Pristina spielt mit den Muskeln, Belgrad tobt

Die Polizei in Kosovo verhaftet einen serbischen Politiker und schiebt ihn ab. Beide Seiten wollen eine Teilung provozieren.

Die kurzzeitige Festnahme des serbischen Politikers Marko Djuric in der kosovarischen Stadt Mitrovica gibt zu reden.
Enver Robelli@enver_robelli

Die Schlagzeilen der Belgrader Krawallpresse am Dienstag liessen keinen Zweifel offen: «In Kosovo droht ein Krieg», schrieb «Informer», «Terror gegen die Serben», meldete «Kurir», «Spannungen in Kosovo», verkündete «Blic». In anderen Medien war die Rede von einem «Angriff» der Skipetaren, eine abwertende Bezeichnung für Kosovo-Albaner. Die rhetorische Aufrüstung erfolgt nach der kurzzeitigen Festnahme des serbischen Politikers Marko Djuric in der kosovarischen Stadt Mitrovica.

Offiziell ist Djuric Chef des Belgrader Regierungsbüros für Kosovo. In dieser Funktion verhandelt er auch mit der kosovarischen Delegation in Brüssel über die Lösung von offenen Fragen zwischen den beiden Staaten. Inoffiziell ist Djuric so etwas wie der Chefprovokateur für das Amselfeld. Kosovo ist für ihn ein Fake-Staat, eine von Albanern besetzte, urserbische Provinz. Diese Botschaft wollte Djuric vermutlich auch am Montag wiederholen – bei einem Treffen mit Vertretern der serbischen Minderheit in Mitrovica im Norden Kosovos.

Über die grüne Grenze

Nach Angaben der Polizei reiste Djuric ohne Genehmigung der Regierung in Pristina: Offenbar kam er über die grüne Grenze ins Land. Diesen hingeworfenen Fehdehandschuh nahm Kosovos Staatschef Hashim Thaci dankend auf. Er schickte umgehend eine Einheit der Sonderpolizei in den serbisch dominierten Norden, die Djuric in einer spektakulären Aktion festnahm. Dabei setzten die schwer bewaffneten Beamten Schockbomben und Tränengas ein, es wurde ein wenig geschubst, geschimpft und gebrüllt. Die lokalen Serbenführer, bekannt für ihre rabiate Ablehnung des kosovarischen Staates, blieben passiv.

Reiste ohne Bewilligung in den Kosovo ein: Marko Djuric. Foto: Darko Vojinovic (AP, Keystone)

Wenig später wurde Djuric nach Pristina gebracht und von der Polizei wie ein Tanzbär durch das Zentrum der kosovarischen Hauptstadt getrieben. Selbstverständlich wurde die ganze Show von den Medien live verfolgt, und Passanten konnten Djuric mit allerlei balkanischen Schimpfwörtern aus dem Genital- und Analbereich eindecken. Dann ging das Spektakel zu Ende. Djuric wurde an die serbische Grenze eskortiert, Staatschef Thaci lobte die «professionelle Reaktion» der Polizei.

Inzwischen hatte sich der populistische serbische Staatschef Aleksandar Vucic genug aufgewärmt, um eine Salve von Anschuldigungen abzufeuern. Kosovo habe ein paar «Esel mit Schockbomben» in den Norden entsandt, um mithilfe der EU den Serben Angst in die Knochen zu jagen. Die «Terroristenbande» habe Djuric entführt, schimpfte Vucic.

Angebliches Geheimtreffen in den USA

Auffallend bei diesem gefährlichen Spektakel war, dass die beiden Präsidenten von persönlichen Angriffen und Beleidigungen Abstand nahmen. Vucic und Thaci hielten sich zuletzt – angeblich zufällig – in den USA auf. Es gibt Diplomaten, die behaupten, dort sei es zu einem Geheimtreffen gekommen. Die serbische Seite schlägt seit Jahren die Teilung Kosovos vor. Die Idee findet mittlerweile auch in Kosovo Gehör. Die Lösung könnte demnach so aussehen: Serbien erhält den Norden, wo die Zentralbehörden Pristinas über wenig Einfluss verfügen. Im Gegenzug würden zwei mehrheitlich von Albanern bewohnte Gemeinden in Südserbien dem kosovarischen Staat zugeteilt.

Mehrere Beobachter in Pristina bezeichnen die Festnahme Djurics als inszenierte Eskalation der beiden Staatschefs, um die internationale Gemeinschaft für die Idee der Grenzänderung zu gewinnen. Davon will der Westen jedoch nichts wissen, weil neue Grenzen auch neue Konflikte auf dem Balkan entfachen könnten – zum Beispiel in multiethnischen und fragilen Staaten wie Bosnien-Herzegowina und Mazedonien.

Weitreichende Konsequenzen

Eine Teilung Kosovos hätte womöglich fatale Folgen für die serbische Minderheit. Die meisten Serben leben nicht im Hinterland der früheren Industriestadt Mitrovica, sondern zerstreut in ganz Kosovo. Sie wären nach einer eventuellen Zerstückelung der jungen Republik noch mehr isoliert und dem Druck albanischer Nationalisten ausgesetzt. Zudem befinden sich die wichtigsten Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche im Westen Kosovos und in der Umgebung der Hauptstadt Pristina. Nach der Teilung bekäme Belgrad die alleinige Kontrolle über den Gazivoda-Stausee im Norden. Mit diesem Wasser werden die Heizkraftwerke in Obilic vor den Toren Pristinas gekühlt. Dreht Serbien den Wasserhahn zu, stehen die mit Kohle betriebenen Dreckschleudern still – und Kosovo müsste Strom kaufen, um nicht in Dunkelheit zu versinken.

Brandstifter und Feuerlöscher

Die Festnahme Djurics zeigt einmal mehr, dass Politiker wie Vucic und Thaci das Spiel mit nationalistischen Emotionen perfekt beherrschen. Einerseits legen sie Feuer, anderseits treten sie gegenüber dem Westen als Feuerwehrleute auf. Im Januar 2017 setzte Vucic in Belgrad einen Propagandazug mit der Parole «Kosovo ist Serbien» in Bewegung. Ziel war der Bahnhof im kosovarischen Mitrovica. Auch damals schickte Thaci die Sonderpolizei an der Grenze, um den Zug zu stoppen. Eine Konfrontation wurde abgewendet, weil Vucic im letzten Moment in die Rolle des friedliebenden Landesvaters schlüpfte und dem Lokführer den Befehl gab, auf die Bremse zu treten. Damit erreichte der damalige Premier Vucic zwei Ziele: Zu Hause mobilisierte er die Nationalisten, die ihn bei der Präsidentenwahl vor einem Jahr unterstützten, gegenüber Brüssel spielte er sich als proeuropäischer Krisenmanager auf. Auch sein Amtskollege Thaci brüstete sich damit, dem ehemaligen Feind die rote Linie gezeigt zu haben.

Das jüngste Muskelspiel der beiden Politiker ist ein Affront gegen die EU, die seit Jahren versucht, eine Annäherung zwischen den beiden Seiten zu erreichen. Die EU-Aussenbeauftragte Federica Mogherini will heute Abend Belgrad besuchen, um den Konflikt zu entschärfen. Doch danach sieht es im Moment nicht aus: Die von Vucic gesteuerte Partei «Serbische Liste», welche die Kosovo-Serben vertritt, teilte am Dienstag mit, sie ziehe sich aus der Regierung des Premiers Ramush Haradinaj zurück. Schon am 20. April wollen die Kosovo-Serben einseitig einen Verband serbischer Gemeinden gründen. Dazu hatte sich Thaci schon 2013 in einem von der EU vermittelten Abkommen verpflichtet, konnte sich bisher aber im Parlament in Pristina nicht durchsetzen. Die vorgesehene Autonomie des serbischen Gemeindeverbandes wurde zudem teilweise für verfassungswidrig erklärt.

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