Zum Hauptinhalt springen

Hamburg, eine Festung statt das Tor zur Welt

Die weltoffene Stadt ist für einen Weltgipfel der Mächtigen der geeignetste und ungeeignetste Ort zugleich.

Geballte Staatsgewalt: Mit Wasserkanonen und Pfeffersprays versucht die Hamburger Polizei, die Chaoten in Schach zu halten. Foto: Getty Images
Geballte Staatsgewalt: Mit Wasserkanonen und Pfeffersprays versucht die Hamburger Polizei, die Chaoten in Schach zu halten. Foto: Getty Images

Warum Hamburg? Warum hält man einen Gipfel der wichtigsten Wirtschaftsmächte der Welt mitten in einer Grossstadt ab, in der 1,8 Millionen Menschen leben? Warum nicht auf einer einsamen Insel? Auf einem Kreuzfahrtschiff? Oder einem Flugzeugträger? Warum skypen die Mächtigsten nicht einfach miteinander? So liessen sich ein paar Dutzend Millionen Euro und jede Menge Ärger sparen! Es sind immer dieselben Fragen, die aufkommen, sobald irgendwo ein Weltgipfel eine ganze Stadt auf den Kopf stellt. Wer solche Treffen nicht grundsätzlich ablehnt, wird um die Einsicht nicht herumkommen, dass eine G-20-Tagung sich nicht verstecken lässt. Die Dimensionen sind gewaltig: 20 ordentliche und noch einmal so viele Gastdelegationen bringen etwa 6500 Unterhändler nach Hamburg, dazu stossen fast 5000 Journalisten aus aller Welt.

Während Deutschland die letzten Gipfel der G-8 und der G-7 in einem abgesperrten Ostseebad (Heiligendamm, 2007) und einem abgeschiedenen Luxushotel in den bayerischen Alpen (Elmau, 2015) noch recht aufregungsarm unterbrachte, kam für das G-20-Treffen von vornherein nur eine Grossstadt infrage. Dies zeigt eine Liste der früheren Austragungsorte, auf der unter anderem Washington, London, Seoul oder Moskau figurieren.

«Willkommen in der Hölle»

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel im vergangenen Jahr Berlin, München und Hamburg anfragte, winkten die ersten beiden angeblich sofort ab. Berlins Regierung ist schon im Normalfall mit sich selber restlos beschäftigt und trägt im Alltag das Gewicht der meisten politischen Demonstrationen im Land, München wiederum erholte sich gerade von der Flüchtlingskrise. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz hingegen sagte Merkel zu – angeblich war die Kanzlerin im Gegenzug bereit, dessen Olympiakandidatur zu unterstützen. Als «Tor zur Welt», wie Hamburg seit fast 130 Jahren genannt wird, sei die Metropole für einen Weltgipfel wie gemacht, meinten beide.

Der Sozialdemokrat Scholz regiert die Hansestadt seit sechs Jahren ebenso effizient wie erfolgreich. Dem reichen, weltoffenen Bürgertum der Stadt steht traditionell eine grosse antikapitalistische Subkultur und Aktivistenszene gegenüber. Sowohl für Sympathie für Globalisierer wie auch für Proteste gegen sie könnten die Voraussetzungen in Hamburg also günstiger nicht sein.

Auch in Hamburg sind viele der Meinung, dass es alleweil besser sei, ein Gipfel stelle sich wenigstens in den Grenzen einer Stadt der gesellschaft­lichen Auseinandersetzung, als dass die Mächtigen ganz unter sich blieben. Die linke Szene reibt sich am G-20-­Treffen, und das ist gut so. Eine Vielzahl von alternativen Debattenforen, Workshops, Tanzumzügen und Kundgebungen zeugen von einer Auseinandersetzung, die der Demokratie alle Ehre macht.

21'000 Polizisten im Einsatz

Freilich zieht Hamburgs G-20-Gipfel auch gewaltbereite Linksradikale aus ganz Europa an. 8000 Militante sollen den grössten Schwarzen Block der Geschichte bilden, viele haben sich seit Monaten auf den Kampf mit der Polizei vorbereitet. «Willkommen in der Hölle» lautet ihr Motto. Entsprechend gerüstet präsentiert sich ihr Widerpart: 21'000 Polizisten sind im Einsatz, unterstützt von Bundeswehr und allen möglichen Spezialkräften.

Den Ordnungskräften kommt dabei eine ausserordentlich schwierige Aufgabe zu: Sie müssen die Gipfelgäste schützen und gleichzeitig auch das Versammlungsrecht der fried­fertigen Demonstranten garantieren. Vor allem aber müssen sie dafür sorgen, dass die linksextremen Ran­dalierer weder ganze Häuserzüge ver­wüsten noch den Gipfel in Gefahr bringen. Die innere Logik dieser Aufgaben führt dazu, dass sich Hamburg während dieser Tage mehr einigelt, als es den Behörden und der Stadt lieb ist.

Die bedeutenden Demonstrationen finden alle vor oder nach dem eigentlichen Gipfel statt. Während des Treffens gilt fast die gesamte Innenstadt als demonstrationsfreie Zone. Das mag aufgrund der Gefahr, die vom Schwarzen Block ausgeht, verständlich sein. Demokratiepolitisch bedauerlich ist es allemal. Auch haben sich Aktivisten und Behörden in vielerlei juristische Scharmützel verstrickt, in denen vor Gericht bei weitem nicht immer die Vertreter des Staates obsiegen. Im Grunde zeigen diese Vorgänge aber nur, dass der Rechtsstaat in Hamburg – anders als die Radikalen behaupten – sehr wohl funktioniert.

Die Hamburger Polizei gilt als freundlich und hilfsbereit, hat aber den Ruf, kompromisslos durchzugreifen, wenn Demonstranten Gewalt anwenden. Überreaktionen hat es früher schon gegeben, und sie sind auch jetzt nicht auszuschliessen. Im Willen, auf keinen Fall zuzulassen, dass Hamburg in Gewalt versinkt, nimmt man in Kauf, die Stadt akribisch abzu­sichern. Statt des «Tors zur Welt» sieht die Welt eine Festung. Das ist der Preis, den die weltoffene Stadt für ihren Gipfel der Mächtigen bezahlt.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch