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Ein grüner Star namens Tarek Al-Wazir

Der stellvertretende hessische Ministerpräsident dürfte mit seinen Grünen zum Gewinner der Landtagswahl werden.

«Mit diesem Namen unterwegs zu sein, ist nicht irgendwas»: Tarek Al-Wazir.Foto: Paul Zinken (Picture Alliance, dpa)
«Mit diesem Namen unterwegs zu sein, ist nicht irgendwas»: Tarek Al-Wazir.Foto: Paul Zinken (Picture Alliance, dpa)

Tarek Al-Wazir ist in Offenbach am Main geboren, aber die Eltern, eine linke deutsche Lehrerin und ein Student aus einer ­angesehenen jemenitischen ­Familie, schlugen den Rat des Standesbeamten tapfer aus, ihm einen deutschen Vornamen wie Fritz oder den Nachnamen seiner Mutter zu geben.

Al-Wazirs Vater, später Diplomat und Geschäftsmann, kehrte bald in den Jemen zurück, der Sohn wuchs bei der Mutter auf. Als der 14-jährige Tarek Ärger mit seinem Stiefvater hatte, zog er zu seinem Vater nach Sanaa, um in dessen Familie zu leben. Nach einem Jahr begann er sich einsam zu fühlen. Nur Bushra, eine Jemenitin, die einige Jahre in Bonn zur Schule gegangen war, verstand, dass er zwischen zwei Welten schwankte.

Mit 16 kehrte Tarek nach Deutschland zurück, für immer. Nicht enttäuscht, sondern im Wissen, dass er ohne die zwei Jahre im Jemen nicht der Mensch wäre, der er heute ist. Mehr als ein Jahrzehnt später heiratete er Bushra, die Freundin aus Sanaa. Das Paar hat zwei Söhne.

Bürde eines Namens

«Mit diesem Namen unterwegs zu sein, ist nicht irgendwas», sagte Tarek Al-Wazir vor Jahren einmal. In der Kantine des Landtags murmelte ein CDU-Mann dem jungen Abgeordneten zu: «Na, Al-Wazir, wenn die Moslems die Macht übernehmen, legst du doch ein gutes Wort für mich ein, oder?» Im Wahlkampf 2008 liess die hessische Stahlhelm-CDU des damaligen Ministerpräsidenten Roland Koch den Slogan plakatieren: «Ypsilanti, Al-Wazir und die Kommunisten stoppen!» Der grüne Spitzenkandidat nahm es persönlich (die hessische SPD-Chefin Andrea Ypsilanti auch).

Die Stimmen, die glauben, seinen Namen gegen ihn verwenden zu müssen, sind weitgehend verstummt. Seit 2014 regieren die Grünen in Hessen mit, als Juniorpartner der CDU. Es war die ­erste schwarz-grüne Koalition ausserhalb Hamburgs. Al-Wazir ist stellvertretender Ministerpräsident, verantwortlich für Wirtschaft, Verkehr und Energie. Umfragen bescheinigen dem 47-Jährigen regelmässig, er sei Hessens beliebtester Politiker.

Mentor Joschka Fischer

Die Leute mögen Al-Wazir, weil er pointiert und klug spricht, geschmeidig politisiert und sich eisern an der Sache orientiert. Mit dem Hessen Joschka Fischer hatte er in seinen Anfängen einen herausragenden Lehrmeister, mit dem CDU-Mann Koch ein grosses Feindbild. Als er selbst an die Macht kam, bewies er Mut und Geschick und verwandelte das vermeintliche «Himmelfahrtsunternehmen» schwarz-grüne Koalition in eine Erfolgsgeschichte.

Was mit Koch nicht möglich gewesen wäre, gelang mit Volker Bouffier. Der CDU-Mann und der Grüne gingen aufeinander zu, bauten Vertrauen auf, gestanden sich gegenseitig Erfolge zu und arbeiteten am Ende fünf Jahre mehrheitlich erfolgreich und fast ohne Streit zusammen.

Tarek heisst im Arabischen übrigens: «Einer, der Einlass begehrt». Und Wazir Minister.

Al-Wazir hatte Bouffier verblüfft, weil er als Minister nicht nach Umwelt oder Sozialem griff, sondern nach der Wirtschaft und dem Verkehr. Die Zeit war dem Minister günstig: Viele alte Konflikte zwischen CDU und Grünen – das AKW Biblis, der Ausbau des Frankfurter Flughafens – waren bereits abgeräumt, sodass Al-Wazir sich Pragmatismus leisten konnte. Die hessische Wirtschaft boomte, ökologische Impulse ­fielen auf fruchtbaren Boden. ­Al-Wazirs grösster Erfolg war ein Schüler-Jahresticket. Für einen Euro am Tag können junge Leute mit Bus, Bahn und Regionalzügen durch Hessen fahren.

Viele Linke hatten die Grünen gewarnt, sie würden in fünf ­Jahren mit der CDU ihre Wähleranteile halbieren. Kurz vor der Landtagswahl hat sich der Zuspruch praktisch verdoppelt, von 11 auf 22 Prozent. Al-Wazir weiss natürlich, dass die Werte weniger ein Resultat seiner Arbeit sind als eines Höhenflugs, der Grüne derzeit landesweit fliegen und CDU/SPD stürzen lässt.

Es kann gut sein, dass nach der Wahl am Sonntag ohne die Grünen niemand regieren kann, sie über das künftige Regierungsbündnis also mitentscheiden. Bouffier und Al-Wazir würden ihre Arbeit gerne weiterführen. Wenn ihnen dafür ein paar Sitze fehlen, könnten sie noch die FDP dazubitten, für ein Jamaika-Bündnis.

Oder landet Al-Wazir selbst den grossen Coup? Liegen seine Grünen nach der Wahl vor den Sozialdemokraten, könnte mit der Linkspartei zusammen allenfalls sogar ein grün-rot-rotes Bündnis regieren – unter Ministerpräsident Al-Wazir. Der Chef der Grünen schliesst das nicht aus, ist aber skeptisch, ob die linken Populisten überhaupt regierungsfähig sind.

Tarek heisst im Arabischen übrigens: «Einer, der Einlass begehrt.» Und Wazir Minister.

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