Nur ein Klick zum Jihad

Der radikale Islamismus hat das Internet als Mobilisierungsplattform perfektioniert. Es wäre falsch, deswegen die digitale Freiheit einzuschränken.

Im Internet mobilisiert: Ein Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats auf einem Propagandabild, das elektronisch verbreitet wird. Foto: Alamy

Im Internet mobilisiert: Ein Kämpfer des sogenannten Islamischen Staats auf einem Propagandabild, das elektronisch verbreitet wird. Foto: Alamy

Hans Brandt@tagesanzeiger

Ein Klick, und du bist Jihadist. Vorbei sind Zeiten wie in den 70er-Jahren, als Sympathisanten palästinensischer Terrorgruppen mühselig in die jordanische Wüste reisen mussten, um den Umgang mit Kalaschnikow und Semtex-Sprengstoff zu lernen. Oder wie Ende der 90er-Jahre, als Al-Qaida-Anhänger auf beschwerlichen Umwegen unter höchster Geheimhaltung ins afghanische Gebirge pilgerten, um sich den Segen von Osama Bin Laden (und Anschlagspläne) zu holen. Vorbei die Zeiten, da Rekruten Gesinnungsprüfungen bestehen, ihre Verwurzelung im Marxismus oder ihre Beherrschung des Koran unter Beweis stellen mussten. Ein Like, und du bist IS-Mitglied.

Zwar hat der sogenannte Islamische Staat (IS) ein Territorium erobert, das Tausende von ausländischen Kämpfern angezogen hat. Doch die gefährliche Reise nach Syrien ist nicht notwendig, um IS-Terrorist zu werden. Mit dem Smartphone trägt jeder den direkten Draht zum IS stets bei sich. Das Angebot an Horrorvideos, Hasspredigten, Anleitungen zum Bombenbau und Chats mit Gleichgesinnten ist überwältigend. Dem Interessenten stehen tausend Türen offen – und er muss dafür nicht einmal vor die Tür.

Doch die gefährliche Reise nach Syrien ist nicht notwendig, um IS-Terrorist zu werden. Mit dem Smartphone trägt jeder den direkten Draht zum IS stets bei sich.

Das Internet hat nicht nur Freiräume für Rassisten und Frauenhasser geöffnet. Auch für Jihadisten und Terrorpaten ist das Netz ein fast hindernisfreies Feld, auf dem sie ihre mörderische Ideologie verbreiten können. Der IS hat es dabei besonders gut verstanden, die neuen Möglichkeiten zu nutzen. Wie Facebook den Markt für soziale Medien beherrscht, so kann neben dem IS derzeit kaum eine andere Terrororganisation auf dem «Jihad-Markt» bestehen.

Dabei vollzog sich der Wechsel von al-Qaida, dem lange vorherrschenden Terrornetzwerk, zum IS mit der rasanten Geschwindigkeit, die im Cyberraum üblich ist. Schon al-Qaida war eine «Marke», die Nachahmer hervorbrachte. Doch die Al-Qaida-Ableger, etwa in Nord- und Westafrika oder im Jemen, wurden offiziell als «Franchisen» der Zentrale bewilligt. Sie wurden ideologisch auf Linie gehalten, sprachen sich in ihrer Strategie mit der zentralen Führung ab.

Der IS entstand 2006 aus einem Al-Qaida-Ab­leger im Irak, der sich unabhängig machte und seitdem al-Qaida überflügelt und zum Feind gemacht hat. Gruppen, die sich zum IS bekennen, etwa Boko Haram im Norden Nigerias, operieren als Nachahmer, die sich von der IS-Propaganda «inspirieren» lassen; eine zentrale Befehlskette gibt es nicht. Für den IS reicht es, dass er die Taten dieser Mörder auf sein Konto verbuchen kann: Damit steigen die Reputation und der Schrecken, den der IS verbreitet.

Gruppen, die sich zum IS bekennen, etwa Boko Haram im Norden Nigerias, operieren als Nachahmer; eine zentrale Befehlskette gibt es nicht. 

Dabei hat der IS die Internetstrategie von al-Qaida konsequent weiterentwickelt und perfektioniert. Schon al-Qaida hat im Netz Propaganda gemacht. Vor allem der Ableger im Jemen produzierte Videos und eine Onlinezeitschrift, die auch Einzeltäter in weiter Ferne, etwa in den USA, zu Terrortaten motivierten. Nun hat der IS die Propaganda exponentiell wachsen lassen. Er und seine Sympathisanten betreiben Zehntausende Twitter-Accounts, einzelne haben Zehntausende Follower. Professionell gemachte Videos werden zu Tausenden verbreitet, IS-Cyberexperten beherrschen Websitedesign und Virusprogrammierung.

Osama Bin Laden wurde zum Verhängnis, dass er elektronischen Geräten nicht traute und Nachrichten von Kurieren überbringen liess. Indem sie einem folgte, entdeckte die CIA Bin Ladens Versteck. Der IS hingegen nutzt die Möglichkeiten der Internetkommunikation konsequent. Im «Darknet», dem illegalen Untergrund des Internets, oder mit verschlüsselten Botschaften in Nachrichtenapps hält die Gruppe den Kontakt zu ihren Terroristen. So gelangen dem IS auch logistisch aufwendige Anschläge wie jene auf das Musiktheater Bataclan, mehrere Restaurants und das Stade de France im November in Paris. Für grössere Beunruhigung in der Bevölkerung und unter Sicherheitsexperten sorgen allerdings in letzter Zeit die Einzeltäter, die im Namen des IS ohne dessen Wissen Anschläge verüben.

Ständig wiederholt sich im Netz der IS-Aufruf, dass «jeder Tod eines Ungläubigen» gerechtfertigt sei; dass jeder mit den Mitteln, die gerade zur Hand sind, am Jihad teilnehmen könne. Diesem Aufruf sind diese Woche Omar Mateen und Larossi Abballa gefolgt. Der eine erschoss in Orlando 49 Menschen in einem Club für Schwule und Lesben, der andere metzelte mit einem Messer in der Nähe von Paris einen Polizisten und dessen Frau nieder. Beide waren dem IS vorher unbekannt – und beide wurden von der Organisation sofort vereinnahmt, die damit ihr Terrorpotenzial weiter steigert.

Ein Cyberkrieg gegen den IS verspricht nur begrenzt Erfolg. Zu schwierig ist es, den digitalen Raum zu kontrollieren. 

Für Geheimdienste oder Polizei sind die Vorbereitungen solcher Taten kaum zu erkennen. Selbst der ständige Ausbau von Überwachung, Datenspeicherung und Abhörung hilft kaum weiter. Auch ein Cyberkrieg gegen den IS verspricht nur begrenzt Erfolg. Zu schwierig ist es, den digitalen Raum zu kontrollieren, zu schnell können Twitter-Accounts, Youtube-Kanäle oder Websites gewechselt werden.

Langfristig können nur gesellschaftliche Massnahmen erfolgreich sein. Die Propaganda des IS richtet sich an schlecht integrierte, sozial unangepasste, meist jugendliche muslimische Täter, die tagtäglich im Internet unterwegs sind: «Digital natives», mit der digitalen Vernetzung aufgewachsene Jugendliche, werden in ihrer eigenen Sprache angesprochen. Hier schlummert ein riesiges Potenzial der Unzufriedenheit – etwa unter Kindern von muslimischen Einwanderern wie in den USA, Frankreich oder Grossbritannien, die sich benachteiligt fühlen.

Politische Schritte sind notwendig, um dem Jihadismus den Boden zu entziehen. Jugendliche in den sozialen Brennpunkten von Brüssel, Paris oder New York müssen das Gefühl haben, stolz auf ihre Herkunft sein zu können und trotzdem in ihrem Land akzeptiert zu werden und Aufstiegsmöglichkeiten zu haben. Wenn das gelingt, fällt das Terrorangebot des IS auf taube Ohren. Die digitale Antwort lautet: unlike, unfriend, Beitrag melden.

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