Als Willy Brandt niederkniete

Gestische Politik: Wer im richtigen Moment das Überraschende macht, bleibt unvergessen.

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Jean-Martin Büttner@Jemab

Giannis Varoufakis wurde innert Wochen weltberühmt. Dem griechischen Finanzminister half nicht nur die fachliche Kompetenz, sondern das Gespür für den Auftritt, für die Provokation, für den unablässig rotierenden Nachrichtenzyklus. Er versteht das Handwerk des politischen Timings.

Bei den symbolischen Gesten muss er dazulernen: Sich dem «Paris Match» samt Gattin und Weisswein auf dem Balkon seines Penthouse vorzuzeigen, hat seinen Landsleuten nicht gefallen. Dass er Deutschland öffentlich den Finger gezeigt haben soll, wenn auch vor seiner Wahl, kommt wiederum in Berlin schlecht an. Varoufakis bestreitet die Geste, die ARD hält sie für echt. Die Aufregung bestätigt: Wer im entscheidenden Moment das Überraschende macht, bleibt in Erinnerung.

Zum Beispiel Nikita Chruschtschow, Generalsekretär der Sowjetunion während der Entstalinisierung und John F. Kennedys Kontrahent bei der Kubakrise. Warum er zwei Jahre zuvor im Plenarsaal der UNO ausser sich geraten war, weiss keiner mehr. Dafür hat jeder behalten, dass er während seiner Tirade mit dem Schuh auf das Pult hämmerte – obwohl es davon kein Bild gibt und vier mögliche Daten für das Ereignis genannt werden. Mao Zedong gehört zu den grössten Massenmördern des 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten bleibt sein Schwimmbild im Jangtsekiang von 1966, das Bad in der Menge eines Mannes, der sein Volk durch Hunger, Zwangsarbeit und Hinrichtungen in den Tod trieb.

Unvergessen auch das Bild des deutschen Bundeskanzlers Willy Brandt von 1970, kniend vor dem Ehrenmal des Warschauer Ghettos. «Er bekennt sich zu einer Schuld, an der er selber nicht zu tragen hat», notierte der «Spiegel», «und bittet um eine Vergebung, deren er selber nicht bedarf.» Und schliesslich der Handschlag von Helmut Kohl und François Mitterand, 1984 auf einem Soldatenfriedhof in Verdun. Zwei Vertreter von Ländern, die sich während Jahrhunderten bekämpften, stehen als Freunde nebeneinander.

Gestische Politik schliesst Humor nicht aus. In seiner bescheidenen Art gelang das Willi Ritschard. Der Finanzminister warb 1981 im «Blick» für ein Abstimmungs-Ja zur verbesserten Finanzordnung – und zeigte dem Fotografen seine leeren Hosensäcke. Selbst Gottlieb Dutt­weilers berühmtester Wutanfall hat etwas von einem Bubenstück. Erzürnt über den Nationalrat, der seinen Vorstoss zur Landesversorgung vier Jahre lang verschleppt hatte, warf der Migros-Chef zwei Steine durch ein Bundesratsfenster: von innen. Die Aktion gab selbst im Ausland zu reden.

Die Umstände mögen verbleichen, die Geste bleibt in Erinnerung. Der Unterschied zwischen der Geste und der grossen Geste, zwischen Willi Ritschard und Willy Brandt, ist eine Funktion ihrer Bedeutung: ein unfreundliches Budget und der Holocaust sind unvergleichbar.

Und was bleibt von Giannis Varoufakis’ Mittelfinger? Am ehesten die Frage, warum er sich von der Geste distanzierte. Erstens könnte er damit der Lüge überführt werden. Zweitens mag sein Verhalten im Nachhinein wenig ministerial aussehen. Aber es drückt für Millionen aus, was sie von der europäischen Finanzkrise halten.

Die mächtigste Sprache von allen bleibt die Körpersprache. Man muss nichts sagen und wird doch überall verstanden.

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