Die Kinder von Scotland Yard

Weil in Grossbritannien Minderjährige als verdeckte Ermittler in Bandenkriegen und im Drogenhandel eingesetzt werden, haben Polizei und Politik nun ein Problem.

Jugendliche, die in Gangs vernetzt sind, machen Polizeiarbeit. Foto: iStock

Jugendliche, die in Gangs vernetzt sind, machen Polizeiarbeit. Foto: iStock

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Der Skandal war eher zufällig ans Licht gekommen. Das britische Innenministerium hatte eine Richtlinie überarbeiten wollen, die bei der Polizei angewendet wird; es ging um verdeckte Ermittler. Und weil so etwas in Grossbritannien in bestimmten Fällen von einer Parlamentskommission im Oberhaus geprüft wird, sahen sich die Lords einem Faktum gegenüber, das sie empörte: Die Polizei beschäftigt Minderjährige als Spitzel.

Vor allem im Kampf gegen den Drogenhandel, wo Kinder als Boten eingesetzt werden, und im Kampf gegen Banden, denen immer mehr Jugendliche zum Opfer fallen, seien junge Ermittler wichtig, argumentiert Scotland Yard. Es sei eben manchmal am effektivsten, Kinder, die in den Gangs vernetzt und bekannt seien, loszuschicken, um Informationen zu sammeln. Das Innenministerium wollte nun, dass der Einsatz eines Kindes nicht mehr monatlich neu beantragt werden muss, sondern nur noch alle vier Monate.

Doch die Lords riefen: Stopp! «Wir befürchten», schreiben sie, «dass die neue Richtlinie nur entwickelt wurde, um der Polizei zu nützen. Die Umsetzungsregeln sind aber sehr vage, wenn es darum geht, zu beweisen, dass auch das Kindeswohl Beachtung findet.» 

Prozedere in Frage stellen

Im Anhang des Reports ist der Briefwechsel mit dem Innenministerium dokumentiert, den die Lords «unbefriedigend» finden. Sicherheitsstaatssekretär Ben Wallace hatte argumentiert, es könne schwierig sein, Zugang zu Banden zu bekommen, ohne ihre Führung mit minderjährigen Informanten zu durchsetzen. «Nicht nur erfahren wir so, was sie vorhaben, wir lernen auch mehr über ihre Kommunikationsmethoden.» Aber das Kindeswohl stehe natürlich an erster Stelle. 

Nicht nur im House of Lords haben sie ihre Zweifel, weshalb nun das Prozedere grundsätzlich in Frage gestellt wird. Die Lords wollen den Antrag des Ministeriums an die Menschenrechtskommission des Unterhauses schicken, weil sich die Regierung weigerte, das zu tun. 

Labours Schatteninnenministerin Diane Abbott forderte, Kinder überhaupt nicht mehr einzusetzen für die Polizeiarbeit. Denn damit würden Jugendliche, die Gangs angehörten oder mit Drogen dealten, in genau das Umfeld zurückgeschickt, aus dem man sie herausholen müsse. Zudem gebe es keine Indizien dafür, dass die Eltern zustimmen müssten oder den Jugendlichen geholfen werde, wenn sie ihren «Job gemacht» hätten. Der Streit in Grossbritannien spiegelt die Besorgnis im Land wider, dass vor allem bei Kindern die klare Grenze zwischen Opfern und Tätern aufgeweicht wird. Die Polizei steht unter Druck, weil die Fallzahlen vor allem dort zunehmen, wo Kinder und Jugendliche in beiden Rollen involviert sind: im Drogenhandel, bei Gewaltdelikten mit Messern und Säure, bei sexueller Ausbeutung.

Dutzende Gerichtsverfahren

Tausende von Kindern, meldete die oberste Polizeibehörde letztes Jahr, würden als Kuriere eingesetzt, um Heroin und Crack durch «feindliche Linien» in Stadtteile zu tragen, in denen andere Banden aktiv seien. Auch Grooming Gangs, die ihre Opfer erst gefügig machen, um sie dann zur Prostitution und zum Diebstahl zu zwingen, setzen dabei vor allem auf Kinder und Jugendliche.

Öffentliche Untersuchungen und Dutzende Gerichtsverfahren haben daran nichts geändert. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.07.2018, 21:38 Uhr

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