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Die Rolle der Tanten in der Belgrader Politik

Der serbische Wehrminister kauft sich eine Wohnung und behauptet, das Geld habe er von einer Tante erhalten. Niemand glaubt ihm, doch die Justiz bleibt untätig.

Treuer Freund des Präsidenten: Der serbische Verteidigungsminister Aleksandar Vulin. Foto: Keystone
Treuer Freund des Präsidenten: Der serbische Verteidigungsminister Aleksandar Vulin. Foto: Keystone

Eine Tante in Kanada. Eine Tante, die lebenslang in der Fremde geschuftet und gespart hat, um die Verwandten in der Heimat zu unterstützen. Das wünschen sich derzeit viele Menschen in Serbien. Das grosse Vorbild ist Verteidigungsminister Aleksandar Vulin. Er hat, wie jetzt bekannt wurde, eine Wohnung in Belgrad gekauft – für knapp 250'000 Euro. Das ist sehr viel Geld in Serbien, wo ein Minister nur etwa 800 Euro im Monat verdient. Wie Vulin die Summe zusammenkratzen konnte, das fragen sich viele Serben. Auch die Antikorruptionsbehörde interessiert sich für den Fall.

Das Investigativnetzwerk «Krik» berichtete letzte Woche darüber, wie Vulin sich in Widersprüche verstrickt. Für den Immobilienkauf habe er 205'000 Euro von einer Tante in Kanada geliehen, soll er den Korruptionsbekämpfern zunächst gesagt haben. Dann präzisierte er, bei der hilfsbereiten Dame handle es sich um die Tante seiner Ehefrau.

Keine Spur einer Überweisung

Vulin und die Tante in Kanada: Der Skandal zeigt exemplarisch, dass hochrangige Politiker in Serbien und in anderen Balkanstaaten als unantastbar gelten, wenn sie die Macht missbrauchen. Nachdem Vulin die Herkunft des Geldes nicht nachweisen konnte und mit offensichtlich gefälschten Papieren immer stärkere Zweifel hervorrief, leitete die Antikorruptionsagentur das Dossier an die Staatsanwaltschaft weiter.

Es wurde abgeklärt, über welche Banken die ominöse Tante das Geld nach Serbien überwiesen hat. Die Beamten fanden aber keine verdächtige Spur. Dann wurde überprüft, ob jemand das Geld in bar über die Grenze eingeführt hat. Die Suche blieb auch hier erfolglos. Das serbische Gesetz über die Bekämpfung der Geldwäscherei verlangt, dass Summen von mehr als 10'000 Euro den Zollbeamten gemeldet werden müssen.

23-mal nach Kanada geflogen?

Auf die Frage einer Journalistin, wie die inzwischen berühmte Tante in Kanada das Geld nach Serbien gebracht habe, antwortete Vulin allen Ernstes, er persönlich habe bei Auslandreisen jeweils 9000 Euro ins Land eingeführt. Damit hätte er das Gesetz nicht verletzt, und vielleicht ist Vulin tatsächlich 23-mal nach Kanada geflogen, um das Geld zu holen. Ebenso gut könnte er sagen, er habe die Geldscheine in seinem Garten gefunden und danach dem Wohnungsverkäufer überwiesen, der angeblich im spanischen Marbella wohnt.

Die Justiz muss Vulin vorläufig nicht fürchten. Die belastenden Dokumente landeten in einer Schublade und wären dort vermutlich verschwunden, wenn die wenigen noch unabhängigen Medien in Serbien nicht darüber berichtet hätten. Die Staatsanwaltschaft hat im Sommer in aller Eile das Verfahren eingestellt. Es gebe keine Beweise, hiess es. Vulins Partei, die sich Bewegung der Sozialisten nennt und mit der Fortschrittspartei von Staatschef Aleksandar Vucic mitregiert, beschimpfte den Chefredaktor des Recherchenetzwerks «Krik» als Drogenabhängigen, der Serbien hasse. Die EU – sie führt seit 2014 Beitrittsgespräche mit Belgrad – verurteilte die Angriffe auf die Medien. Die Staatsanwaltschaft sei die letzte Verteidigungslinie der Regierung, sagt der Politologe Zoran Stojiljkovic, der für die Antikorruptionsagentur gearbeitet hat. Die Verfahren gegen einflussreiche Politiker würden verzögert, ignoriert oder manipuliert.

Milosevic- und Putin-Bewunderer

Der 44-jährige Vulin ist als Falke und Provokateur bekannt. Er lässt keine Gelegenheit aus, die Gewaltherrschaft Slobodan Milosevics zu loben und jede Mitschuld Belgrads an den jugoslawischen Zerfallskriegen zu verneinen. In den 90er-Jahren war Vulin ein enger Vertrauter von Mira Markovic, die zusammen mit ihrem Ehemann Slobodan Milosevic das Balkanland in den Abgrund zog. Markovic stand damals an der Spitze der Jugoslawischen Linken (JUL), die eine Postenverteilungsmaschine für die Anhänger des Regimes war.

Als Vulin Ende Juni Verteidigungsminister wurde, herrschte in den westlichen Botschaften in Belgrad Unbehagen. Der in Novi Sad in der nordserbischen Provinz Vojvodina geborene Jurist gilt als Bewunderer des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Bis Ende Jahr will der Kreml Serbien sechs Kampfflugzeuge vom Typ MiG-29, Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge schenken. Vulin hat Moskau versprochen, sein Land werde nicht der Nato beitreten.

Den Skandal um seine Wohnung wird Vulin wohl aussitzen. Seine Loyalität gegenüber Staatschef Vucic ist unbegrenzt. Kürzlich schlug er vor, in jedes Armeebüro ein Bild Vucics zu hängen. Nach Protesten der Opposition und der kritischen Medien krebste der Wehrminister zurück. Vulin, so die Zeitschrift «Vreme» in einem Porträt, sei schon immer auf der falschen Seite der Geschichte gestanden. «Er lächelt fast nie, er ist meist tödlich ernst und grimmig.»

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