Was zu beweisen ist

Die Briten beschuldigen Moskau, hinter dem Giftanschlag auf einen Ex-Spion zu stehen. Doch stimmt das? Ein Experte zweifelt.

In diesem Ambulanzfahrzeug wurden die beiden Opfer des Giftanschlags ins Spital transportiert. Foto: Neil Hall (Keystone, EPA)

In diesem Ambulanzfahrzeug wurden die beiden Opfer des Giftanschlags ins Spital transportiert. Foto: Neil Hall (Keystone, EPA)

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Kriminalistische Untersuchungen gehören oft zu den schwierigsten und langwierigsten Unterfangen überhaupt. Beweise müssen gesichert und analysiert, Zeugen befragt, Widersprüche aufgeklärt werden. Am Ende steht, mühsam zusammengetragen, das Ergebnis. Die Ermittlung wegen versuchten Mordes am früheren Oberst des russischen Militärgeheimdienstes GRU, Sergei Skripal, und dessen Tochter Julia folgte allerdings einem anderen Muster.

Am 4. März wurden die beiden bewusstlos auf einer Parkbank im britischen Salisbury entdeckt und in ein Krankenhaus gebracht. Die medizinische Ursache ihrer Vergiftung liess sich schnell klären. Experten der nahe Salisbury gelegenen staatlichen britischen Forschungsstätte für Kampfstoffe in Porton Down stellten fest, dass die ­beiden einem einst in der Sowjetunion ent­wickelten Kampfstoff aus einer Gruppe namens Nowitschok ausgesetzt waren. Die Forscher in Porton Down gehören zu den besten der Welt, seit dem Ersten Weltkrieg wird dort an Kampfstoffen ­geforscht.

Vergleichsproben fehlen

Gerade mal acht Tage nach der Tat schien dann bereits der Urheber des Anschlags festzustehen: Die britische Regierungschefin Theresa May beschuldigte Russland der Tat. Ihr Aussenminister Boris Johnson schärfte noch nach: «Höchstwahrscheinlich» habe Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich den ersten Einsatz einer Massenvernichtungswaffe auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg angeordnet, sagte er selbstbewusst. Auf dem Treffen der Staats- und Regierungschefs der EU Ende März in Brüssel überzeugte May dann mit einem langen Vortrag die meisten ihrer Kollegen, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es folgten ­Massenausweisungen von Diplomaten und wütende Dementis des Kreml. Manche fühlen sich an die Zeiten des Kalten Krieges erinnert.

Video – Über 100 russische Diplomaten ausgewiesen

Neben zahlreichen EU-Staaten beteiligten sich unter anderen auch die USA an der Aktion. (Video: Tamedia, AFP)

Ausgerechnet aus Porton Down kam diesen Dienstag ein bemerkenswertes Eingeständnis: Der Labor-Chef, Gary Aitkenhead, sagte, man sei gar nicht in der Lage, nachzuweisen, dass das Gift tatsächlich in Russland hergestellt worden sei. Solche chemischen Analysen sind schwierig, vor allem wenn es keine Vergleichsproben gibt. Aussenminister ­Boris Johnson aber hatte zuvor in einem Interview mit der Deutschen Welle behauptet, die Experten in Porton Down hätten «keinen Zweifel» an der Herkunft, das hätten sie ihm selbst ­versichert.

Die Forscher in Porton Down gehören zu den besten der Welt.

Nun stellt sich die Frage neu: Wie belastbar sind die Belege, die London vorgelegt hat? Haben die britische Regierung und ihre Verbündeten zu schnell auf Russland als einzig möglichen Ur­heber der Attacke geschlossen? Seit ­Wochen bemühen sich britische Diplomaten und Geheimdienstler darum, ihre amerikanischen und europäischen Kollegen von der russischen Urheberschaft zu überzeugen. Ihre Argumentation ähnelt jener von Premierministerin May beim Brüsseler Treffen. Dort präsentierte sie sogenannte Plausibilitätsketten, wonach es gar keine «andere überzeugende Erklärung» geben könne.

Bildstrecke: Skripal wurde offenbar zu Hause vergiftet

Die Sowjetunion, so die britische Argumentation, habe den Kampfstoff entwickelt, nur professionelle und im Umgang mit Kampfstoffen geschulte Täter seien in der Lage, die Chemikalie nach Grossbritannien zu schmuggeln und am Türknopf von Skripals Haus zu platzieren. Kriminelle schieden damit weitgehend aus. Auch das Motiv sei klar: eine Warnung an alle Überläufer, dass ihnen der Tod drohe. Deshalb habe sich Russland entschieden, Nowitschok einzusetzen und die Urheberschaft erst gar nicht zu verschleiern. Skripal sei das perfekte Ziel: ein ehemaliger Offizier, der später als Angehöriger des sogenannten Ersten Direktorats des GRU – zuständig für Europa – russische Agenten an den britischen Geheimdienst verraten habe.

Ausgerechnet vor der WM?

Hinzu kommen nach britischen An­gaben nachrichtendienstliche Erkenntnisse, dass Russland in den vergangenen Jahren an Methoden gearbeitet habe, Nervengifte einzusetzen. «Wahrscheinlich für Attentatszwecke», heisst es in einem britischen Dossier. Hierfür seien auch kleine Mengen von Nowitschok hergestellt worden. In ihren Präsentationen für die Partnerländer erklären die Briten den Anschlag zum jüngsten Beispiel für Russlands destabilisierendes Verhalten, in einer Reihe mit der Besetzung der Krim, der vermuteten Beeinflussung der US-Wahlen oder dem Abschuss der Passagiermaschine von Flug MH-17. Als ersten Beleg aber nennen die Briten einen Anschlag aus dem November 2006: den Mord durch hochgiftiges Polonium an Alexander Litwinenko, einem russischen Geheimdienstler, der zum MI 6 überlief.

Nicht überall hat die britische Argumentation restlos überzeugt. Bei manchen europäischen Nachrichtendiensten wird sie zwar als «plausibel» oder «wahrscheinlich» eingestuft – es gebe schliesslich kein anderes wahrschein­liches Szenario. Andere Dienste aber sind vorsichtiger und halten die russische Urheberschaft für «möglich.» ­Zwingende Beweise jedenfalls scheinen auch zwischen den Geheimdiensten nicht ausgetauscht worden zu sein. Offiziell will sich niemand äussern, die Sache ist heikel, es folgt der Hinweis, die Politik habe sich schliesslich schon «festgelegt». Dafür meldete sich der ehemalige Chef des deutschen Nachrichtendienstes BND, Gerhard Schindler, zu Wort: «Ich glaube die Beleglage ist nicht so robust», sagte er.

Die Liste der Staaten, die das Gift produzieren konnten, ist ziemlich lang.

Tatsächlich sind andere Szenarien nicht ausgeschlossen. Das Geheimnis der Nowitschok-Kampfstoffe kam durch Überläufer in den Westen. Die Liste der Staaten, die das Gift produzieren konnten, ist ziemlich lang. Könnte es Kriminellen in die Hände gefallen sein? Manche Analysten zweifeln zudem daran, dass der Kreml ausgerechnet vor der anstehenden Fussball-WM in Russland eine Liquidation in Auftrag gegeben haben soll. Die Behauptung von Aussenminister Johnson, Putin stecke «höchstwahrscheinlich» persönlich dahinter, hat selbst bei manchen Verbündeten Kopfschütteln hervorgerufen. Das tun allerdings auch die immer wilderen Verschwörungstheorien aus Moskau. Zuletzt erklärte der Chef des Auslands­geheimdienstes SWR, es handele sich um eine «groteske, von amerikanischen und britischen Geheimdiensten ausgeheckte Provokation».

Selbst europäische Spitzendiplomaten mahnen inzwischen, London müsse mehr Belege liefern. Man zweifele ja nicht daran, dass Russland destabilisiere und provoziere. Aber es entstehe der Eindruck, dass die bisher härteste Reaktion auf dieses Verhalten ausgerechnet auf einen Vorfall folge, bei dem die Beweislage eben doch nicht so eindeutig sei wie zunächst behauptet. Möglich ist allerdings, dass die Briten neben ihren «Plausibilitätsketten» über nachrichtendienstliche Erkenntnisse verfügen, die sie geheim halten, etwa, um die Quelle nicht zu gefährden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.04.2018, 07:39 Uhr

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