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Ein Sklave für 400 Dollar

Aufnahmen, die den Verkauf von Flüchtlingen auf libyschen Sklavenmärkten zeigen, haben weltweit für Empörung gesorgt.

Die Botschaft des Elends nahm einen bemerkenswerten Weg: Im Oktober wurde dem amerikanischen Fernsehsender CNN ein Videozugespielt. Darauf sind Bilder von einem Sklavenmarkt irgendwo in Libyen zu sehen. Mindestens zwei junge Männer, offenkundig Migranten aus Staaten südlich der Sahara, werden als billige Zwangsarbeiter verkauft, 400 Dollar pro Mensch.

Ein Team von CNN filmte später eine weitere Auktion und sendete den Beitrag Mitte November, die Szenen der Demütigung entfachten Empörung in vielen afrikanischen Staaten, aber auch in Europa. Es kam zu Demonstrationen von der malischen Hauptstadt Bamako bis in die afrikanische Gemeinde von Paris. Betroffene und Augenzeugen meldeten sich zu Wort. Künstler und Sportler erklärten ihre Solidarität. Und am Mittwoch erreichte das Echo des Aufruhrs den gemeinsamen Gipfel von Europäischer und Afrikanischer Union in Abidjan.

Zugang für Flüchtlingshilfswerk gewährt

Auf einem kurzfristig anberaumten Treffen am Mittwochabend verständigten sich europäische und afrikanische Staats- und Regierungschefs, UN-Generalsekretär António Guterres sowie Vertreter von EU und Afrikanischer Union (AU) auf einen Aktionsplan gegen die Sklaverei.

Mit am Tisch sass auch der von der internationalen Gemeinschaft anerkannte libysche Regierungschef Fayez al-Sarraj. Er sagte zu, was die Europäer sowie internationale Hilfsorganisationen schon lange fordern: den Zugang für das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR), sowie die Internationale Organisation für Migration (IOM) in die Lager in seinem Einflussbereich. Al-Farraj kontrolliert nur Teile Libyens, zu denen allerdings auch küstennahe Regionen zählen, wo zahlreiche Lager mit Migranten vermutet werden, weil von hier aus Schlepperorganisationen ihre Boote in Richtung Europa auf den Weg schicken.

Alternative zum Lösegeld

Zehntausende Migranten, vor allem aus Subsahara-Staaten, geraten bei dem Versuch, nach Europa zu gelangen, in Lager libyscher Milizen. Sie werden unter unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Berichten zufolge werden sie misshandelt, um Lösegeld von ihren Familien zu erpressen. Wer auf diesem Weg keine Einnahmen bringt, wird direkt verkauft, Männer als Arbeitskräfte, Frauen als Sex-Sklavinnen.

Doch erst die sichtbare Dokumentation des Elends, die Fernsehbilder von jungen Männern, die hilflos und lethargisch ihr Schicksal erdulden müssen, rühren nun offenbar an ein historisches Trauma vieler Afrikaner. Und sie könnten bewirken, dass sich europäische und afrikanische Politik gemeinsam intensiver um die katastrophalen Zustände in den libyschen Flüchtlingslagern kümmern. Die IOM, so die Vereinbarung nach dem etwa einstündigen Treffen von Abidjan, soll mit finanzieller und logistischer Unterstützung afrikanischer Staaten die Rückkehrprogramme für gestrandete Migranten deutlich aufstocken.

Plan für besonders Schutzbedürftige

Das Scheitern auf dem Weg in das erhoffte bessere Leben bedeutet für die Migranten häufig einen Gesichtsverlust gegenüber ihren Verwandten, die bisweilen mehrere Tausend Dollar zusammengekratzt haben, um einem Familienmitglied die Flucht nach Europa zu ermöglichen. Die IOM mildert diese Schmach mit Hilfen für Rückkehr und Wiedereingliederung. Aus Mitteln der EU, so die Vereinbarung von Abidjan, sollen nun zusätzliche Mittel fliessen, um den Rückkehrern Starthilfe in der Heimat zu geben.

Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern sollen verstärkt aus Libyen ausgeflogen und nach Niger und in den Tschad gebracht werden. In sogenannten Resettlement-Programmen sollen sie in afrikanischen, aber auch in europäischen Staaten eine neue Heimat finden. Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien haben bereits Ende August ihre Bereitschaft zur Aufnahme solcher Flüchtlinge bekundet. Dieser Plan soll vor allem besonders schutzbedürftigen Personen helfen, zum Beispiel alleinstehenden Frauen mit Kindern.

Stockender Friedensprozess in Libyen

Die Runde von Abidjan beschloss ausserdem, im Kampf gegen Schleuserorganisationen Erkenntnisse von Polizeien und Nachrichtendiensten intensiver auszutauschen und Sanktionen gegen die Hintermänner zu prüfen. Der seit Monaten stockende Friedensprozess in Libyen im Rahmen der Vereinten Nationen soll vorangetrieben werden – vielleicht das grösste Problem im Bemühen um eine Verbesserung der Lage.

Ob das Treffen von Abidjan nur Aktionismus war, muss sich in den kommenden Monaten zeigen. Wie es in Regierungskreisen hiess, gibt jedoch die Dringlichkeit, mit der die afrikanische Politik das Thema auf dem Gipfel behandelte, Anlass zu der Annahme, dass nun wirklich etwas passieren könnte. Auch Aufklärungskampagnen sollen potenzielle Migranten davon abhalten, sich auf den Weg nach Norden zu begeben. Vor allem jungen Menschen soll klargemacht werden, welches Risiko sie eingehen würden. Mit dem CNN-Video vom Sklavenmarkt in Libyen haben die Regierungen Anschauungsmaterial erhalten, das Eindruck hinterlässt.

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