2500 kamen zu «Trauermarsch»

Im ostdeutschen Sachsen-Anhalt ist nach einem Streit mit Afghanen ein 22-jähriger Deutscher gestorben. Rechtsextremisten versammelten sich, um aus Köthen «das neue Chemnitz» zu machen.

Neonazis kündigen «Tauermarsch» an: Im ostdeutschen Köthen ist nach einem Streit mit Afghanen ein 22-jähriger Deutscher gestorben. (Video: Tamedia/Reuters)

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Zwei Rutschen, einige Spielgeräte, ein paar Bäume: Der Karlsplatz in der ostdeutschen Kleinstadt Köthen ist tagsüber ein hübscher Spielplatz und abends ein beliebter Treffpunkt für junge Leute. Am Samstagabend kam es dort zu einem folgenreichen Streit zwischen zwei Afghanen und zwei Deutschen. An dessen Ende war einer der beiden Deutschen tot, der 22-jährige Markus B.

Nach übereinstimmenden Informationen verschiedener Medien hatten zunächst drei junge Afghanen mit einer schwangeren deutschen Frau darum gestritten, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes sei. Gemäss der lokalen «Mitteldeutschen Zeitung» (MZ) seien im Verlauf dieses Streits die beiden Deutschen dazugetreten. Unklar sei, ob sich die beiden Deutschen ungefragt in eine nicht-körperliche Auseinandersetzung eingemischt hätten – oder der 19-jährigen Frau beistanden, weil sie um Hilfe gerufen habe.

Todesursache: Herzinfarkt

Zwischen zwei der drei Afghanen und den beiden Deutschen soll es darauf zu einer Rangelei gekommen sein. Dabei sei Markus B. zu Fall gekommen und mit dem Kopf aufgeschlagen. Ob dieser Sturz oder ein Tritt an den Kopf oder etwas anderes ursächlich für den Tod war, war am Sonntag zunächst unklar. Markus B., der nach Augenzeugenberichten erst noch ansprechbar gewesen war, kollabierte wenig später und starb im Spital. Die Behörden nahmen am Sonntag eine Obduktion vor, die ein erstaunliches Resultat ergab: Markus B. sei an einem Herzinfarkt gestorben, nicht an den direkten Folgen der Gewalt, teilte die Behörde mit. Der junge Mann soll eine ernste kardiologische Vorerkrankung gehabt haben. Von einem Herzschrittmacher war die Rede.

Die Polizei war am Samstagabend innert Minuten vor Ort und nahm die beiden Afghanen fest. Polizei und Generalstaatsanwaltschaft teilten am Sonntag mit, sie ermittelten wegen "gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge". Die Afghanen würden derzeit befragt. Zum Ablauf des Geschehens gebe es noch keine gesicherten Informationen, es werde nach allen Richtungen ermittelt. Der dritte Afghane hatte sich an der Rangelei offenbar nicht beteiligt.

Straffällige wohl auf beiden Seiten

Nach Angaben von MZ und «Spiegel» sind die beiden in den Streit involvierten Afghanen – der Hauptverdächtige ist 20, der zweite 18 Jahre alt – der Polizei bekannt. Gegen den einen laufe bereits ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung und des räuberischen Diebstahls. Wegen des Verfahrens sei von seiner Abschiebung vorläufig abgesehen worden, schreibt der «Spiegel». In solchen Fällen dränge die Staatsanwaltschaft üblicherweise darauf, die Ermittlungen abzuschliessen, bevor die Abschiebung vollzogen werde. Der andere Afghane soll eine gültige Aufenthaltsgenehmigung besitzen.

Auch der überlebende Deutsche soll bereits straffällig geworden sein: Gemäss MZ handelt es sich bei diesem Mann um Markus B.’s 27-jährigen Bruder, der als Rechtsextremist bekannt sei. Die «Welt» beschrieb ihn als „vorbestraften rechtsextremen Intensivtäter». Laut Informationen des «Spiegels» untersuchen die Behörden unter anderem auch, ob die festgenommenen Afghanen aus Notwehr handelten.

Innenminister bittet um Besonnenheit

Der Todesfall hat in Köthen, das etwa 130 Kilometer im Südwesten von Berlin liegt, zu grosser Bestürzung und Besorgnis geführt. Köthens Oberbürgermeister Bernd Hauschild, Landrat Uwe Schulze, Kirchenvertreter, Mitglieder des Köthener Stadtrates und zahlreiche Bürger kamen am Sonntagnachmittag am Karlsplatz zu einer Andacht zusammen. «Ich kann nur hoffen, appellieren und darum bitten, dass Gewalt nicht mit Gegengewalt quittiert wird», sagte laut MZ Kreisoberpfarrer Lothar Scholz und rief zu Besonnenheit auf.

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Landeskirche Anhalts, Joachim Liebig, lud zu einer Trauerandacht in der Kirche St. Jakob auf. «Unsere Gebete und Gedanken sind bei dem Toten und seinen Angehörigen», sagte Liebig. Gleichzeitig rief er ebenfalls zu Besonnenheit auf. «Das schreckliche Ereignis muss mit Umsicht aufgeklärt werden.» Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) sagte: «Der tragische Tod des jungen Mannes geht mir sehr nahe und ich bedauere das Geschehene zutiefst.» Er sprach den Hinterbliebenen sein Mitleid aus und sagte, er habe Verständnis für die Betroffenheit der Bürger. «Dennoch bitte ich um Besonnenheit. Wir werden alle Mittel des Staates konsequent einsetzen.»

Starke Mobilisation

Die Sicherheitsbehörden des Bundeslandes, in dem rund 2,3 Millionen Menschen leben, waren offenbar seit Sonntagmorgen alarmiert. Der Innenminister forderte Polizeiverstärkung aus anderen Bundesländern an. Rechtsextremisten aus Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen riefen in den sozialen Medien dazu auf, «aus Köthen das neuen Chemnitz» zu machen. Entsprechende Aufrufe platzierte etwa die kleine Neonazi-Partei «Die Rechte» oder der bundesweit vernetzte Neonazi-Kader Dieter Riefling. Sie forderten ihre Anhänger dazu auf, sich am Sonntagabend in Köthen zu einem Trauermarsch zu versammeln.

Dem Aufruf leisteten nach Angaben der Polizei 2500 Menschen Folge. Es kamen nicht nur viele bekannte Neonazis, sondern auch Bürger der Stadt und ihrer Umgebung, sogar ganze Familien. Die Trauernden marschierten weitgehend friedlich. Nach Angaben der MZ gab es am Rande des Trauermarsches mehrere Reden – und «Widerstand, Widerstand»-Rufe. Ein Mann schimpfte gegen Politiker. «Ein Rassenkrieg gegen das deutsche Volk» sei im Gange. Es gebe nur noch 300 bis 400 Millionen weisse Menschen unter den acht Milliarden Bewohnern der Erde. Es wurden Drohungen auch gegen Köthens Oberbürgermeister ausgesprochen. Bis am späteren Abend kam es zu keinen Ausschreitungen. Die Polizei, die mit einem überaus grossen Aufgebot Präsenz markierte, hielt sich zurück.

Die AfD, die zufällig an diesem Sonntag ganz in der Nähe, in Dessau-Rosslau, ihren Landesparteitag abhielt, reagierte ebenfalls. Sie hielt eine Schweigeminute ab. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2018, 22:26 Uhr

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