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Der immense Wille zur Macht kennt keine Altersgrenze

Joe Biden, Donald Trump und Wladimir Putin können es nicht lassen. Warum sie so getrieben sind.

Wollen nicht von der Macht lassen: Donald Trump und Wladimir Putin
Wollen nicht von der Macht lassen: Donald Trump und Wladimir Putin
Keystone

Die Welt staunt derzeit über das Schauspiel, das ihr Wladimir Putin bietet. Er will von der Macht nicht lassen. Der Kremlherr ist zwar erst 67, aber seit zwanzig Jahren unter wechselnden Bezeichnungen der mächtigste Mann in Russland. Seine letzte Amtszeit sollte 2024 enden, 71 wäre ein schönes Alter für einen mehr oder weniger verdienten Ruhestand, aber für Putin ist das nichts. Deshalb hat er sich gerade von der ergebenen Abgeordneten Valentina Tereschkowa (selber bereits 83) zum «stabilisierenden Faktor für unsere Gesellschaft» ausrufen lassen. Für Putin soll es im Interesse dieser Stabilität keine Begrenzung der Amtszeit geben, er ist wie in China Xi Jinping (ranke 66) fest entschlossen, auf Lebenszeit zu regieren. Die Demonstration, die gegen Putins Coup bereits angemeldet ist, wird sich leicht mit dem Hinweis auf das Coronavirus verbieten lassen.

Das sind Herrscherallüren, aber sie sind keineswegs auf autoritär regierte Scheindemokratien beschränkt. Gegenwärtig werden die dazugehörigen Herren nicht unbedingt liebevoll als alte weisse Männer bezeichnet, aber das Schmähen hilft auch nicht weiter: Sie sind da, und sie gehen nicht weg. Der Papst ist 83, der amerikanische Präsident 73.

Der politische Comedian Trevor Noah fasste den Wettbewerb unter den US-Demokraten um ihren Präsidentschaftskandidaten in dem Satz zusammen, dass die Wähler «darüber entscheiden, ob ihr Mann ein alter Mann oder ein noch älterer Mann» sein solle. Joe Biden ist 77, sein Konkurrent Bernie Sanders 78. So wie es gegenwärtig aussieht, hat der Jüngere gewonnen und kann bei der Präsidentschaftswahl im November gegen einen Mann antreten, der 2017 als bisher Ältester ins Weisse Haus eingezogen ist. Die neueste ist eine ziemlich alte Welt.

Ein sehr krisenfestes Genie

Um seine Jugendlichkeit zu betonen, bezeichnet sich Donald Trump als «very stable genius», als «sehr krisenfestes Genie». Er färbt sich die Haare maiskolbengelb und prahlt mit seinem Erfolg bei den Frauen. Jeder, der sein Grundstudium Psychologie an der Google-und-Wikipedia-Universität absolviert hat, ahnt, dass die fortgesetzten Angriffe auf «Sleepy Joe», auf einen Biden, der sich ständig verhaspelt und angeblich «nicht weiss, wo er ist oder was er tut», Ausdruck der eigenen Angst sind.

Bei einer Ansprache am Lincoln Memorial feierte Donald Trump die Revolutionsarmee, die im 18. Jahrhundert vom späteren ersten Präsidenten George Washington kommandiert wurde, weil es ihr gelungen sei, «die Flughäfen zu erobern». An den Namen seiner Frau erinnert er sich offenbar nicht immer, weiss dafür, dass sie einen Sohn hat, aber nicht ganz so gut, dass er auch seiner ist. Very stable indeed.

Okay, George W. Bush, der dann so begeistert in den Afghanistankrieg zog, hielt die Taliban einst für «irgendeine Band». Ronald Reagan verkündete 1984, mitten im Kalten Krieg, bei einer Mikrofonprobe, die «Bombardierung beginnt in fünf Minuten». Was der damals 73-Jährige vermutlich witzig fand.

Altbewährt

Niemand, nicht einmal der amerikanische Präsident, muss alles wissen, er hat schliesslich Berater für Pandemien und Urananreicherung und auch sonst für alles, nur bei Verstand sollte er sein, und der beginnt von einem gewissen Alter an gelegentlich nachzulassen. Der aktuelle amerikanische Präsident hat sich wiederholt für einen längeren Verbleib im Amt angeboten, wie es Putin gerade anstrebt, vorsichtshalber hat Trump auch schon damit gedroht, dass die gesamte Wirtschaft zusammenbreche, wenn er nicht wiedergewählt würde.

Wozu braucht man denn einen anderen, womöglich Jüngeren, wenn sich der Alte doch so bewährt hat? Die Alten können es einfach nicht lassen. Die Macht hält sie am Laufen, ihr Verlust wäre das Eingeständnis, dass man nicht mehr jung ist. Diese Machtverharrung, die Unfähigkeit, den Amtssessel aufzugeben, verbindet demokratische Politiker mit den Königen von einst, die unbehelligt von ihrem Volk auf ihrem Thron sterben durften, wenn sie nicht ein Rivale oder womöglich der eigene Sohn herunterstiess.

Was aber, wenn das Volk sie gar nicht behelligen will, sondern sich verehrungsbereit um die alten Männer schart? Es ist schon merkwürdig, dass sich Demokratien, die doch längst die autokratischen Fesseln abschütteln konnten, unbedingt Quasi-Monarchen wählen müssen, Männer gesetzteren Alters, mit allen Insignien des Bilderbuchgrossvaters: ein bisschen tapsig, aber repräsentativ, gütig, aber, wenns sein muss, auch mal streng, unbedingt lebenserfahren und auf eine segensreiche Weise scheinbar ungefährlich.

63, so alt ist übrigens auch der Autor dieser Zeilen, war und ist das klassische Alter für den Ruhestand.

Diesem Wunschbild entsprach vor allem Helmut Schmidt in seinen späteren Lebensjahren. Als er 95 wurde, 2013, galt er 25 Prozent der Befragten als bester unter den mittlerweile acht Kanzlern der Bundesrepublik, obwohl er genau das nicht war. Bei seinem erzwungenen Rücktritt, mehr als dreissig Jahre zuvor, galt er als gescheitert, aber er war ja erst 63 und stand am Beginn einer zweiten Laufbahn als allwissender Grosswesir.

63, so alt ist übrigens auch der Autor dieser Zeilen, war und ist das klassische Alter für den Ruhestand, Gelegenheit, bei der Enkelbetreuung und im Verein tätig zu werden, empörte Leserbriefe zu schreiben und die Prospekte mit den Kreuzfahrten zu studieren.

Überlebenswichtige alte Männer

Wie überlebenswichtig die alten Männer waren, zeigte sich, als 1980 in Jugoslawien Tito monatelang am Tropf hängen musste wie zuvor in Spanien Franco. Sie hatten ihr jeweiliges Land nach ihrem persönlichen Machtanspruch geformt, was ein so persönliches Regiment zur Folge hatte, dass mit ihrem Ableben das ganze Land unterzugehen drohte.

Jugoslawien brach nach Titos Tod tatsächlich auseinander, während Spanien eine wundersame Erneuerung hin zu einer Republik erlebte. Der 37-jährige Juan Carlos folgte 1975 dem mit 82 Jahren verstorbenen Franco nach, er rettete die Republik vor einem faschistischen Putsch und bleibt auch nach seinem Rücktritt vom Thron trotz diverser Affären nahezu unantastbar.

Dann doch lieber die Alten

Zugunsten der Alten spräche die Jugendbewegung, die der Nationalsozialismus auch war: Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte (angeschoben von deutlich jüngeren Männern) mit 85 Hitler zum Reichskanzler und ermöglichte damit einen sehr jugendlichen Marsch durch die Institutionen der Weimarer Republik. Hitler war, als ihm die Macht aufgedrängt wurde, 43 Jahre alt, sein Propagandaminister Joseph Goebbels 35, Reinhard Heydrich, von Göring mit der «Endlösung der Judenfrage» beauftragt, war 1942, zum Zeitpunkt der Wannseekonferenz, erst 37 Jahre alt. Dann doch lieber die Alten.

Anders, als sich das optimistische Beobachter wie Charles Reich in den Sechzigerjahren vorstellten, wird die Welt inzwischen nicht mehr jung, sondern alt. Das Durchschnittsalter in den Staaten auf der Nordhalbkugel ist mit der wachsenden Lebenserwartung beständig gestiegen.

Die Neigung östlicher Staaten, in einem Politbüro Greise aus der Gründerzeit zu versammeln, lebt im Westen wieder auf. Biden, Sanders und Trump waren in den Sechzigern jung – sie wollen von der Aufmerksamkeit nicht lassen, die ihnen damals zugefallen ist. Geblieben ist vom revolutionären Schwung vor allem der Machtanspruch.

Manchmal allerdings sind die alten weissen Männer nicht bloss unschlagbar, sondern tatsächlich unverzichtbar.

Schuld an dieser Herrschaft der Alten sind die Patriarchen nicht allein, es ist die freiwillige Selbstentmachtung der Jüngeren, die sich die Herrschaft der Alten gefallen lassen. Vielleicht hat sich, 120 Jahre nach seiner Erfindung, der Ödipuskomplex erledigt, vielleicht muss der Vater nicht einmal mehr symbolisch umgebracht, vielmehr um jeden Preis am Leben und im Amt erhalten werden, notfalls im Sauerstoffzelt.

Manchmal allerdings sind die alten weissen Männer nicht bloss unschlagbar, sondern tatsächlich unverzichtbar. Ihre Funktion als gesellschaftsstabilisierender Faktor ist nicht zu unterschätzen. Mit minimalen Variationen tun sie einfach das, was sie am besten können: etwa wenn die Rolling Stones, in der Tat nicht mehr die Jüngsten, die Bühne betreten und «Dead Flowers» spielen, dass es einem kalt den Rücken runterläuft, und dann «The Last Time».

Das sinkende Schiff

Pete Buttigieg, ein glückloser, weil nur 38-jähriger US-Präsidentschaftskandidat, liess bei seinen Auftritten den betagten Klassiker «Up Around the Bend» von John Fogerty laufen. Wenn der heute 74-jährige Fogerty das Riff greift, da-di, da-da-da-dah, da-di, dadadadah, das er vor genau fünfzig Jahren entdeckt hat und das er seither mindestens zwei Millionen Mal gespielt hat, und dazu brüllt wie eh und je, «Leave the sinkin’ ship behind», also: «Lass das sinkende Schiff hinter dir zurück». Dann, ja dann wird die schrecklich alte Welt noch einmal jung.

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