Trumps fragwürdige Tweets

US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump liebt die Selbstinszenierung. Auch beim Twittern zieht er alle Register. Sogar seiner Ehefrau wäre es lieber, er würde es lassen.

Geniesst auf Twitter grosse Aufmerksamkeit: Donald Trump am Telefon während eines Mittagessens in North Charleston. (18. Februar 2016)

Geniesst auf Twitter grosse Aufmerksamkeit: Donald Trump am Telefon während eines Mittagessens in North Charleston. (18. Februar 2016)

(Bild: Keystone Matt Rourke)

Donald Trump liebt das Twittern, Millionen folgen ihm. Er zitiert gern ihm gefällige Tweets und retweetet eifrig - mit einem grossen Haken. Manchmal sind die Quellen mehr als dubios.

Donald Trump findet viele seiner Tweets einfach genial, aber seine Frau ist von dem Gezwitscher nicht so begeistert. Welche Gewohnheit sollte ihr Mann am besten aufgeben, wurde Melania Trump kürzlich in einer Fernsehshow des Senders NBC gefragt. «Lasst mich nachdenken», sagte sie und antworte dann nach einer kurzen Pause: «Das Twittern.»

Manchmal brillant, manchmal mit Fehlern

Sie steht mit ihrem Wunsch nicht allein da. Auch viele Wahlkampfberater sehen Trumps Leidenschaft für den Kurznachrichtendienst bestenfalls mit gemischten Gefühlen. Wie der republikanische US-Präsidentschaftsbewerber Twitter benutzt, ist so unorthodox wie seine gesamte politische Kampagne: unberechenbar, ungefiltert, manchmal brillant und bisweilen gespickt mit Fehlern. Seine Schar von Anhängern ist riesig, eine grosse Anzahl von Twitter-Accounts scheinen fast ausschliesslich ihm gewidmet zu sein.

Aber Trumps Schwäche fürs Twittern hat auch ihre Risiken, ihm wiederholt geschadet. So neigt der derzeitige klare Spitzenreiter im republikanischen Vorwahlrennen dazu, seinen 7,7 Millionen Followern Kommentare seiner Fans vor Augen zu führen - oft, so scheint es, ohne sich gross um die Quelle zu scheren.

So hat er zwei Mal ein Konto mit der Bezeichnung WhiteGenocideTM zitiert. White Genocide heisst übersetzt Weisser Völkermord. Und erst vor ein paar Tagen gab er eine Botschaft von einem Account mit einem Benutzernamen wider, der sich auf Masturbation bezog. Die Identitäten hinter vielen Konten, mit denen Trump interagiert, sind nebelhaft.

Dubiose Beispiele

Wer immer die mysteriösen Nutzer auch sein mögen: Sie versorgen den Immobilienmogul manchmal mit Informationen, die in seine Äusserungen in sozialen Medien, in Wahlkampfreden oder auch Fernseh-Interviews einfliessen. Hier ein paar Beispiele:

  • Wegen schwacher Umfragewerte in der weiblichen Wählerschaft attackiert, retweetete Trump die Aussage eines Anhängers, nach der er von 15 000 Frauengruppen unterstützt werde.
  • Um zu zeigen, wie gross der Unmut der Basis über das republikanische Delegierten-Auswahlverfahren für die Nominierung des Spitzenkandidaten sei, zitierte Trump einen Unterstützer, der von einer Million verschickten Protest-Postkarten an den Parteivorstand sprach.
  • Nachdem ein Mann auf einer Kundgebung in Michigan auf die Rednerbühne gesprungen war und überwältigt werden musste, machte sich Trump die Behauptung eines Follower zu eigen, der zufolge die Person Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat gehabt habe.
  • Um Vorwürfe zu entkräften, dass er Frauen nicht als gleichberechtigt behandele, retweetete Trump die Feststellung eines Unterstützers, nach der die meisten Topmanager in dessen Unternehmensimperium weiblich seien.

In allen diesen Fällen gibt es keinerlei Beweise dafür, dass die Behauptungen zutreffen.

Oft ist es Lob für ihn selbst oder harsche Kritik an einem seiner Rivalen, das von Trump erwähnt, zitiert oder retweetet wird. Senator Ted Cruz aus Texas, sein schärfster Gegner im Vorwahlrennen, sticht als Ziel der Twitter-Aktivitäten besonders hervor. Zu den berüchtigsten Retweets gehört ein Mem, das sich über das Aussehen von Ehefrau Heidi Cruz mokiert. Dem wurde ein Foto der glamourösen Melania Trump entgegengesetzt.

Automatische Posts

Das Original-Tweet stammte von einem Nutzer namens Don_Vito_08, der bis zu 23 selbsterzeugte Trump-Meme pro Stunde twittert. Der Multimilliardär räumte später ein, dass das Retweeten des Fotos ein Fehler gewesen sei und ihn diese Praxis generell in Schwierigkeiten bringen könne.

Aber noch am vergangenen Dienstag repostete er Kommentare vom Account eines als «neo-Boer» beschriebenen Nutzers - ein Bezug auf die weissen Südafrikaner, die während der Apartheid regierten. Bei einigen der von Trump aufgegriffenen Tweets gibt es Anzeichen dafür, dass sie von Konten stammten, die so programmiert sind, dass sie die Botschaften automatisch posten.

Übertriebene Darstellung

Patrick Ruffini, ein Washingtoner Medienberater und Trump-Gegner, hat sich eine kleine Gruppe von Followern des Republikaners näher angeschaut. Nach seinen Angaben verbinden manche automatische Tweets mit von Menschen erzeugtem Content, um die Unterstützung für Trump online übertrieben darzustellen. Konten, die Ruffini im Verdacht hatte, involviert zu sein, begannen mit dem Posten von Botschaften, die sich über ihn lustig machten - gefolgt von einer Welle von Pornografie.

«Wenn du versuchst, davon zu überzeugen, dass du wirklich echt bist», so Ruffini im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP, «dann ist es nicht hilfreich, solche koordinierten Attacken loszulassen.»

Ändert sich etwas an Trumps Praxis, sollte er tatsächlich Spitzenkandidat der Republikaner werden? Viele Experten meinen, dass er sich zwangsläufig dann auch in diesen Bereich wird mässigen müssen - auch wenn Melania wohl kaum ihren Wunsch erfüllt bekommen dürfte, dass ihr Mann mit dem Twittern aufhört.

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