Sie träumen von Reis und Steaks

Der Bürgerkrieg im Südsudan treibt Hunderttausende in die Flucht – und in den Hunger. Mütter sind zu schwach, um ihre Babys zu stillen. Hilfswerke sind ihre letzte Hoffnung.

Das Spital in Juba ist auf mangelernährte Kinder spezialisiert: Ein Arzt untersucht ein kleines Mädchen. Fotos: Reto Albertalli (Phovea, Unicef)

Das Spital in Juba ist auf mangelernährte Kinder spezialisiert: Ein Arzt untersucht ein kleines Mädchen. Fotos: Reto Albertalli (Phovea, Unicef)

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Mary Nyakeuth liegt auf einem Spitalbett in Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Sie ist soeben aufgewacht. Ihr Blick ist trüb. Doch als sie von ihrem Traum erzählt, lächelt sie. «Die Vorratskammer war bis an die Decke mit Reis, Mais und Mehl gefüllt», flüstert sie. In der Küche hätten Früchte und Gemüse gelegen. «Und auf dem Herd brutzelten Steaks.»

Sie schaut zu ihrem Sohn Malit Adut. Ruhig sitzt er auf ihrem Schoss. Die Arme und Beine sind dünn, die Wangen eingefallen. Malit Adut steht kurz vor dem Hungertod. Seine ­Augen suchen die ihrigen, seine Lippen die Brust, aus der keine Milch fliesst. Weil die Mutter ebenfalls unterernährt ist, kann sie Malit Adut nicht stillen.

Nyakeuth, die ihr Alter nicht kennt, und ihr etwa 15-monatiger Sohn leben in der ostafrikanischen Republik Südsudan – dem jüngsten Staat der Welt, der 2011 nach einem blutigen Krieg die Unabhängigkeit vom Sudan erlangte. Die Menschen des Landes gehören zu den ärmsten auf dem Globus. Erwachsene wie Kinder leiden unter der Lebensmittelknappheit. Die Sternenwoche, eine Sammelaktion von Unicef Schweiz und der «Schweizer Familie», hilft den Schwächsten unter ihnen: den Knaben und Mädchen. Kinder aus der Schweiz sammeln diesen November für sie.

Leben im jüngsten Staat der Welt: Mary Nyakeuth und ihr Sohn Malit Adut im Spital von Juba.

Mary Nyakeuth, die Frau mit den Zahnlücken und dem gelb-grünen Kleid am knochigen Körper, war früher einmal in der Lage, ihre Söhne und Töchter zu ernähren. «Damals war ich glücklich», sagt sie. Mit ihrem Mann und den sechs Kindern wohnte sie in einem Haus in Malakal, einer Stadt am Weissen Nil im Norden des Südsudan. Als zwei Jahre nach der Staatsgründung ein Bürgerkrieg ausbrach, kamen Verzweiflung und Not in ihr Leben: Die Strassen und Flüsse standen unter lebensbedrohlichem Beschuss, Kinder wurden entführt, Tiere abgeschlachtet. Die ­Bauern trauten sich nicht mehr, ihre Felder zu bestellen. «Ich wagte mich nicht mehr ins Restaurant, wo ich vor dem Krieg Teller wusch», erzählt Nyakeuth.

Die Strassen und Flüsse standen unter lebensbedrohlichem Beschuss, Kinder wurden entführt, Tiere abgeschlachtet.

Geld und Nahrungsmittel wurden knapp. Mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn Galuak verliess Nyakeuth ihr Zuhause. Sie hoffte, in Bor, der Heimatstadt ihres Mannes, bes­sere Bedingungen vorzufinden. Die älteren Kinder liess sie bei ihrer Mutter in Malakal – sie würde sie bald wiedersehen, glaubte Mary Nyakeuth, die damals mit Malit Adut schwanger war.

Millionen Menschen hungern

Im Bürgerkrieg standen sich Soldaten der Regierung und Rebellen gegenüber, Gruppen verschiedener Ethnien. Zwar haben 2015 beide Seiten ein Friedensabkommen unterzeichnet, doch die Kämpfe dauern an. Die Bevölkerung hungert. Schuld sind nicht etwa Dürreperioden. Das Land ist fruchtbar. Die Katastrophe ist von Menschen gemacht: Während die verfeindeten Parteien um die Macht im Land kämpften, wurden Millionen Zivilisten von der ­Lebensmittelversorgung abgeschnitten. Heute haben 42 Prozent der rund ­12 Millionen Menschen im Südsudan zu wenig zu essen. Geschätzte 1,1 Millionen Kinder sind akut mangel­ernährt, ­ein Viertel von ihnen dermassen schwer, dass sie vom Tod bedroht sind. Darunter auch Malit Adut.

Das Risiko für andere Krankheiten steigt: Auch in Malakal sind viele Kinder mangelernährt.

Vandana Agarwal, Chefin der Abteilung Ernährung bei Unicef Südsudan, kämpft täglich um das Leben dieser Kinder. «Sind sie schwer mangelernährt, werden sie wegen des geschwächten Immunsystems anfälliger auf Krankheiten wie Malaria, Typhus, Durchfall oder Lungenentzündung», sagt sie. Das Risiko, dass sie daran sterben, ist 30 Prozent höher als bei Kindern mit Normalgewicht.

42 Prozent der 12 Millionen Menschen im Südsudan haben zu wenig zu essen. 1,1 Millionen Kinder sind akut mangel­ernährt,

Langfristige Mangelernährung hemmt zudem die körperliche und die geistige Entwicklung, was zu bleibenden Schäden führen kann. «Die Buben und Mädchen des Südsudan haben ein Recht auf Leben», sagt Agarwal. «Mit der dringend nötigen Hilfe aus dem Ausland haben sie eine Chance.»

«Ob er überleben wird, ist unsicher»

Nyakeuths Sohn Malit Adut zeigt kaum Appetit. Weil er zu schwach ist, braucht er Spezialmilch. Vor anderthalb Monaten kam er mit seiner Mutter und seinem älteren Bruder Galuak nach Juba, direkt in das einzige Kinderspital des gesamten Landes, das auf Mangelernährung spezialisiert ist und von Unicef unterstützt wird. «Malit Adut hat ein wenig zugenommen», sagt Isaac Gawar, Arzt im Al-Sabbah-Kinderspital. «Ob er überleben wird, ist unsicher.»

Die Mutter erzählt dem Doktor von ihrem Traum, in dem sie genügend zu ­essen hatte. Er nickt und erklärt, dass sich die Gedanken von unterernährten Menschen häufig um Lebensmittel drehten. «So banal solche Träume für andere sein mögen – Hungernde wünschen sich nichts sehnlicher als volle Vorratskammern für sich und ihre Kinder.» Täglich die lei­denden Buben und Mädchen zu sehen, schmerzt ihn. «Manchmal halte ich so viel Elend fast nicht mehr aus.»

«Meine Kinder, die ich in Ma­la­kal zurückliess, habe ich nicht wiedergesehen. Und mein Mann ist bei den Kämpfen gestorben.»Mary Nyakeuth

Die Mütter um Nyakeuth schlafen auf den Betten der Intensivstation, die Kinder husten und wimmern. Auch Malit Adut. Nyakeuth streicht ihm über den knochigen Po, dann über den Kopf. Sie drückt das Baby an sich. Ihr Plan, in Bor ein besseres Leben aufzubauen, ist gescheitert. «Meine Kinder, die ich in Ma­la­kal zurückliess, habe ich nicht wiedergesehen», sagt sie. «Und mein Mann ist bei den Kämpfen gestorben.»

Nyakeuth fand mit ihren beiden Jüngsten Unterschlupf im Lager eines Hilfswerks, «ich weiss nicht genau, bei welchem». Dennoch habe sie sich nicht sicher gefühlt. Sie zog weiter in den ­Süden, bis nach Yei an der Grenze zur Demokratischen Republik Kongo. Völlig entkräftet und unterernährt wurde sie aufgefordert, in ein Auto zu steigen. Man würde sie an einen guten Ort bringen. «Die Männer hätten uns entführen, foltern oder töten können», sagt Nyakeuth. Aber die Hoffnung auf Schutz und der Hunger waren grösser. Sie sollte nicht enttäuscht werden: Die Leute brachten die drei nach Juba ins ­Spital.

Noch zwei Wochen kann Nyakeuth mit ihren Söhnen dableiben. Dann muss sie fort. Andere Mütter werden mit ihren Kindern in das Zentrum kommen, in dem 140 Betten stehen und täglich 200 bis 500 Menschen Hilfe suchen. Sie sitzen im Staub im Hof oder auf dem Boden in den Zimmern.

Nyakeuth will nach Hause. Zu ihrer Mutter und ihren fünf anderen Kindern. Wie sie jedoch von Juba nach Malakal kommen soll, das über 500 Kilometer Luftlinie entfernt liegt, weiss sie nicht.

Das Flüchtlingslager am Flughafen

In Malakal am Weissen Nil wohnten einst über hunderttausend Menschen. Die meisten sind ­geflüchtet – wie Mary Nyakeuth. Nun kehren sie nach und nach zurück. Unicef schätzt, dass mittlerweile wieder etwa 15'000 bis 20'000 Leute in der Stadt leben, 4000 davon sind Kinder. Im Gebiet hat die Regierung die Oberhand, gekämpft wird derzeit kaum.

Bewacht und versorgt: 32'000 Menschen leben im Flüchtlingslager der UNO bei Malakal.

Dennoch haben sich rund 32'000 Menschen in einem Binnenflüchtlingslager nahe dem Flughafen eingerichtet, geschützt und versorgt von den Vereinten Nationen, denen auch Unicef angehört, und von anderen Hilfswerken. Soldaten bewachen die Tore, auf Türmen ­halten sie Ausschau nach Plünderern. ­Helikopter, Panzer und Militär-Pick-ups der UNO säumen die Strassen zum Lager, wo Familien in Holz- oder Wellblechhütten wohnen. Auch hier kämpfen Ärzte und Freiwillige um das Leben von Kindern. Vielleicht findet Nyakeuth mit ihren Söhnen und Töchtern hier Hilfe – wenn sie es denn nach Malakal schafft.

Dass Kinder mangelernährt sind, merken Mütter häufig zu spät. Ihre betroffenen Babys sind apathisch, weinen kaum, weil ihnen dazu die Kraft fehlt. Das ist ­gefährlich. Um die Frauen zu unterstützen, hat Unicef mit den Hilfswerken vor Ort Müttergruppen gegründet.

«Stillt eure Kinder!»

Nyabiech Dend (35) ist seit neun Monaten Leiterin einer solchen Müttergruppe und unterrichtet ihre Kolleginnen mit Unterlagen von Unicef. Im medizinischen Stabilisationszentrum in Malakal sitzt sie mit ih­rer siebenmonatigen Tochter Nyayai im Hof, umgeben von 14 Frauen. Sie reden über ihre Kinder, den erhofften Frieden und Themen wie das Stillen. Im Südsudan wissen die Mütter nicht selbstverständlich, wie wichtig ihre Milch für den Nachwuchs ist. Dass diese Nährstoffe enthält, die für die Babys überlebenswichtig sind, müssen sie zuerst lernen.

«Ich sehe den Unterschied»: Niyabiech Dend mit ihrer jüngsten Tocher.

«Ich habe meinen anderen fünf Kindern nicht sechs Monate die Brust gegeben», sagt Dend. «Bei Nyayai sehe ich nun den Unterschied: Sie ist kräftiger als ihre Geschwister.» Sie motiviert die Frauen, Nachbarinnen und Bekannte aufzusuchen und die Botschaft weiterzugeben: «Stillt eure Kinder.»

Dazu ist Mary Nyakeuth nicht in der Lage. In Juba kämpft sie mit den Ärzten um das Leben ihres Sohns Malit Adut. Sie sehnt sich nach ihrem Zuhause Malakal. Nach ihrem früheren Leben, ihren fünf daheimgebliebenen Kindern. Malit Adut saugt an ihrer Brust, aus der keine Milch fliesst. Seine Augen suchen die ihrigen. Doch diese sind wieder geschlossen. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Vielleicht träumt sie wieder von der vollen Vorratskammer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 10:15 Uhr

Hilfsaktion Sternenwoche

Kinder sammeln Geld für den Südsudan

Das UNO-Kinderhilfswerk Unicef und die Zeitschrift «Schweizer Familie», die wie der «Tages-Anzeiger» im Tamedia-Verlag erscheint, lancieren zum 14. Mal die Hilfsaktion Sternenwoche: Vom 20. bis zum 26. November sammeln Kinder und Jugendliche in der Schweiz für ihre Altersgenossen im Südsudan.

Mit dem Geld werden Buben und Mädchen in schwer erreichbaren Gebieten auf Anzeichen von Mangelernährung untersucht und Betroffene mit Spezialnah­rung behandelt. Für knapp zwanzig Franken erhält ein Kind einen Monatsvorrat einer Erdnusspaste, die mit über vierzig Nährstoffen angereichert ist und Leben retten kann. Bei der Sternenwoche können Kinder in der Schweiz einzeln, als Gruppe oder Klasse mitmachen. Dieses Jahr sind auch besonders engagierte Sammler, Vereine, Quartiere oder Gemeinden gefragt, die sich als Team ein Spendenziel von 7500 Franken setzen. (TA)

www.sternenwoche.ch

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