Einst staatenlos, heute Staatssekretärin

Die SPD-Beamte Sawsan Chebli wird wieder einmal angefeindet. Das kann ihr wenig anhaben – zumindest vordergründig.

Sawsan Chebli im Auswärtigen Amt in Berlin. Foto: Keystone

Sawsan Chebli im Auswärtigen Amt in Berlin. Foto: Keystone

Hannes Weber@hnnswbr

Sie scheint die Kontroversen anzuziehen: Sawsan Chebli, Staatssekretärin und Leiterin der Berliner Vertretung beim Bund. Aktuell macht das Verhältnis der SPD-Politikerin zum Luxus Schlagzeilen: Ein Facebook-Nutzer hat ein Bild aus dem Jahr 2014 geteilt, auf dem Chebli eine Rolex im Wert von 7300 Euro trägt – das sei symptomatisch für den aktuellen Zustand der SPD.

Die Folge: viel Widerspruch, aber auch viel Kritik an der 40-jährigen Chebli. Einmal mehr. Und einmal mehr liess sie diese nicht auf sich sitzen – und reagierte mit einem Tweet: «Wer von euch Hatern hat mit 12 Geschwistern in 2 Zimmern gewohnt, auf dem Boden geschlafen & gegessen, am Wochenende Holz gehackt, weil Kohle zu teuer war? Wer musste Monate für Holzbuntstifte warten? Mir sagt keiner, was Armut ist.» Die Rolex an Cheblis Arm ist tatsächlich vor allem eines: ein Symbol ihres eindrucksvollen Aufstiegs. Die Tochter palästinensischer Flüchtlinge kam 1978 in Berlin-Moabit als zweitjüngste von dreizehn Geschwistern zur Welt. Ihre Eltern sprechen bis heute kein Deutsch, Chebli hat die Sprache erst in der Schule gelernt. Bis zu ihrem 15. Lebensjahr war sie staatenlos und erhielt erst 1993 den deutschen Pass.

Vor diesem Hintergrund liest sich ihre Biografie wie ein kleines Wunder: 1999 machte sie das Abitur, 2004 schloss sie ihr Studium der Politologie ab. Drei Jahre zuvor war sie der SPD beigetreten und arbeitete ab 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin mit dem Schwerpunkt Aussenpolitik bei zwei Bundestagsabgeordneten. Ins mediale Rampenlicht geriet sie, als sie 2010 die neu geschaffene Stelle als «Grundsatzreferentin für interkulturelle Angelegenheiten des Berliner Senats» einnahm. Nur vier Jahre später ernannte Frank-Walter Steinmeier Chebli zur stellvertretenden Sprecherin des Auswärtigen Amtes – als erste Muslimin. Diese Funktion hatte sie bis Ende 2016 inne, als sie unter Berlins Bürgermeister Michael Müller Staatssekretärin und Vertreterin der Stadt beim Bund wurde.

Cheblis politischer Karriere haben die Kontroversen um ihren Glauben und die Kritik an ihrer Person indes kaum geschadet.

Es ist aber nicht nur der steile Aufstieg, der Chebli viel Medienaufmerksamkeit und Widerspruch beschert hat, sondern auch ihr Glaube. Die praktizierende Muslimin äusserte sich etwa 2016 dahingehend, dass die Scharia nicht im Gegensatz zum Grundgesetz stehe. Nach öffentlicher Kritik, die auch aus der eigenen Partei kam, präzisierte sie diese Aussage dahingehend, dass das nicht für alle Teile der Scharia gelte. Ähnlich wie der Glaube macht auch ihr Geschlecht Chebli immer wieder zur Zielscheibe von Kritik und Anfeindungen. So wird ihr rasanter Aufstieg von manchen mit ihrer Attraktivität begründet. Der österreichische ÖVP-Parlamentarier Efgani Dönmez suggerierte im September auf Twitter, Cheblis Karriere sei nur durch sexuelle Gefälligkeiten möglich gewesen. Für diese Aussage wurde er aus seiner Parlamentsfraktion ausgeschlossen.

Cheblis politischer Karriere haben die Kontroversen um ihren Glauben und die Kritik an ihrer Person indes kaum geschadet, zumindest vordergründig. Doch ganz spurlos gehen die Anfeindungen nicht an ihr vorbei. Im Rahmen eines Diskussionsforums sagte sie gestern, sie habe ihr Facebook-Konto deaktiviert – wegen der vielen Hassbotschaften.

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