Mehr Anschläge, weniger Tote

Die Zahl der Terroropfer sinkt weltweit. Westeuropa hat neben dem Jihadismus aber ein neues Problem.

Sind in Westeuropa in den letzten Jahren seltener geworden: Terroranschläge wie dieser 2016 auf einen Berliner Weihnachtsmarkt.

Sind in Westeuropa in den letzten Jahren seltener geworden: Terroranschläge wie dieser 2016 auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Terrorismus ist in jüngster Zeit ein wenig aus der allgemeinen Wahrnehmung verschwunden. Meldungen über Anschläge sind seltener geworden, der Islamische Staat ist kaum mehr ein Thema. Mag sein, dass die Medien und die Öffentlichkeit im Zuge der zahlreichen Vorfälle in den letzten Jahren abgestumpft sind. Fakt ist aber auch, dass Terror immer weniger Tote fordert, bei uns in Westeuropa, aber auch in anderen Regionen.

Die Zahl der Opfer terroristischer Anschläge ist im vergangenen Jahr zum dritten Mal hintereinander deutlich gesunken: 2017 wurden weltweit 18’814 Menschen bei Terroranschlägen getötet – 27 Prozent weniger als noch im Jahr zuvor. Seit dem blutigen Höhepunkt 2014 hat sich die Opferzahl sogar fast halbiert. Das geht aus dem neusten Globalen Terrorismus-Index der Denkfabrik Institute for Economics and Peace (IEP) hervor.

In Westeuropa sank die Zahl der Terroropfer noch deutlicher, von 168 im Jahr 2016 auf 81 im vergangenen Jahr. Belgien, Deutschland, Frankreich und die Türkei – alles Länder, die besonders in den Fokus von Islamisten geraten sind – verzeichneten den stärksten Rückgang. Und dies, obwohl die Anzahl der Vorfälle zugenommen hat.

2017 kam es in Europa zu 282 Anschlägen und damit 29 mehr als noch 2016. Dass es trotzdem weniger Tote gab als in den Jahren zuvor, führt der Bericht vor allem auf zwei Faktoren zurück: die eingeschränkte Handlungsfähigkeit der Jihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) und verstärkte Anti-Terror-Massnahmen, die zumindest kurzfristig wirkten.

Westeuropa und Nordamerika haben dafür ein neues Problem mit Terrorismus aus der rechten Szene. 2017 gingen in diesen beiden Regionen 17 Tote auf das Konto des «politischen rechtsextremen Terrors», wie es in dem Bericht heisst. Seit 2014 waren es sogar 65. Abgesehen von 2011, als der Rechtsextreme Anders Breivik auf der norwegischen Insel Utøya 77 Menschen ermordete, wurde vor allem in den letzten Jahren eine Häufung festgestellt.

Auch die Anzahl rechtsextremer Anschläge nimmt laufend zu. In den 13 Jahren bis 2014 waren es insgesamt 49, in den vier Jahren danach 118 beziehungsweise mehr als doppelt so viele. Betrachtet man nur Westeuropa, haben sich die Vorfälle sogar verdreifacht.

Am stärksten unter Terrorismus leiden aber immer noch der Nahe Osten und Nordafrika. Danach kommen Südostasien und andere afrikanische Länder. Europa ist im Vergleich zu diesen Regionen weit weniger betroffen. Von 2002 bis 2017 gab es hier gut 2400 Anschläge. Im Nahen Osten und in Nordafrika waren es im gleichen Zeitraum mehr als 91’000, also fast 40-mal so viele.

Das Land mit den meisten Vorfällen 2017 war Afghanistan. Dort registrierten die Experten 434 Attacken auf die Polizei und das Militär sowie 256 Anschläge auf Zivilisten. Afghanistan und neun andere Länder beklagten zusammen 84 Prozent der Todesopfer weltweit.

Die meisten Terrortoten gab es im vergangenen Jahr bei einem Anschlag der Terrorgruppe Shebab in Somalia. Durch eine Autobombe vor einem Hotel kamen 587 Menschen ums Leben. Die zweitschlimmste Attacke verübte der IS in Ägypten, wo 311 Menschen getötet wurden. Die genannten Länder verzeichneten von 2016 auf 2017 denn auch den höchsten Anstieg bei den Opfern. Die Todeszahlen nahmen um 93 respektive 123 Prozent zu.

«Stärkere Terrorismusbekämpfung und bessere Überwachung haben zur drastischen Abnahme beigetragen.»Steve Killela, Präsident Institute for Economics and Peace

Weltweit die meisten Opfer hat nach wie vor der IS zu verantworten, allerdings mit deutlich sinkender Tendenz. Die Zahl der Toten bei Anschlägen der Terrormiliz sank 2017 um mehr als die Hälfte im Vergleich zum Vorjahr. «Der IS hat aufgrund seiner militärischen Niederlagen und eingeschränkten Möglichkeiten seine Kernattraktivität verloren», sagt IEP-Präsident Steve Killela. Die stärkere Terrorismusbekämpfung und bessere Überwachungstechniken hätten zur drastischen Abnahme der Terroropfer beigetragen.

Schätzungen für das laufende Jahr 2018 lassen ein weiteres Absinken der Anzahl von Terroropfern vermuten. So seien zwischen Januar und Oktober in Westeuropa weniger als zehn Todesopfer gemeldet worden, heisst es im Bericht. Beunruhigend sei allerdings die Zunahme von rechtsextremen Gewalttaten.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 16:00 Uhr

Artikel zum Thema

So gefährlich ist rechtsextremer Terror in den USA

Trump verharmlost die Bedrohung, die von Rechtsradikalen ausgeht. Sie sind für einen Grossteil der Anschläge in Amerika verantwortlich. Mehr...

«Der mediale Overkill spielt den Terroristen in die Hände»

Das Schweizer Fernsehen brachte keine Sondersendung zum Terroranschlag in Manchester. Eine mediale Fehlleistung? Chefredaktor Tristan Brenn bezieht Stellung. Mehr...

Der Jihad-Aufruf in Bümpliz und die Terror-Connections des IZRS

Infografik Auffällig viele Personen aus dem Dunstkreis des Islamischen Zentralrats der Schweiz sind als Jihadisten nach Syrien gereist. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...