. Nun soll sich Trump für ihn starkmachen.

Protest gegen die Inhaftierung von Oleg Senzow im August 2018 vor der russischen Botschaft in Prag.

Protest gegen die Inhaftierung von Oleg Senzow im August 2018 vor der russischen Botschaft in Prag. Bild: Reuters

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«Feigheit ist die häufigste und die schlimmste Sünde der Welt», sagte Oleg Senzow, als er von einem russischen Gericht zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde. An Mut mangelt es dem 42-jährigen ukrainischen Filmemacher bestimmt nicht. Seit drei Jahren sitzt er im Arbeitslager, seit bald vier Monaten befindet er sich im Hungerstreik. Sein Zustand sei katastrophal, sagen seine Angehörigen, während russische Beamte wissen lassen, er sehe nicht schlecht aus. Um der Zwangsernährung zu entgehen, isst Senzow inzwischen wieder ein paar Löffel am Tag. Genug, um nicht gleich zu sterben, aber zu wenig, um zu leben.

Als der Hungerstreik im Mai begann, hofften seine Anhänger, Russlands Präsident Wladimir Putin werde etwas Milde walten lassen und kurz vor Beginn der Fussball-WM mit der Entlassung Senzows ein versöhnliches Zeichen setzen. An internationaler Fürsprache mangelte es nicht: Menschenrechtler, Kulturschaffende, die EU, die deutsche Kanzlerin Merkel, der französische Präsident Macron und viele andere haben sich für den Mann eingesetzt, den auch russische Menschenrechtsorganisationen als politischen Häftling bezeichnen.

Genützt hat alles nichts. Senzow sitzt immer noch in der Strafkolonie Weisser Bär in Labytnangi. Der Ort liegt hinter dem Polarkreis, im Sommer wird es dort gerade mal 14 Grad warm, im Winter oft bis zu minus 50 Grad kalt. Diese Woche wurden in den USA mehr als 100'000 Unterschriften für Senzow gesammelt, sie sollen US-Präsident Donald Trump unterbreitet werden, damit er sich bei Putin für die Freilassung Senzows starkmacht.

Zeugenaussage unter Folter

Der Künstler, der mit seinem Debütfilm «Gamer» 2012 erstmals international Erfolg hatte, stammt von den Krim, ein ethnischer Russe, aber stolz auf sein Heimatland Ukraine. 2014 schloss er sich den Maidan-Demonstrationen in Kiew an. Als die Krim von Russland annektiert wurde, protestierte er und versorgte ukrainische Soldaten mit Essen, die in ihren Kasernen blockiert waren.

Die Verweigerung von Nahrung war schon zur Sowjetzeit ein politisches Kampfmittel.

Doch angeklagt wurde er nicht deshalb. Ihm wird zur Last gelegt, eine «terroristische Gruppe» angeführt zu haben. Die vier Angeklagten sollen im April 2014 bei zwei Büros russischer Parteien in Simferopol Feuer gelegt haben. Beim ersten verbrannte die Tür, beim zweiten ein Fenster und Teile einer Küche. Die Anschläge erfolgten in der Nacht, es kamen keine Personen zu Schaden. Der Sachschaden beläuft sich auf einige tausend Franken. Dennoch wurde ein Verfahren wegen Terrorismus eröffnet, vier Männer wurden verhaftet. Unter ihnen Senzow, der beschuldigt wurde, den Befehl für die Anschläge gegeben zu haben. Er bestreitet dies kategorisch.

Direkte Beweise für Senzows Beteiligung an den Aktionen gibt es nicht. Das Gericht stützte sich beim Urteil allein auf die Aussagen von zwei Beteiligten. Der eine hat später seine Beschuldigung gegen Senzow widerrufen, die belastende Aussage sei unter Folter zustande gekommen. Beobachter bezeichneten den Prozess als abgekartetes Spiel.

Senzow erklärte, Polizisten hätten bei seiner Verhaftung von ihm verlangt, dass er gegen die Führer der Maidanproteste in Kiew aussage, und das Urteil davon abhängig gemacht: «Wenn sie den Befehl gegeben haben, bekommst du sieben Jahre Haft. Wenn nicht, tja, dann bekommst du 20 Jahre.» Senzow ist nicht auf den Deal eingegangen und hat die 20 Jahre kassiert.

Im Juli demonstrierten in Kiew Menschen für die Freilassung von Oleg Senzow und anderen Ukrainern, die aus politischen Gründen eingesperrt wurden. Bild: Reuters.

Er habe keine Angst vor diesen langen Jahren im Gefängnis, sagte er vor Gericht trotzig. «Weil ich weiss, dass euer Regime viel früher enden wird.» Bisher sieht es nicht so aus, als könnte er wie die ukrainische Pilotin Nadja Sawtschenko früher freikommen. Sie war 2014 von einem russischen Gericht zu 22 Jahren verurteilt worden. Auch Sawtschenko begann einen Hungerstreik und wurde zwei Jahre später im Rahmen eines Gefangenenaustauschs freigelassen. Im Falle Senzows stellt sich Russland aber auf den Standpunkt, er sei als Einwohner der Krim ein russischer Bürger und könne deshalb gar nicht an die Ukraine überstellt werden. Senzow lehnt die ihm im Zuge der Annexion verliehene russische Staatsbürgerschaft vehement ab.

Ein probates politisches Kampfmittel

Und um Milde will der Filmemacher den Kreml nicht bitten. Denn das Ziel seines Hungerstreiks ist nicht die eigene Freilassung, sondern die der anderen Ukrainer, die wegen Widerstands in russischen Gefängnissen sitzen. Dabei geht es um mehrere Dutzend Personen, einzelne von ihnen haben ebenfalls einen Hungerstreik begonnen. Die Verweigerung von Nahrung war schon zur Sowjetzeit ein probates politisches Kampfmittel. Damit konnten sich Dissidenten dem Regime entziehen und Aufmerksamkeit im Westen gewinnen.

Der bekannteste Hungerstreikende war Anatoli Martschenko, der vom Sowjetstaat die Freilassung aller politischer Gefangenen forderte. Er hungerte 117 Tage. Zehn Tage später starb er und erlebte deshalb nicht mehr, wie seine Forderung in Erfüllung ging, als Michail Gorbatschow 1987 alle politischen Gefangenen begnadigte. Vermutlich hat Martschenko die Freilassungen zwar nicht ausgelöst, aber zumindest beschleunigt.

Die allermeisten Hungerstreiks hatten allerdings nur gesundheitliche und keine politischen Folgen. Beobachter befürchten, dass es auch im Fall von Oleg Senzow so sein könnte. Ein Hungerstreik könne nur etwas bewegen, wenn die Gegenseite eine Art von Einsicht zeige. Doch der Kreml scheine eher dazu geneigt, an dem Filmemacher ein Exempel zu statuieren, sagen ukrainische Kommentatoren. Putin habe beschlossen, Senzow einfach sterben zu lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2018, 16:28 Uhr

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