Millionen Pillen, tonnenweise Speed

Die Niederlande sind die Drogenküche der Welt: Mit synthetischen Drogen wie Ecstasy oder Amphetaminen werden Milliardenumsätze erzielt. Eine Studie zeigt das Ausmass.

Geschäft mit riesiger Gewinnmarge: Ecstasy-Pillen. Foto: DPA, Keystone

Geschäft mit riesiger Gewinnmarge: Ecstasy-Pillen. Foto: DPA, Keystone

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Die Niederlande haben ein Drogenproblem, und dabei geht es keineswegs nur ums Kiffen. Schon vor 20 Jahren sprach ein US-Ermittler von einem «Narko-Staat» an der Nordsee, ein Ausdruck, den die nationale Polizeigewerkschaft neulich wieder aufgriff, um die Politik zu alarmieren. Fast täglich ist zu lesen von Drogenküchen, die im Süden des Landes ausgehoben werden. Systematisch untersucht wurde das Geschäft mit verbotenen Substanzen allerdings nie.

Diese Lücke hat nun ein Bericht der Polizeiakademie geschlossen, der sich auf die Produktion von und den Handel mit synthetischen Drogen konzentriert. Sein Ergebnis ist – gelinde gesagt – erschreckend.

80 Prozent wird exportiert

Der Umfang des Geschäfts ist weit höher als bisher veranschlagt, die Niederlande liegen damit an der Weltspitze. Demnach wurden im Jahr 2017 knapp eine Milliarde Ecstasy-Pillen (MDMA) und mehr als 600 Tonnen Speed (Amphetamine) hergestellt mit einem Strassenverkaufswert von 18,9 Milliarden Euro. Das übertrifft den Jahresumsatz eines Grosskonzerns wie Philips und erreicht fast jenen von Air France-KLM. Neun Milliarden Euro entfallen auf MDMA, was doch ein bisschen mehr ist als die 160 Millionen, die das nationale Statistikamt für 2015 errechnet hatte.

Die Schätzung im Akademie-Bericht beruht vor allem auf entdeckten Laboren und Treffern von Zollbeamten, die hochgerechnet wurden. Die Annahmen seien sehr konservativ, betonen die vier Autoren von der Universität Limburg. Der wahre Wert liege wohl weit höher. Mindestens 80 Prozent der Ware werde exportiert.

Die Niederländer gelten als zuverlässig und diskret. Zwei Millionen Pillen nach Australien? Werden einfach in einem Traktor versteckt. Der wird dann wegen angeblicher Mängel zurückgeschickt – mitsamt der üppigen Bezahlung. Die für 20 Cent hergestellte Pille bringt 18 Euro im Einzelverkauf.

Auf 278 Seiten liefert die Untersuchung Einsicht in eine dunkle Welt. En détail, als wäre es ein Begleitdokument zur Serie «Breaking Bad», beschreibt sie, wie das Geschäft läuft: Vom Auftrag über die Suche nach einem unauffälligen Ort für das Labor und das Besorgen der Apparate und chemischen Grundstoffe (oft aus China) zur Anwerbung und Ausbildung der Mitarbeiter (manchmal aus der Chemie, denn MDMA-Kochen ist nichts für Anfänger). Darauf folgt die Einschüchterung von Nachbarn und Behörden durch Motorradbanden, der Vertrieb über Mittelsmänner, das unauffällige Beseitigen der Laborabfälle.

Milde für Produzenten

Dass es so perfekt läuft, hat viele Gründe: Die Niederländer sind erfahrene Händler mit weltweiten Verbindungen, die Seehäfen und Strassen des Landes bilden eine gute Infrastruktur. Traditionell war man hier nachsichtig bei Drogen, die Grundstoffe für Pillen wurden relativ spät verboten. In den Siebzigerjahren schwenkten Räuber und Schmuggler aus Nord-Brabant und Limburg auf die Amphetamin-Produktion um. Das versprach grössere Profite und weniger Ärger mit der Polizei. Noch immer sind die Strafen für die Hersteller die niedrigsten in Europa, es gibt zu wenig Ermittler.

Justizminister Ferdinand Grapperhaus sprach von einem «schockierenden» Bericht. Man wolle mehr Geld ausgeben, um die «beschämende Position» des Landes zu korrigieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 11:40 Uhr

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