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Symbolik statt Substanz

US-Präsident Trump hat Israelis und Palästinensern im Heiligen Land die Aufwartung gemacht. Von Frieden war nicht gross die Rede, von einem Friedensplan schon gar nicht.

So viele Stationen, so viele Probleme: Donald Trump wird von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas in Bethlehem empfangen. Foto: Thomas Coex (AFP Photo)
So viele Stationen, so viele Probleme: Donald Trump wird von Palästinenserpräsident Mahmoud Abbas in Bethlehem empfangen. Foto: Thomas Coex (AFP Photo)

Das Beste kommt natürlich immer zum Schluss, so sehen es die Dramaturgen von «Hollyton» bis «Washingwood» vor. Bis zum Schluss hat sich deshalb US-Präsident Donald Trump seine Rede in Jerusalem aufgehoben, die wechselweise als «gross», «programmatisch» und «visionär» angekündigt worden war. Als er am Dienstagmittag den fensterlosen Saal des Israel Museums betritt, erheben sich die versammelten Würdenträger – die Minister, die Rabbiner und natürlich auch die politischen Mäzene wie der US-Milliardär Sheldon Adelsons – zum Applaus. Ein kurzes Siegerlächeln, und Trump legt los. Irgendwie geht es dann auch um Liebe, unter anderem, und um Glauben und Hoffnung sowieso.

Wer erwartet hat, dass der amerikanische Präsident hier die Parameter auslegt für den neuen nahöstlichen Friedensprozess, der sitzt wohl doch im falschen Saal. Eher bunt gemischt spricht Trump in seiner nur 20 Minuten langen Rede vom Kampf gegen den Terror, vom Iran, von der Hizbollah und all den Bösen, die sich besser nicht mit ihm anlegen sollen: «Nicht mit Donald J. Trump», ruft er. Wie stets in den letzten Tagen lobt er noch den saudischen König Salman, mit dem er in Riad ein Schwertertänzchen wagte, als «sehr weisen Mann». Und vor allem preist er Israel.

«Meine Regierung wird immer an Israels Seite stehen», versichert er, spricht von der «unerschütterlichen Verbindung» zwischen den beiden Staaten sowie vom «alten und ewigen Bund» des jüdischen Volks mit dem biblischen Land. Mit ständigem Applaus wird er dafür belohnt, Premierminister Benjamin Netanyahu führt den Fanclub an, und nicht wenige jubeln hinterher über eine «zionistische Rede» Trumps. Zum Friedensprozess mit den Palästinensern kommt er bei all dem dann erst nach 15 Minuten, und nach nicht einmal 2 weiteren Minuten ist er damit auch schon wieder durch. Er spricht von «substanziellen Fortschritten», «harten Entscheidungen» und der Notwendigkeit zur «Entschlossenheit». Bei all den Plattitüden schafft er es tatsächlich, auf der gesamten Reise nicht einmal die Zweistaatenlösung oder vielleicht auch ein alternatives Konzept zu erwähnen.

Bethlehem statt Ramallah

Wie systematisch die Symbolik hier die Substanz ersetzt, ist früh am Tag schon in Bethlehem zu sehen gewesen. Für Trumps christliches Wahlvolk zu Hause klingt der biblische Ort verheissungsvoller als der palästinensische Regierungssitz Ramallah, von dem aus Mahmoud Abbas anreisen muss. Immerhin kann sich der Palästinenserpräsident nun rühmen, Trump bereits zum dritten Mal im schönen Monat Mai zu begegnen: erst im Weissen Haus, dann am Wochenende auf dem amerikanisch-arabischen Gipfel in Riad und nun beim Heimspiel im Westjordanland.

Für den wenig populären Abbas ist das ein Geschenk. Er bedankt sich dafür mit einer Ehrengarde, scheppernden Hymnen und flatternden Fahnen – einem Staatsempfang also, der fast vergessen macht, dass es diesen Staat noch gar nicht gibt. So genau scheint man das allerdings auch in der amerikanischen Delegation immer noch nicht zu wissen. Denn am Morgen war – zum wieder­holten Mal und zur wachsenden Verwunderung der Israelis – «Palästina» auf Trumps offiziellem Tagesplan erschienen. Korrekt hätte es «palästinensische Gebiete» heissen müssen.

Das ist aber dann fast schon der einzige Grund zur Freude für Abbas und die Seinen. Als der Palästinenserpräsident nach einer knapp einstündigen Unter­redung mit Trump vor die Presse tritt, ist wenig vom Frieden und viel von der Gewalt die Rede. Den Anschlag in Manchester nimmt der US-Präsident zum Anlass, sich über sein Lieblingsthema zu verbreiten: den Kampf gegen den Terror. Die Attentäter, so lässt er wissen, werde er nicht mehr «Monster» nennen, sondern «Loser», Verlierer. Etwas verloren steht dann auch Abbas daneben, als Trump verkündet: «Frieden kann nicht in einer Umgebung entstehen, in der Gewalt toleriert, finanziert oder sogar belohnt wird.» Denn das dürfen die Palästinenser durchaus persönlich nehmen, es zielt darauf ab, dass die Abbas-Regierung ihre Finanzhilfen für sogenannte «Märtyrer»-Familien einstellen soll.

Trumps Ausflüchte

Zum Frieden lässt Trump allein wissen, dass er beabsichtige, «alles in meiner Macht Stehende zu tun, um bei der Erreichung dieses Ziels zu helfen». Es bleibt dann Abbas überlassen, konkreter zu werden. Mit dem Redezettel vor der Nase betet er die palästinensischen Positionen herunter vom Staat in den Grenzen von 1967 bis zu Ostjerusalem als Hauptstadt. Den Siedlungsbau kritisiert er noch, und natürlich bekundet er seinen Willen zum Ausgleich: «Es gibt kein Problem zwischen uns und dem ­Judentum», sagt er, «unser Problem ist die Besatzung.» Fürs heimische Publikum erinnert er Trump dann noch an das Schicksal der knapp 1000 palästinensischen Häftlinge, die in israelischen Gefängnissen im Hungerstreik darben.

Sosehr sich Abbas auch bemüht, Trump hineinzuziehen ins nahöstliche Unterholz, so genau achtet der auf seine Ausfluchtwege. Sogar der Besuch der Geburtskirche in Bethlehem war kurzfristig abgesagt worden, weil auf dem Krippenplatz davor ein Unterstützerzelt für die Hungerstreikenden aufgebaut ist. Wenigstens ist dann ein bisschen mehr Zeit für die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem geblieben, für die Trumps Leute zunächst hartnäckig nur 15 Minuten einplanen wollten.

Aber überhaupt muss ja immer alles ganz schnell gehen auf diesem ersten Trip durch die Welt jenseits von Washington. So viele Stationen, so viele Probleme. 28 Stunden immerhin sind da geblieben für diesen kurzen Anlauf zum Frieden in Nahost. Ohne Plan bleibt dann alles im Plan: Pünktlich um 16.20 Uhr Ortszeit steigt die Air Force One mit dem Präsidenten an Bord in den Himmel über dem Heiligen Land auf.

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