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Der englische Europäer

Der Historiker Timothy Garton Ash erhält den Karlspreis.

Timothy Garton Ash sei ein «herausragender Grenzgänger zwischen Geschichtswissenschaft, Journalismus und präziser politischer Analyse» heisst es in der Begründung. Foto: Henning Kaiser (DPA/Keystone)
Timothy Garton Ash sei ein «herausragender Grenzgänger zwischen Geschichtswissenschaft, Journalismus und präziser politischer Analyse» heisst es in der Begründung. Foto: Henning Kaiser (DPA/Keystone)

Als er vom Ausgang der französischen Präsidentschaftswahlen erfuhr, atmete er auf. «Wie jemand, der einen Herzinfarkt knapp überlebt hat, kann Europa das Glas erheben und sich bei Emmanuel Macron bedanken», schrieb Timothy Garton Ash im britischen «Guardian». Der Historiker, der in Oxford und Stanford lehrt, bezeichnet sich selbst als «englischen Europäer und europäischen Engländer». Den Brexit betrachtet er als grösste Niederlage seines politischen Lebens.

Für seine Verdienste um die europäische Einigung erhält der 61-jährige Publizist 2017 den Karlspreis zu Aachen, der traditionell an Auffahrt übergeben wird. Benannt nach Karl dem Grossen, der in Aachen residierte und als Vordenker eines geeinten Europa gilt, wird die Auszeichnung seit 1950 verliehen. Unter den Preisträgern sind vor allem Politiker, etwa Robert Schuman, Bill Clinton oder Angela Merkel.

Unter den Preisträgern sind vor allem Politiker, etwa Robert Schuman, Bill Clinton oder Angela Merkel

Nun aber wird ein «herausragender Grenzgänger zwischen Geschichtswissenschaft, Journalismus und präziser politischer Analyse» geehrt, wie es in der Begründung heisst. Es sei wohl kein Zufall, dass man in diesem europäischen Superwahljahr nicht einen Politiker, sondern einen Intellektuellen würdige, sagte Garton Ash kürzlich dem «Tages-Anzeiger»: «Von mir wird eine ehrliche Analyse erwartet.» Was er in Aachen sagen werde – das Interview wurde vor den Wahlen in Frankreich geführt –, hänge davon ab, ob Marine Le Pen dann Präsidentin sei.

Das ist nicht der Fall, die «grösste Krise der EU seit ihrem Bestehen» ist abgewendet. Garton Ash bleibt jedoch skeptisch, die «antiliberale Gegenrevolution» mit Trump, Putin und Brexit gehe weiter. Macron habe Europa nur eine Galgenfrist verschafft, um sich endlich zu reformieren. Dabei denkt Garton Ash nicht an «irgendwelche idealisierten Vereinigten Staaten von Europa, sondern an eine praktische Konstruktion, die stark genug ist, dem Sturm zu widerstehen».

Als junger Historiker wurde er zum Chronisten der Wende von 1989, als der Eiserne Vorhang fiel: Er pendelte zwischen Warschau, Budapest, Prag und Ost-Berlin.

Das europäische Tief liegt derzeit über Ungarn und Polen, wo zwei Rechtspopulisten gegenüber der EU auf Konfrontationskurs gegangen sind. Garton Ash kennt Viktor Orban und Jaroslaw Kaczynski aus Revolutionstagen. Als junger Historiker wurde er zum Chronisten der Wende von 1989, als der Eiserne Vorhang fiel: Er pendelte zwischen Warschau, Budapest, Prag und Ost-Berlin, er wohnte Solidarnosc-Versammlungen bei oder traf sich mit Intellektuellen wie Vaclav Havel, später ebenfalls ein Karlspreis-Träger. Garton Ashs Bücher, in denen er Augenzeugenbericht und Analyse verwob, machten den Historiker über die Zunft hinaus bekannt, mit «Im Namen Europas» wurde er weltberühmt.

Trotz der Zuneigung zum alten Kontinent ist Timothy Garton Ash kein EU-Turbo. Das heutige Europa sei jedoch besser als alles, was war in seiner barbarischen Geschichte. «Wir haben vergessen, warum es die EU überhaupt gibt.»

Als Karlspreis-Träger wird er daran erinnern.

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