Diese Beziehung gleicht einer apokalyptischen Freakshow

Umstürze, Drohungen, geheime Missionen: Warum das iranisch-amerikanische Verhältnis seit Jahrzehnten tief zerrüttet ist.

Tamedia-Auslandschef Christof Münger erklärt die Feindschaft zwischen den USA und dem Iran. Video: Tamedia
Martin Kilian@tagesanzeiger

Es ist mal wieder so weit: Die dysfunktionale Beziehung zwischen dem Iran und den USA droht in eine militärische Konfrontation umzuschlagen. Nicht die jemenitischen Huthi, die mit Teheran verbündet sind, hätten mit Drohnen und Marschflugkörpern saudische Ölanlagen in Brand gesetzt, sondern die Iraner, behauptet die Regierung Trump. Die Flugkörper seien entweder im Iran oder im Irak gestartet. Und wie schon im Juni, als der Iran angeblich eine US-Drohne abschoss, droht Washington auch jetzt mit einem Vergeltungsschlag.

«Es gibt allen Grund, zu glauben, dass wir die Übeltäter kennen», twitterte Donald Trump ominös. Die mutmasslichen Übeltäter wiederum weisen jegliche Verantwortung für das Abfackeln der saudischen Anlagen zurück. Es handle sich hierbei um eine «maximale Lüge» Washingtons.

Wie auf dem Schulhof geht es zwischen Teheran und Washington seit der Revolution der Ayatollahs und dem Sturz des von den USA hofierten Schahs 1979 zu. Und stets geisselt Teheran die amerikanische Ursünde, nämlich den Sturz des demokratisch gewählten iranischen Premierministers Mohammed Mossadeq durch die CIA 1953. Das Verhalten der Kontrahenten reicht von kindischen Beleidigungen und militärischen Drohungen und Provokationen bis zu gelegentlichen Versuchen, die Atmosphäre zu entgiften.

Verhinderte der Iran Carters Wiederwahl?

Auf der einen Seite stehen verbohrte Religionsführer in Teheran, denen der Popanz des «Grossen Satans» in Washington gerade recht ist, um von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Ihnen gegenüber stehen US-Regierungen, die sich von ihren israelischen und saudischen Alliierten einspannen lassen und nicht verwinden können oder vergessen wollen, dass der Iran 1979 die US-Botschaft stürmte und amerikanische Diplomaten 444 Tage als Geiseln nahm.

Das Verhältnis der beiden Widersacher als belastet zu bezeichnen, wird der Sache nicht wirklich gerecht. Eher schon gleicht es einer apokalyptischen Freakshow. So starben 1988 beim Abschuss eines iranischen Passagierjets durch den amerikanischen Raketenkreuzer USS Vincennes 290 Menschen. Es sei ein Versehen gewesen, behauptete die Regierung Reagan damals. Die Iraner wiederum steckten nach Meinung Washingtons hinter dem Terroranschlag auf einen US-Stützpunkt in Saudiarabien, bei dem 19 US-Amerikaner getötet und Hunderte Menschen 1996 verletzt wurden.

Ein äusserer Feind hilft, das Land zu einen: Verbrennung einer selbst gemachten US-Flagge in Teheran. Foto: Bloomberg, Getty Images

Trotzdem gelang es Teheran wiederholt, sich tief in die amerikanische Innenpolitik einzumischen. Womöglich vereitelten die Ayatollahs im Verein mit Ronald Reagans Wahlkampfmanager und späterem CIA-Direktor William Casey 1980 sogar die Wiederwahl Jimmy Carters bei geheimen Begegnungen in Madrid und Paris: Man werde sich erkenntlich zeigen, wenn Teheran die US-Geiseln erst nach dem amerikanischen Wahltag freilasse, so der vermeintliche Deal.

Teheran wiederum ist bis heute überzeugt, dass die Regierung Carter den irakischen Diktator Saddam Hussein 1980 zum Eroberungskrieg gegen den Iran ermutigte. Sechs Jahre später kostete die Iran/Contra-Affäre Ronald Reagan fast die Präsidentschaft. Um US-Geiseln im Gewahrsam von Teherans Alliierten im Libanon freizubekommen, lieferte Washington mithilfe Israels insgeheim Raketen an die Ayatollahs – und finanzierte mit dem Erlös die nicaraguanischen Contras.


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Iranische «Mauer des Misstrauens»

Mittendrin reiste Reagans Sicherheitsberater Robert McFarlane 1986 in geheimer Mission mit einem irischen Pass nach Teheran, als Geschenke brachte er eine Bibel mit einer Widmung Reagans sowie einen Kuchen in Form eines Schlüssels mit. Das Backwerk sollte die «neue» Beziehung zwischen den verfeindeten Nationen symbolisieren. McFarlanes Reise wurde publik, der Skandal war perfekt.

Seitdem versucht Washington, die vertrackte Beziehung je nach der politischen Grosswetterlage zu entspannen oder zu verschärfen. Werden in Teheran sogenannte Reformer gesichtet, bemüht man sich um eine Verbesserung. Er wolle die «Mauer des Misstrauens» abreissen, stellte etwa der dem Reformlager zugeordnete Präsident Mohammed Khatami der Regierung Clinton 1997 in Aussicht.

Daraus wurde nichts. Ebenfalls nichts wurde aus dem Versuch Barack Obamas, das Verhältnis mit dem Erzfeind zu entkrampfen. Zwar sandte Obama ein Video mit blumigen Worten («wahre Grösse des iranischen Volkes») 2009 zum Neujahrsfest nach Teheran, allein es rührte sich nicht viel. Die «Mauer des Misstrauens» stand weiterhin, erst 2015 wurde sie dank Obamas Atomdeal mit Teheran ein wenig porös.

Bushs Geschenk an die Ayatollahs

Zwei Jahre später aber stand sie wieder, nachdem Donald Trump das Atomabkommen seines Vorgängers gekippt und damit sämtliche iranische Vorurteile über Washington bestätigt hatte: Dass die Weltmacht nämlich unzuverlässig sei und sich keinen Deut um verbindliche Abmachungen scherte, wenn sie sich davon politische Vorteile versprach.

Dabei hatte Präsident George W. Bush 2003 den Ayatollahs das wohl grösste Geschenk seit dem Sturz des Schahs gemacht, als er Saddam Hussein abräumen liess und der Irak zu einem iranischen Satelliten wurde. Geht es nach Emmanuel Macron, soll die Beziehung zwischen Washington und Teheran durch eine Begegnung Präsident Trumps mit dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani am Rande der am Dienstag beginnenden UN-Vollversammlung in New York endlich verbessert werden.

Darauf zu wetten aber, ist riskant. Statt eines klärenden Gesprächs mit anschliessendem Rapprochement könnten bald wieder die Fetzen fliegen. Wie in jeder kaputten Beziehung.

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