«Ich möchte eine christliche Türkei»

Christentum und Islam seien beides missionarische Religionen, sagt der Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Beide kämpften um weltweiten Einfluss.

Christen gegen Muslime: Historisches Gemälde zur Schlacht am Kahlenberg im September 1683, als die Osmanen Wien belagerten. Bild: akg-images

Christen gegen Muslime: Historisches Gemälde zur Schlacht am Kahlenberg im September 1683, als die Osmanen Wien belagerten. Bild: akg-images

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Sie fragten neulich beim Gedenken an den Sieg gegen die Türken vor 333 Jahren in der Schlacht am Kahlenberg. «Wird es jetzt einen dritten Versuch einer islamischen Eroberung Europas geben? Viele Muslime denken und wünschen sich das und sagen: Dieses Europa ist am Ende.» Ist das Ihre Angst?
Meist wurde in den Medien nur dieser Satz zitiert, nicht aber der folgende: Ich verstehe, dass Muslime sich wünschen, dass Europa muslimisch wird. Ich wünsche mir ja auch, dass Nordafrika wieder christlich wird oder die heutige Türkei, das Kernland des Christentums. Das ist nicht verwerflich. Ich hatte vor Jahren an der Imam-Sadr-Universität in Teheran gesagt: Christentum und Islam sind beide missionarische Religionen. Wir Christen ­stehen unter dem Auftrag Jesu: Geht in alle Welt und macht die Völker zu meinen Jüngern.

Ist dieser Missionsauftrag auch heute gültig?
Er ist konstitutiv für das Christentum. Wir können nicht darauf verzichten, allen Menschen das Evangelium anzubieten. Aber auch der Islam hat einen universellen Anspruch, dass sich alle Menschen Gott unterwerfen, wie es der Koran als Offen­barung Gottes allen Menschen zugedacht hat. Beide Religionen haben diesen universalen und ­absoluten Anspruch. Die Frage ist, wie wir damit umgehen. Man kann sich so lange bekriegen, bis einer Sieger ist . . .

. . . wie in der Schlacht am Kahlenberg.
Das war ein imperialer Anspruch: Das Osmanische Reich hatte sich Stück für Stück ausgebreitet, so wie später das British Empire oder das Habsburger-reich im 16. Jahrhundert. Das ist die imperiale Seite. In früheren Jahrhunderten war sie mit religiösen Ansprüchen verbunden. Das habsburgische Weltreich verbreitete überall den katholischen Glauben, darum sind die Philippinen und Lateinamerika katholisch. Ich fürchte aber nicht so sehr den Missionseifer des Islam, ich fürchte das Schwächeln des Christentums.

Sie fürchten sich wirklich nicht vor der Islamisierung Europas?
Das ist das Spiel der Kräfte, dem wir uns bewusst stellen müssen. Ich glaube eben nicht, dass das Christentum in Europa am Ende ist, ganz im Gegenteil. Die Frage ist: Werden wir eine christliche Botschaft auch für den Islam haben? Oder werden wir reagieren wie der Mann in London, der bei der Finsbury-Moschee erklärte, er wolle alle Muslime umbringen. Ist das die Vision in Europa: Krieg gegen den Islam? Oder vertrauen wir darauf, dass die berühmten christlichen Werte auch für die Muslime so viel Überzeugungskraft haben, dass sie Europa nicht nur als dekadent erleben, sondern als Kontinent der Freiheit, der Menschlichkeit. Als einen Kontinent, auf dem der Glaube an Gott Platz hat und nicht an den Rand gedrängt wird.

Michel Houellebecq meint, dass die demografisch Stärkeren auch die Werte diktieren.
Die demografische Frage ist zweifellos ganz entscheidend, das war schon im Römischen Reich so. Auch im heutigen Europa sind die demografischen Veränderungen stark spürbar. Denn sie verlaufen exponentiell und nicht arithmetisch, das heisst, sie verdoppeln sich in jeder Generation. Man hat in Europa die Geburtenrate dramatisch gesenkt und die Abtreibung als grosse Freiheit gefeiert. Wenn der Nachwuchs in Europa so wenig willkommen ist, darf man sich nicht wundern, dass andere dieses Vakuum ausfüllen werden und in gewissem Sinne ausfüllen müssen, wenn wir unsere hohen gesellschaftlichen Standards halten wollen.

Sind es wirklich die christlichen Werte, die Europa retten? Ist es nicht der säkulare Staat?
Schon. Aber gleichzeitig muss sich auch die säkulare Gesellschaft damit auseinandersetzen, dass zu ihr religiöse Menschen gehören. Die Trennung von Religion und Staat ist ein Prinzip, das Europa nur sehr mühsam gelernt hat. Wir dürfen nicht mit Steinen werfen, wir sitzen im Glashaus. Immerhin gab es einen Dreissigjährigen Krieg, der ein Hegemonialkrieg zwischen protestantischen und katholischen Teilen Europas war. Dann gab es dieses schreckliche Prinzip «cuius regio, eius religio», «für wessen Gebiet dessen Religion», das religiöse Toleranz und Religionsfreiheit verunmöglichte. Unser jetziges Bewusstsein, dass Religion und Politik zwar für das Gemeinwohl zusammenarbeiten sollen, aber grundsätzlich zu trennen sind, ist noch nicht alt. Es wird Zeit brauchen, bis solche Erfahrungen, wie sie sich im christlichen Europa durchgesetzt haben, sich auch im Islam durchsetzen.

Ist das nicht utopisch?
Wie im Dreissigjährigen Krieg?
Ja, weil es ein Hegemonialkrieg ist. Es geht um den Vorrang in der weltweiten Community des Islam. Die Amerikaner liefern gerade massiv Waffen nach ­Saudiarabien. Dies lässt befürchten, dass der Konflikt nicht nur auf Diskussionsebene ausgetragen wird. Das kann schreckliche Folgen haben.

Zurück nach Europa: Sie sagten neulich, der Kontinent habe sein christliches Erbe verschleudert wie der verlorene Sohn das Vermögen des Vaters. Ist das irreversibel?
Wieder mal wurde nur dieser eine Satz zitiert. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn zielt doch auf die Heimkehr des Sohnes. Er will sich aufmachen zu seinem Vater, auch wenn er das Vermögen verschleudert hat. Die Kernbotschaft ist der barmherzige Vater, der den verloren geglaubten Sohn freudig aufnimmt. Nach dem Motto «Erinnere dich, woher du kommst» haben auch wir nicht vergessen, dass wir ein Zuhause haben, zu dem wir zurückkehren können. Es gibt eine Heimkehr auch für Europa. Für mich ist Europa nicht der verlorene Kontinent, sondern der verlorene Sohn.

Ist das nicht gar optimistisch?
Es kann Europas Schicksal sein, dass das Christentum ausstirbt. Vergil prophezeite vor 2000 Jahren ein Reich ohne Ende. Doch das Römische Reich hatte ein Ende. Europa ist im Weltvergleich ein schrumpfender Kontinent, der Bedeutung verliert. Das heisst aber nicht, dass das Evangelium in Europa keine ­Zukunft hat.

Österreich versucht, den Islam mit einem Islam-Gesetz zu regulieren, das die ausländische Finanzierung von Moscheen verbietet. Hat das Modellcharakter?
Das Anliegen dahinter ist zweifellos, dass die Ausbildung der Imame in Österreich zu geschehen hat. Und dass sich die muslimischen Gemeinschaften so wie die Kirchen bei uns selber finanzieren. Ich halte das für sinnvoll. Wir haben in Wien auch etwas Gewagtes begonnen. Unsere kirchlich-pädagogische Hochschule bildet orthodoxe, altorientalische und evangelische Religionslehrer aus. Neuerdings hat sich auch die islamische Religionslehrer-Ausbildung diesem Cluster angeschlossen. Die schu­lischen Religionslehrer müssen in Österreich ausgebildet sein. Die Imame in den Moscheen sind ein eigenes Kapitel. Hier muss genau hingeschaut werden, dass sich die Freitagspredigt an den Verfassungsrahmen hält.

Brauchen wir darüber hinaus eine christliche Leitkultur?
Ihre Erzdiözese Wien hat sich stark für Flüchtlinge eingesetzt.
Nach den staatlichen Organisationen haben in Österreich die Kirchen sicher die meisten Flüchtlinge aufgenommen. Es war vor allem die Zivilgesellschaft, die bei der grossen Flüchtlingswelle 2015 die entscheidenden Schritte getan hat. Menschen haben am Hauptbahnhof Wien spontan ein riesiges Auffangzentrum eingerichtet, Ärzte haben ein ­Ambulatorium aufgebaut, die Sikhs haben wochenlang in grossen Töpfen am Bahnhof gekocht. Es ist in der Zivilgesellschaft viel mehr Potenzial da, als wir glauben. Wir dürfen nicht den populistischen Kassandrarufen folgen, die nur überall Katastrophen wittern und Angstmache über Lösungen ­stellen: Noch strenger vorgehen, noch mehr ­rausschmeissen.

Hat der Rechtspopulismus direkt mit den Flüchtlingen und dem Islam zu tun?
Es gibt viele Faktoren. Vor allem klafft die Schere zwischen Reich bis sehr Reich und den wirtschaftlich Bedrängten immer mehr auseinander. Das ist für mich die eigentlich dramatische Entwicklung, die sich gegenüber der Jahrtausendwende nochmals zugespitzt hat. Man sieht das zum Beispiel am Sterben Hunderter von kleinen Geschäften in Wien. Die Verarmung des Mittelstands, das ist die grosse Sorge, das ist Nahrung für popu­listische Slogans. Die Lebenskosten und Einkommensverhältnisse haben sich im Vergleich zur Zeit vor 50 Jahren stark geändert. Wenn ich mir vorstelle: Meine Mutter konnte 1960 als allein­ver­die­nende Frau mit vier Kindern dank eines Bausparvertrags ein Haus bauen. Bis zu ihrer Pensionierung war das Haus abbezahlt. Heute wäre das undenkbar. Das ist aber kein Naturgesetz, die Verteilung hat sich ungesund verschoben.

Es steht jetzt das grosse Konfliktthema Sunniten /Schiiten an: Das ist ein politischer, aber auch religiöser Konflikt in der ganzen islamischen Welt. Da geht es ähnlich wie im Dreissigjährigen Krieg um die Vorherrschaft. Der schiitische Islam hat durch den Aufstieg des Iran im Nahen Osten enorm an Einfluss gewonnen. Der Iran unterstützt das Assad-Regime in Syrien. Im Libanon ist die Hizbollah stark, Bagdad hat eine schiitische Regierung, im ­Jemen lassen sich die Schiiten nicht besiegen. Der Konflikt um Katar ist auch ein religiöser Konflikt. Vielleicht wird es nur Verlierer geben.

Mir sind mehr die filigranen christlichen Fäden im Textil unserer heutigen Kultur wichtig, auch in der Wirtschaft und der Politik, die viel zu wenig beachtet werden. Es geschieht in Europa unendlich viel Gutes, anonym und nicht als christlich deklariert. Erzbischof Justin Welby sagte gerade an einer ­Tagung in Freiburg, dass nach den Anschlägen in London eine unglaubliche Welle der Solidarität spürbar gewesen sei. Es sei wie im Zweiten Weltkrieg, wo die Menschen einander geholfen und ­Türen sowie Herzen geöffnet haben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2017, 18:08 Uhr

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