«Ich kämpfe gegen die Spaltung in Indien und gegen die Wut»

Rahul Gandhi ist ein Spross der wichtigsten Politikerfamilie des Landes. Als Oppositionsführer attackiert er Premier Narendra Modi: Dessen Partei verfolge eine faschistische Ideologie.

Beschwört vor seiner Kongresspartei Indiens eine offene Gesellschaft: Rahul Gandhi, Urenkel von Landesvater Jawaharlal Nehru. Foto: Ajay Aggarwal (Imago/Hindustan Times)

Beschwört vor seiner Kongresspartei Indiens eine offene Gesellschaft: Rahul Gandhi, Urenkel von Landesvater Jawaharlal Nehru. Foto: Ajay Aggarwal (Imago/Hindustan Times)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Gandhi, alle erwarten für die nationalen Wahlen von nächstem Jahr ein hartes Rennen. Doch Sie haben im Parlament unlängst Premier Narendra Modi, Ihren ärgsten Rivalen, fest in die Arme geschlossen. Wie kam es dazu?
Überall auf der Welt ist die Politik sehr bissig geworden, sehr bösartig. Und ich wollte deutlich machen, dass ich gegen Herrn Modi opponieren kann, dass ich ihn in Streitfragen bekämpfen kann, aber dass ich deswegen keinen persönlichen Hass und keine Feindseligkeit gegen ihn hege. In der Kultur, aus der ich komme, ist Hass eine bewusste Wahl. Ich kann mich dafür entscheiden, jemanden zu hassen, und das ist sehr zerstörerisch.

Wollen Sie sagen, dass Modis Bharatiya Janata Party (BJP), die aus der hindu-nationalistischen Bewegung hervorgegangen ist, ihren Wahlkampf auf Hass aufbaut?
Natürlich, das tut sie. Aber ich möchte das nicht machen. Hass verhindert Gespräche. Und ich denke, im 21. Jahrhundert brauchen wir Gespräche, wir müssen einander zuhören, miteinander reden. Wir mögen uns nicht immer einig sein, aber wir sollten uns nicht blind machen durch Hass.

Können Sie das genauer erklären?
Herr Modi hat der Opposition viele Chancen zugespielt. Seine Art, Indien zu regieren, widerspricht dem Ethos unseres Landes. Indien ist eine offene Gesellschaft, einfühlsam, sensibel. Doch die Politik von Herrn Modi ist weder einfühlsam noch sensibel. Er macht mit Indien Dinge, die gefährlich sind. Er polarisiert die Politik. Er hat wichtige Versprechungen gemacht, zum Beispiel Jobs zu schaffen und die Landwirtschaft zu schützen. Aber er ist im Grunde damit gescheitert. Hier liegt die wahre Chance der Opposition.

Aber nutzen Sie diese Chance auch? Sie gehören zur mächtigsten politischen Dynastie Indiens, dennoch hat man Sie als einen «zögerlichen Kandidaten» beschrieben.
Dynastie ist das falsche Wort. Meine Familie ist immer gewählt worden. Hinter dem Begriff der Dynastie steckt die Vorstellung, dass man gar nicht gewählt worden ist. Wir sind Leute mit einer bestimmten Idee, wohin Indien steuern sollte. Wir waren immer sehr nah bei den Menschen.

Nennen Sie mir den wichtigsten Grund, weshalb Sie und nicht Modi der Premier von Indien sein sollen.
Weil ich den Leuten zuhöre.

Ist das der Weg, ein Land zu regieren?
Ich respektiere die Institutionen. Ich respektiere das Wissen anderer Menschen. Herr Modi hört auf niemanden. Er redet, aber er hat nicht einmal Respekt für die Leute in seinem eigenen Kabinett. Und ich glaube nicht, dass man ein Land von der Grösse Indiens auf diese Weise regieren kann.

Sie sagen, Modi könne dieses Land nicht führen. Doch laut Umfragen wollen ihn 49 Prozent der Menschen wieder zum Premier machen. Warum ist er immer noch so populär, wenn er doch gescheitert sein soll?
Es stimmt, Herr Modi hat sicherlich viele Anhänger, aber es gibt auch viele, die ihn nicht unterstützen, und ihre Zahl wächst dramatisch. Modi hat mit vielen Dingen, zu denen er sich verpflichtet hat, keinen Erfolg. Jeder junge Inder wünscht sich für die Zukunft eine Arbeit. Laut Zahlen der Regierung schafft Indien in 24 Stunden 450 Jobs; in denselben 24 Stunden schafft China 50000 Jobs. Das macht die Leute wütend. Die Zahl der Suizide von Bauern ist höher denn je, das Agrarsystem ist praktisch zusammengebrochen. Modi tut sich schwer damit, die Probleme zu lösen. Und das schürt eine enorme Wut. Leute werden getötet, wegen ihrer Kaste, wegen der Religion, der sie angehören.

Gegner der BJP behaupten, dass die Partei Modis das politische Erbe Ihres Grossvaters Jawaharlal Nehru bedroht. Er stand für eine tolerante, pluralistische und multireligiöse Gesellschaft und nicht für einen Hindu-Staat. Stimmen Sie dem zu?
Zu hundert Prozent. Wir erleben einen ideologischen Krieg in Indien in diesen Tagen, zwei Versionen des Hinduismus liegen im Wettbewerb miteinander. Wir verteidigen die Version von Mahatma Gandhi (nicht mit Rahul Gandhi verwandt, Anm. der Red.). Eine Vision von Indien, in der jeder einen Platz hat, wo jeder aufstreben darf. Und es gibt die Vision des RSS.

«Ich kämpfe gegen die Spaltung und gegen die Wut. Ich glaube an ein Indien, das allen gehört.»

Das ist der hindu-nationalistische Freiwilligenbund, der Millionen von Anhängern hat.
Ich kämpfe gegen die Ideologie des RSS, es ist eine Ideologie der Spaltung, des Hasses und der Wut. Ich glaube an ein Indien, das allen gehört. Indien kann keinen Erfolg haben auf der Grundlage einer spalterischen Ideologie, deshalb glaube ich, dass ich wichtige Arbeit mache. Seit die BJP an die Macht gekommen ist, fühlen sich untere Kasten, Muslime, Sikhs und andere Minderheiten diskriminiert. Grosse Gruppen fühlen sich bedroht.

Auch Frauen sind Diskriminierung und Gewalt ausgesetzt, diese Brutalität hat die Welt schockiert. Experten glauben, dass es für Frauen kein gefährlicheres Land gibt als Indien. Was sagen Sie dazu?
Ich teile nicht die Meinung, dass Indien der unsicherste Platz für Frauen ist. Aber es gibt ein hohes Mass an Gewalt. Teils ist sie offen auf den Strassen zu sehen, teils geschieht sie versteckt in den Häusern. Ich denke, dies ist vor allem ein kulturelles Problem, eine Frage, wie indische Männer indische Frauen betrachten. Und es wird sehr viel Arbeit erfordern, das zu verändern. In der Politik sehe ich nicht so viele Frauen, wie ich sehen sollte. Wenn Frauen nicht in Machtpositionen gelangen, dann werden Gesetze auch nicht geändert. Deshalb versuche ich, mehr Frauen in die Kongresspartei zu holen.

Reden wir noch einmal über Premier Narendra Modi. Er kann immerhin für sich beanspruchen, dass er sich von unten ganz nach oben gearbeitet hat, vom Teeverkäufer auf der Strasse bis ins Amt des Premiers. Ist das Bild vom Selfmademan nicht viel attraktiver als ein Kandidat, der aus einer privilegierten Familie kommt – so wie Sie?
Ich glaube, dass es den Indern wichtiger ist, zu sehen, wie jemand die Probleme löst, als danach zu fragen, woher er kommt. Ich habe ein recht tiefes Verständnis meines Landes, ich habe Leidenschaft für dieses Land. Der Wille, Indien zu helfen, ist weitaus wichtiger als die Frage, wer mein Vater war.

Kürzlich gedachten Sie des Geburtstags Ihres Vaters, der 1991 bei einem Attentat starb. Auf Twitter schrieben Sie, dass sein Tod in Ihrem Leben eine grosse Leere hinterlassen habe. 1984 wurde Ihre Grossmutter ermordet, die Ihnen sehr nahe stand. Warum gehen Sie dennoch in die Politik, nachdem Ihre Familie so viel erlitten hat?
Meine Grossmutter und mein Vater kämpften für bestimmte Ideen. Da mein Land gespalten ist und viel Hass durch den RSS und die BJP verbreitet wird, ist es sehr wichtig für jeden jungen Inder, diese Kräfte zu bekämpfen. Es ist ein ideologischer Kampf um das Wesen Indiens. Und ich glaube nicht, dass der Verlust von Familienmitgliedern jemanden davon abhalten sollte, diesen Kampf zu führen. Aber es ist schon wahr: Es gibt ein Risiko, weil ich gegen Fanatiker kämpfe. Ich bin bereit, dieses Risiko für mein Land zu tragen.

Fühlen Sie eine Pflicht, in die Fussstapfen Ihrer Grossmutter und Ihres Vaters zu treten?
Nein, aber ich bin stolz auf das, was sie getan haben.

Wie kommen Sie mit dem Trauma des Verlustes klar? Und was tun Sie, um diese schlimmen Erlebnisse zu verarbeiten?
Eine ganze Reihe von Jahren sind nun verstrichen. Und ich habe verstanden, warum das alles geschah. Ich habe es geschafft, das zu überwinden und den Leuten zu vergeben, die das getan haben. Das ist der Grund, warum ich nicht jeden Tag daran denke. Ich habe keinen Hass in mir, und das ist das Wichtigste.

Sie sprechen oft die Gefahr des Hasses an. 2010 wurde durch die Plattform Wikileaks bekannt, dass Sie in einem Gespräch mit dem US-Botschafter radikale Hindus als grössere Gefahr für Indien eingestuft haben sollen als militante Muslime.
Ich wurde falsch zitiert. Ich sagte, dass die religiöse Polarisierung und die Spaltung Indiens sehr gefährlich seien. Und ich denke, dass die Politik des RSS und von Narendra Modi eine Spaltung geradezu braucht. Sie erfordert ein wütendes Indien.

Wozu wird das führen?
Sie sehen ja, wozu das führt: zu Gewalt und einer enormen Menge Wut. Sie können keine Volkswirtschaft im 21. Jahrhundert erfolgreich unter diesen Bedingungen führen. Indiens Stärke war immer seine Fähigkeit, alle Menschen mitzunehmen. Es ist ein komplexer Ort, aber das Schöne war, dass wir es immer geschafft haben, dieses extrem komplexe Land mit Einfühlsamkeit friedlich zu führen. Der RSS und die BJP versuchen, dieses Wesen zu verändern. Sie versuchen, diesem Land eine rigide Ideologie aufzuzwingen. Eine faschistische Ideologie. Viele junge Inderinnen und Inder kämpfen gegen diese Versuche an. Und ich bin einer von ihnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2018, 07:33 Uhr

Rahul Gandhi

Der 48-Jährige ist Präsident des Indian National Congress. Die Kongresspartei bestimmte das politische Geschehen in Indien für mehr als sechs Jahrzehnte. Den Anfang machte Rahuls Urgrossvater: Landesvater Jawaharlal Nehru regierte von 1947 bis 1964. Ihm folgte die resolute Tochter Indira, die einen Publizisten namens Gandhi geheiratet hatte. Sowohl Indira Gandhi als auch ihr Sohn Rajiv wurden ermordet: Sie starb 1984 durch Kugeln ihrer Sikh-Leibwächter, er durch die Bombe einer tamilischen Selbstmordattentäterin. Sohn Rahul war damals 21 Jahre alt. (perr)

Artikel zum Thema

Verschmähtes Erbe

Analyse 70 Jahre nach dem Tod Mahatma Gandhis ist sein Ideal einer mit sich versöhnten Gesellschaft bedroht. Haben seine Ideen noch Zukunft? Mehr...

Gandhi als Modell für Gaza

Analyse Noch werfen die Palästinenser Molotowcocktails. Wenn sie aber gewaltfrei protestieren, hat Israel ein Legitimationsproblem. Mehr...

Diese Familien haben die Macht in Asien

Politische Dynastien beherrschen nicht nur arme Staaten oder Autokratien. Ein Überblick. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Kulturell interessiert?

Bizarre Musikgenres, Blick in Bücherkisten und das ganze Theater. Alles damit Sie am Puls der Zeit bleiben.

Kommentare

Blogs

Sweet Home Machen Sie ruhig Fehler

Mamablog Die 10 wichtigsten Tipps für werdende Mütter

Die Welt in Bildern

Winterpause: Olaf Niess und sein Team haben die Schwäne auf der Hamburger Alster eingefangen, um sie in ihr Winterquartier zu bringen. (20.November 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...