Und ewig ist 1933

Chemnitz, EU-Rahmenvertrag, Trump: Zu viel wird mit Hitlers Machtergreifung verglichen.

Genauso gut, wie sich Geschichte zum Erkenntnisgewinn verwenden lässt, kann man sie auch für Propaganda missbrauchen. Foto: Franz Roth/ AP Photo (Keystone)

Genauso gut, wie sich Geschichte zum Erkenntnisgewinn verwenden lässt, kann man sie auch für Propaganda missbrauchen. Foto: Franz Roth/ AP Photo (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geschichte als Selbstbedienungs­laden: Wenn in Chemnitz Bürger randalieren, sind Rechtsstaat und Demokratie in existenzieller Gefahr. Wie 1933. Wenn die Schweiz über einen institutionellen Rahmenvertrag mit der Europäischen Union verhandelt, dröhnt es schicksalsschwanger aus Herrliberg: «Hier kommt sie wieder, die ewige Frage unserer Geschichte: Widerstand oder Anpassung?» Es ist wieder 1933, die Schweiz, das kleine Stachelschwein, darf sich nicht mit Nazideutschland gleichschalten lassen. Und Trump sowieso: Er lügt wie Hitler, ist ein Rassist wie Hitler, die Verblendeten folgen ihm wie einem neuen Hitler. Es ist 1933.

Natürlich: Wer sich so der Geschichte bedient, handelt in bester Absicht. Es gilt das Zitat, das dem Philosophen George Santayana zugeschrieben wird: «Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.» Erinnerung ist wichtig. Der mörderische Schrecken des Nationalsozialismus darf sich so wenig wiederholen wie derjenige des Stalinismus. Es ist richtig, Geschichte zu studieren, damit wir heute gescheiter werden. Nur: Was genau man aus der Geschichte lernen kann, ist selten so wunderbar eindeutig, wie das Politiker und Leitartikler glauben machen. Genauso gut, wie sich Geschichte zum Erkenntnisgewinn verwenden lässt, kann man sie auch für Propaganda missbrauchen.

Nein, 2018 ist nicht 1291, nicht 1848 oder 1914, nicht 1939 oder 1989. Was an diesen Daten geschehen ist, unterliegt ständig einer historischen Neubeurteilung. Waren es Hitlers Charisma, der Versailler Vertrag, die Weltwirtschaftskrise, Überdruss mit der Demokratie oder die Begünstigung durch die Grossindustrie, die zur nationalsozialistischen Machtergreifung geführt haben? Die Historiker streiten. Wir sollten es auch tun und uns nicht simple Analogien einreden lassen.

Zum Thema EU-Krise und Rahmenabkommen streiten an einem Podium des «Tages-Anzeigers» Christa Markwalder, Gerhard Pfister und Christoph Blocher. Morgen Dienstag, Kaufleuten Zürich, Türöffnung 19 Uhr. www.kaufleuten.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2018, 21:21 Uhr

Artikel zum Thema

Distanz zu Rechtsradikalen war früher

Video Die AfD tritt Seite an Seite mit rechtsradikalen Gruppen auf. Politiker fordern nun, der Geheimdienst müsse die Partei beobachten. Mehr...

Deutschland und die Angst vor Messern

Zahlen zeigen: Delikte mit Stichwaffen haben zugenommen. Dazu haben wohl auch Flüchtlinge beigetragen. Was propagandistisch ausgeschlachtet wird. Mehr...

Hauptsache, Hass

Sie nennen sich selber Patrioten. Sie fordern die Abschiebung aller illegalen Migranten und die Abschaffung des Asylrechts – zur Verteidigung der Schweiz. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...