Töchter des Krieges

Syrische Flüchtlingsmädchen werden im Libanon zwangsverheiratet, weil ihre Eltern keinen anderen Ausweg aus dem Elend sehen. Was folgt, sind Gewalt und Missbrauch.

Erst 18 Jahre alt und schon geschieden: Die mit 15 zwangsverheiratete Amina reist heute von Zeltlager zu Zeltlager und warnt vor den Frühehen aus Not. Foto: Erol Gurian

Erst 18 Jahre alt und schon geschieden: Die mit 15 zwangsverheiratete Amina reist heute von Zeltlager zu Zeltlager und warnt vor den Frühehen aus Not. Foto: Erol Gurian

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Macht, was ihr für richtig haltet», diese Worte raunte sie damals ihren Eltern zu, als der Bräutigam in spe um ihre Hand anhielt. Heute bereut sie den Satz. Amina, 18 Jahre alt, zieht eine Nadel aus ihrem Kopftuch, sticht Löcher in die Alufolie, die den Tabakkopf der Wasserpfeife umschliesst. Sie legt heisse Kohle darauf, nimmt einen tiefen Zug: In der Öffentlichkeit rauchen darf sie nur, weil sie geschieden ist. Geheiratet hatte Amina mit 15, die Ehe dauerte drei Monate, zuvor war sie drei Wochen verlobt. Drei sei ihre Unglückszahl, sagt sie.

Die junge Frau ist eine von etlichen, die in den Flüchtlingslagern im Libanon und in Jordanien als Minderjährige verheiratet werden. Seit Ausbruch des Syrienkrieges, warnen die Vereinten Nationen, habe sich die Zahl der Kinderheiraten unter Syrern vervierfacht.

Amina, die Älteste von fünf Geschwistern, hatte lange das Gefühl gehabt, für ihre Eltern eine Last zu sein. Es begann, als die Familie 2011 aus einem Vorort von Damaskus ins libanesische Bekaa-Tal floh. Die zweistündige Autofahrt erschien ihr wie eine Reise in die Zukunft: Für syrische Beduinen wie sie ist das Zugehörigkeitsgefühl zum eigenen Stamm dauerhaft stark, auch wenn die Jungen zum Arbeiten oder Studieren in die Stadt ziehen. Schon die Offenheit der syrischen Mittelschicht ist ihnen fremd, noch fremder sind ihnen die Libanesen, deren Land in der arabischen Welt als offen, westlich und modern gilt.

Der Vater trinkt

Aminas Vater fand im Libanon keine Arbeit. In Syrien war er Eventplaner gewesen, organisierte Hochzeiten, kannte alle, die man kennen musste, um gut davon zu leben. Im Libanon kannte er niemanden, lungerte nur im Zelt herum. Amina dachte sich, es sei an der Zeit, ein eigenes Haus zu eröffnen, wie man im Arabischen sagt – also Verantwortung zu tragen. Ein liebevoller Mann, der für sie sorgt und den sie umsorgt; süsse Kinder, mit denen sie spielt: Das waren ihre Träume mit 15.

Aminas Vater trinkt viel, als wollte er sein schlechtes Gewissen betäuben. Dabei wollte er damals nur, dass Amina das Flüchtlingsdasein hinter sich lässt, einen Weg findet aus dem elenden Zeltlager ohne Privatsphäre, die Blicke der Nachbarn stets auf dem Rücken des unverheirateten Mädchens, das ständige Gerede: Wo geht sie hin, mit wem, und was hat sie an? Wie kann ein Vater seine Tochter nur aus den Augen lassen?

Die Amerikanische Universität in Beirut und die libanesische Hilfsorganisation Sawa befragten im vergangenen Jahr 2400 syrische Flüchtlingsfrauen im westlichen Bekaa-Tal. Ergebnis: Unter den 15- bis 17-jährigen Flüchtlingsmädchen waren 24 Prozent verheiratet. Unter den 16-Jährigen gingen nur 17 Prozent zur Schule. Im Libanon gibt es kein landesweit gültiges Mindestalter für Eheschliessungen, die verschiedenen christlichen und islamischen Konfessionen des Landes haben jeweils eigene Regeln. Einige erlauben, dass schon Mädchen unter 15 Jahren heiraten.

Vergewaltigungen, immer wieder

In der Heimat, in Syrien, hätte sie so einer Hochzeit nie zugestimmt, sagt Amina, «ich hätte auf jeden Fall gewartet, bis ich 18 bin.» Wenn sie über ihren Ex-Mann spricht, zittert die zierliche Frau, umklammert das Mundstück der Wasserpfeife so fest, dass die Fingerknöchel weiss hervortreten. Ihr Ex-Mann Hussein also, ein 26-jähriger Libanese, ein Bauer aus den Bergen, drei Stunden Autofahrt vom Flüchtlingslager, von ihren Eltern entfernt. Sie zog zu ihm, in ein Zelt mit Fernseher, aber ohne Warmwasser. Kam Hussein von der Arbeit, musste das Wasser zum Duschen vorgewärmt sein, andernfalls schrie er sie an, ignorierte das Essen, legte sich schlafen. Wenn er dann später aufstand, schrie er sie an, weil das Essen kalt war. Manchmal ging er auch direkt nach der Arbeit zu seiner Ex-Freundin. Immer wieder schlug er Amina, zwang sie zum Sex.

Nach drei Monaten floh Amina zu ihren Eltern und verlangte die Scheidung. Seitdem hat sie Hussein nicht mehr gesehen. Es stellte sich heraus, dass der Imam, der den Ehevertrag im Zelt unterschrieben hatte, kein echter Imam war und die Ehe nicht rechtsgültig. So hat Amina aber auch keinen Anspruch auf die Brautgabe, die die Frau im Fall einer Scheidung absichern soll. Anfangs machte sie ihre Eltern für ihr Leid verantwortlich, mittlerweile sei sie überzeugt, sagte sie, dass es «Nasib» war, ihr Schicksal, das Gott ihr zuschrieb. Männer hasse sie trotzdem.

Männer nutzen Notlage aus

Das Problem der Kinderheiraten sei unter Syrern nicht neu, sagt Laila Assi, doch der Krieg habe die Zahlen explodieren lassen. Die 26-jährige Sozialarbeiterin der libanesischen Hilfsorganisation Beyond sagt, Armut und die Sorge um die Zukunft ihrer Kinder bewegten viele Eltern zu diesem Schritt. Oft wüssten sie, dass es zu früh ist, doch redeten sie sich ein, Gutes zu tun, ihren Kindern eine Perspektive zu geben. Hinzu kommen viele Kriegswitwen, die ihre Töchter verheiraten, weil sie nicht allein für sie sorgen können. Viele Männer nutzten die Notlage der Flüchtlings­familien aus, sagt Laila Assi: «Eigentlich ist es eine Vergewaltigung – mit reli­giö­ser Legitimierung.»

Die 18-jährige Gawaher fühlt sich bis heute missbraucht. Mit 16 heiratete die Syrerin einen Libanesen, der mit 53 Jahren mehr als dreimal so alt war wie sie. Sie sitzt in dem dunklen Zelt, in dem sie mit ihrer Familie haust, umgeben von Kanälen voller Müll. In einer Babyschaukel schmatzt Leen an ihren Fingerchen, die fast einjährige Tochter aus Gawahers Ehe. Sie war gerade beim Abwaschen damals, als ihre Eltern sie vor vollendete Tatsachen stellten: Pack deine Sachen, sagten sie, du gehst mit ihm mit. Ihr blieb nicht einmal Zeit, um sich um­zuziehen. Als sie schwanger wurde, brachte der Ehemann sie zurück zu den Eltern und leugnete die Vaterschaft. Ein Gericht ordnete einen DNA-Test an, der Mann muss Unterhalt zahlen. Nun will Gawaher die Scheidung. Ihr Mann dürfte wohl zustimmen, sagt sie: «Er hat ja bekommen, was er wollte.» Nämlich in erster Linie Sex.

Die Kinder weggenommen

Auch Gawahers Schwester Bashayer (20) wurde mit 15 Jahren verheiratet, kurz nach Kriegsausbruch in Syrien. Ihr Ex-Mann, selbst Syrer, machte sich nach Europa auf, um für die Familie Asyl zu beantragen. Doch als er am Ziel war, wollte er seine Frau nicht nachholen. Stattdessen schickte er seine Verwandten, um ihr die Kinder wegzunehmen. Geblieben sind ihr die Bilder auf dem Smartphone: ihre kleine Tochter mit Zöpfen zusammen mit dem älteren Bruder auf einem Spielplatz. «Ihnen geht es dort besser», sagt sie, «die Verwandten meines Ex-Mannes haben mehr Geld.» Mit Tränen in den Augen schaukelt ­Bashayer ihre Nichte Leen.

Sozialarbeiterin Laila Assi arbeitet zwölf Stunden am Tag. «Viele syrische Frauen wollen nach dem Krieg nur noch eines: ein Dach über dem Kopf», sagt sie, und dafür nähmen sie einiges in Kauf. Mittlerweile haben die Flüchtlingsfrauen aus Syrien im Libanon eine regelrechte Heiratskrise ausgelöst: Libanesische Frauen haben Schwierigkeiten, einen Mann zu finden, da sie – anders als viele Syrerinnen – hohe Ansprüche stellen: Eigentumswohnung, grosse Hochzeitsfeier, Goldschmuck und eine hohe Brautgabe. Oft nähmen sich verheiratete Männer auch eine Syrerin als Zweitfrau: als fleissige, anspruchslose Hausfrau.

Gesetz soll Mädchen schützen

Zusammen mit ihren Kollegen von der Organisation Beyond versucht Laila Assi, möglichst viele gefährdete Familien in den Flüchtlingslagern aufzuklären. Und in der Tat: Nach stundenlangen Gesprächen entscheiden sich manche dagegen, ihre minderjährigen Töchter zu verheiraten. Besser aber, sagt die Sozialarbeiterin, wäre ein Gesetz, welches das Mindestalter auf 18 Jahre erhöht.

Der Aufklärung verschrieben hat sich auch Amina. Sie zieht von Grundschule zu Grundschule, von Zeltlager zu Zeltlager, um zu warnen: vor der Kinderheirat, die ihr die Kindheit gestohlen hat.

Und die Schwestern Gawaher und Bashayer träumen von einem neuen Leben. Bashayer ist wieder verlobt. «Ich glaube, er wird ein guter Mann sein», sagt sie. «Ich habe gesehen, dass er seine Schwester ganz gut behandelt.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2017, 20:33 Uhr

Artikel zum Thema

Der Libanon taumelt

1,5 Millionen Kriegsvertriebene überfordern den Libanon. Die Flüchtlinge verelenden, die Politiker sind zerstritten, und Christen fürchten um ihre Zukunft. Mehr...

Die Kosten des Krieges

Seit sechs Jahren wird in Syrien gekämpft. Der Bürgerkrieg kostete das Land bisher 218 Milliarden Franken. Das ist erst der Anfang. Mehr...

Ein Staat ohne Präsident

Ex-General Michel Aoun will Staatschef des Libanon werden. Auch im 43. Wahlgang am letzten Montag hats nicht geklappt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Zum Runden Leder Groundhog Day im Etihad

KulturStattBern Keinzigartiges Lexikon: Folge 34

Werbung

Volltreffer! Die Fussballkolumne.

Grädel schreibt über Fussball und die Welt. Wenn einer in Bern und Umgebung echten Fussballsachverstand hat, dann er.

Die Welt in Bildern

Trickkiste: Besucher schauen sich im Deutschen Hygiene Museum eine Installation des Künstlers Thorsten Brinkmann an. (22. August 2017)
(Bild: Filip Singer/EPA) Mehr...