Der Skandal-Sumpf von Washington trocknet nie aus

Die Russlandaffäre ist lediglich das jüngste Beispiel: Die Fehltritte der US-Präsidenten.

Geschocktes Publikum: Zuschauer bei der Bekanntgabe des Wahlsieges von Trump vor einem Jahr. Foto: Andres Gombert (EPA, Keystone)

Geschocktes Publikum: Zuschauer bei der Bekanntgabe des Wahlsieges von Trump vor einem Jahr. Foto: Andres Gombert (EPA, Keystone)

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Skandal liegt in der Luft. Wie schon so oft in Washington, dieser skandalgeschüttelten Hauptstadt. Sex, Geld, Verrat, Bestechung, Meineid? Alles zu haben, regelmässig bewegt ein neuer Aufreger die amerikanische Hauptstadt. Manch einer ist frei erfunden und entspringt der extremen politischen Polarisierung. Ich schwärze dich an, du mich – mal abwarten, was am Ende kleben bleibt von all dem Dreck.

Die raue Natur amerikanischer Politik – die europäische ist ein Kinderspiel dagegen – sorgt immer wieder für Aufhebens. Schon Thomas Jefferson wusste davon ein Lied zu singen. Kein Skandal ist gewichtiger als einer, der den Präsidenten involviert. Wenn das höchste Amt im Staat auf dem Spiel steht und sich der Himmel über dem Weissen Haus verdüstert: Dann gerät die Hauptstadt in Ekstase, sie mobilisiert Angreifer und Verteidiger und liefert eine politische Show wie keine andere Hauptstadt, nicht einmal das antike Rom.

Die Medien spielen verrückt

So war es mit Watergate. Oder mit Irancontra. Oder mit Monica Lewinsky und Bill Clinton. Und so verhält es sich jetzt, da die Russlandaffäre wie ein Mühlstein um den Hals von Donald Trump hängt und ein Sonderermittler wie weiland bei Richard Nixon oder Ronald Reagan oder Bill Clinton einer Sache auf den Grund kommen will, die den Präsidenten das Amt kosten könnte. Oder ihn zumindest lähmte. Dann spielen die Medien verrückt, zig Tausende von Reportern und Korrespondenten, Moderatoren und TV-Produzenten. Ihr Geschäft blüht, wenn die Nummer eins im Staat strauchelt.

Experten tummeln sich auf allen TV-Kanälen, ehemalige Strafverfolger oder pensionierte FBI-Agenten, altgediente Parteibonzen und überhaupt jeder, der im Zeitalter der überhitzten TV-Kabelkultur Insiderwissen besitzt. Sogar abgetakelte Figuren von Vorgestern melden sich zu Wort, um gegen gutes Geld ihren Senf dazuzugeben. «Talking Heads» sind sie alle. Und jeder Skandal ist Musik in ihren Ohren.

Republikaner überzeugten Nixon von Rücktritt

Der Kongress ist gleichfalls mit dabei; er ermittelt und vernimmt Zeugen und versucht, den Präsidenten zu schützen, wenn dieser Präsident das gleiche Parteibuch besitzt wie die Mehrheit der Abgeordneten und Senatoren. Bei Richard Nixon war dies unmöglich: Die Demokraten beherrschten den Kongress, zu krass war, was Nixon angerichtet hatte. Am Ende überzeugte den republikanischen Präsidenten eine Delegation republikanischer Granden von der Notwendigkeit eines Rücktritts.

Sonst wäre «Tricky Dick», wie Nixon genannt wurde, im Zuge eines «Impeachment» vom Kongress angeklagt und verurteilt worden. Ein Vierteljahrhundert später versuchten sich die Republikaner an einer Retourkutsche. Bill Clinton war ihre Zielscheibe. Fast wäre der Coup gelungen, weil Clinton über seine sexuelle Beziehung mit der Praktikantin Monica Lewinsky gelogen hatte. Clintons aussereheliche Extratouren lieferten einen Skandal der Extraklasse. Der Abschlussbericht des im Boudoir schnüffelnden Sonderanklägers Ken Starr las sich bisweilen wie ein Porno. Lüstern spürte Starr 1998 dem lüsternen Clinton nach. Die Hauptstadt sog es auf, und die Quoten der TV-Sender waren fabelhaft. Aber Watergate war es nicht und beschämend eher für die Feinde der Clintons als für die Clintons. Allerdings benötigte niemand einen Leitfaden wie bei Watergate. Für jedermann leicht verständlich ging es um Sex und Macht.

Reagans komplexer Skandal

Zum Verständnis von Irancontra, als Ronald Reagans klandestine Krieger, vorneweg CIA-Direktor Bill Casey, den Ayatollahs im Iran illegal Raketen verkauften und mit dem Erlös illegal die Contras in Nicaragua alimentierten, war dagegen ein Grundwissen erforderlich. Der Skandal war kompliziert, doch nicht frei von Komik. Reagans Abgesandte reisten 1986 heimlich mit irischen Pässen nach Teheran und überbrachten als Gastgeschenke eine Bibel sowie einen Kuchen in Form eines Schlüssels. Er sollte die Öffnung zum Iran symbolisieren.

Reagan log über die Affäre, ihn anzuklagen aber kam nicht infrage: Der Präsident war beliebt, ein grossväterlicher Mann war er, dem die Dinge über seinen vielleicht nicht mehr allzu klaren Kopf gewachsen waren. An Trump ist nichts grossväterlich, wenngleich auch ihm die Dinge offenbar über den Kopf wachsen. Wird der derzeitige Sonderermittler, wegen seines vollen Namens Robert Mueller III intern auch als «Bobby 3 Stöckchen» bekannt, bei Trump fündig, wird Washington tief durchatmen.

Das beste Spektakel der Geschichte

Dann stünde vielleicht die beste Polit-Show der Geschichte ins Haus, eine Darbietung von derart dramatischer Sprengkraft, dass Irancontra oder Lewinsky daneben wie Kasperlitheater wirkten. Und unweigerlich würde irgendwann ein Held auftreten. Einer wie der schneidige Oberstleutnant Oliver North, der bei Irancontra in voller Uniform vor dem Kongress aussagte und am Ende nicht nur Ronald Reagan, sondern auch sich selber einen riesigen Gefallen getan hatte: Er wurde zum Instant-Star und drängte später sogar in die Politik. Watergate hingegen lieferte zwei Arten von Helden: Die guten wie die Reporter Woodward und Bernstein oder wie John Dean, der Rechtsbeistand Nixons, der den Präsidenten der Lüge überführte. Und die schlechten. Sie hielten Nixon eisern die Treue, Leute wie G. Gordon Liddy, die noch Jahre später ein Komplott witterten.

Mal sehen, was «Bobby 3 Stöckchen» diesbezüglich auftut. Vielleicht nichts, weil die Russlandaffäre gleich einem schlechten Soufflé implodiert. Bei Trumps Feinden erlangte Mueller natürlich Heldenstatus, falls er den Präsidenten und seine Mitarbeiter überführte. Trumps barocke Psyche garantierte beispiellosen Unterhaltungswert. Einen Vorgeschmack darauf liefern seine Wutanfälle, wenn immer die Russland-Sache für Schlagzeilen sorgt. Dann rastet der Präsident aus, verbringt Stunden vor dem TV und schimpft und tobt. Zur Arbeit erscheint er nicht.

Toben als Reaktion

Am Mittwoch rief Trump die «New York Times» an. Er tobe nicht, beschied er die Zeitung. Aus seiner Umgebung heisst es jedoch, er tobe. Richard Nixon betrank sich jeden Abend, derweil Watergate seine Präsidentschaft ruinierte. Bill Clinton tat, als repariere er seine Ehe. Ausserdem betete er mit Pastoren, um einen guten Eindruck zu schinden. Er wurde vom republikanischen Repräsentantenhaus angeklagt, vom Senat aber nicht verurteilt.

Ronald Reagan war konfus, während Irancontra die Hauptstadt beschäftigte. Später wurde geflüstert, der Präsident sei zu jener Zeit vielleicht schon ein Opfer der Alzheimer-Krankheit gewesen, die ihn später das Leben kostete. Sein Witz, sein Charme und Nancy Reagans Fürsorge retteten ihn ebenso wie die Überzeugung der Demokraten, nach Nixon könne nicht schon wieder ein republikanischer Präsident aus dem Amt gejagt werden. Was Trump anbelangt, hätten die Demokraten diesbezüglich keine Skrupel.

Die Hauptstadt schlägt zurück

Washington insgesamt hätte keine Skrupel. Immerhin beschimpft Trump die Hauptstadt als «Sumpf», den es trockenzulegen gelte. Gern würden es die Bewohner des Sumpfs Trump heimzahlen. Umso mehr, als er und die überwiegende Mehrheit der Medien in der Hauptstadt einander hassen.

Die Bühne steht jedenfalls, die Kulissen sind fertig. Explodierte die Russlandaffäre, würde sie Irancontra und Bill Clintons amouröse Abenteuer bei weitem übersteigen. Ist die Affäre hingegen nur ein Produkt der fiebrigen Fantasie der Trump-Feinde, wird es bald langweilig werden. Washington müsste sich nach einem neuen Skandal umsehen. Und wird ihn finden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2017, 10:40 Uhr

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