Hauen ist verboten

Die Welt ist in der Krise, weil hohe Politiker es an Anstand und Respekt für andere fehlen lassen.

«Wirre Irre»: US-Präsident Trump und der nordkoreanische Führer Kim Jong-un sind Sujets der Basler Fasnacht.

«Wirre Irre»: US-Präsident Trump und der nordkoreanische Führer Kim Jong-un sind Sujets der Basler Fasnacht.

(Bild: Keystone Georgios Kefalas)

Zita Affentranger@tagesanzeiger

Roten Alarm hat die Sicherheitskonferenz gegeben, zu der sich jedes Jahr Hunderte Politiker und Sicherheitsexperten in München treffen: Die Welt sei aus den Fugen, werde laufend weniger liberal, weniger international, weniger sicher. Die Stimmung war düster. «Wir haben ein Problem», fasste es der amerikanische Politologe Ian Bremmer zusammen. «Jeder geopolitische Konflikt eskaliert, keiner wird entschärft, und niemand hat Lösungen.» Die Welt sei auf dem Weg zum Abgrund – und ein Weg zurück zeichne sich derzeit nicht ab.

Doch war die Welt nicht schon immer ein gefährliches Pflaster? Die alte Ordnung sei zerfallen, war der Tenor in München, es fehle die amerikanische Ordnungsmacht. Das tönt ganz so, als wäre die Zeit des Kalten Krieges, in dem die Atommächte USA und Sowjetunion die Welt in Gut und Böse teilten, ein Hort der Sicherheit und Stabilität gewesen. Wirklich? Überall auf der Welt wurden Stellvertreterkriege geführt, kamen sich die Grossmächte gefährlich nahe, genau wie heute zum Beispiel in Syrien. Es gab Fehlalarme, Missverständnisse zuhauf, und die alles vernichtende Katastrophe blieb letztlich wohl nicht aus, weil man das Risiko so gut managte, sondern mehr aus Zufall. Oder dank dem beherzten Handeln Einzelner: etwa der sowjetische Offizier Stanislaw Petrow, der 1983 einen fehlerhaften Raketenalarm für Moskau ignoriert und damit einen sowjetischen Atomschlag gegen die USA verhindert hatte.

«In der normalen Welt weiss jedes Kind, dass man miteinander reden muss, egal, worum sich der Streit dreht.»

Er hoffe, Politiker und Sicherheitsexperten seien gekommen, um einander zuzuhören, sagte Gastgeber Wolfgang Ischinger zum Start der Sicherheitskonferenz. Doch genau das haben sie nicht getan. Die Meinungen waren gemacht, bis ins letzte Detail: Russland unterminiere die freie Welt, sagte der Westen, die USA sollten andere Länder mehr achten und damit aufhören, ihnen ihren Kurs aufzuzwingen, sagten die Russen. Israel drohte dem Iran mit Krieg und diffamierte dessen Aussenminister als «eloquenten Lügner». Dieser wiederum wies das israelische Statement als «trickfilmmässigen Zirkus» zurück.

Video - Netanyahu schwenkt Drohnenteil

Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu hat die Sicherheitskonferenz in München zu einer scharfen Drohung gegen den Iran genutzt. Video: Tamedia/AFP

Der Ton zwischen einzelnen Konferenzteilnehmern war derart schrill, dass es einem unmöglich erscheint, dass sie sich je wieder gemeinsam an einen Tisch setzen könnten. Das geplante Treffen zum Krieg in der Ukraine, an dem die Aussenminister aus Deutschland, Frankreich, der Ukraine und Russland teilnehmen sollten, platzte. Die Differenzen zwischen Moskau und Kiew seien zu tief. Kein Wunder: Die Ukraine hatte «die russische Welt» zuvor als eine Art Pest dargestellt, die jedem Land der Welt Verderben und Ruin bringt, mit dem sie in Kontakt kommt. Russland seinerseits diffamiert die Führung in Kiew als Nazis.

Und selbst unter Partnern herrschte dicke Luft. Harsche Worte wurden über den Streit mit Polen innerhalb der EU oder denjenigen zwischen der Türkei und den USA innerhalb der Nato zwar kaum verloren. Doch beklagte Ischinger, dass sich Mitglieder sowohl aus der EU wie aus der Nato schlicht weigerten, mit diesem oder jenem Partnerland zusammen auf der Bühne zu sitzen.

Direkter Weg in den Abgrund

Dabei weiss in der normalen Welt jedes Kind, dass man miteinander reden muss, egal, worum sich der Streit dreht. Es darf sogar mal laut werden, aber beide Seiten müssen auch zuhören. Und Hauen ist strikt verboten. Wer Reden mit Zustimmung oder gar Kollaboration verwechselt, hat grundsätzlich etwas nicht verstanden. Wenn man sich zu gut ist dafür, die Bedenken des Nachbarn wenigstens zur Kenntnis zu nehmen, gibt es kein Zusammenleben – nicht einmal ein Nebeneinander. Ein solches Verhalten ist eines Politikers, der für die Zukunft seines Volkes Verantwortung trägt, nicht würdig. Und führt uns tatsächlich direkt zum Abgrund.

Man dürfe sich keine Illusionen machen und müsse die Welt so sehen, wie sie sei, kontern die Hardliner gerne, da helfe eben nur eine Politik der blutigen Nase. Gespräche ermöglichen in dieser Logik nur das Verbreiten von «feindlicher Propaganda» und sind etwas für naive Idioten. Als würden die Worte der Gegenseite wie Gift ins Gehirn einsickern, wenn man die Ohren nicht hermetisch verschliesst, und dort eine automatische Gehirnwäsche in Gang setzen. Als wäre die Welt immer streng schwarz und weiss, als gäbe es diesen schmutzigen grauen Zwischenton nicht, der den grössten Teil des wirklichen Lebens einfärbt.

«Eine Feuerwehr, die sich nicht versteht, weil ihre Mitglieder nicht miteinander sprechen können, wird keinen Brand löschen.»

Den hohen Weltpolitikern fehlt es derzeit schlicht an Anstand. An Respekt für den anderen, ohne den unser niederes, tägliches Leben nicht funktionieren würde. Ob man ein brennendes Haus denn nicht löschen solle, nur weil es später vielleicht wieder einmal brennen werde, fragte der ehemalige amerikanische Aussenminister John Kerry verzweifelt. Doch, man soll. Doch eine Feuerwehr, die sich nicht versteht, weil ihre Mitglieder nicht miteinander sprechen können, wird keinen Brand löschen.

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