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Emotionaler Streit um den heiligen Hügel

Israelis bewachen ihn, Palästinenser protestieren hier: Die Situation auf dem Jerusalemer Tempelberg ist kompliziert. Warum eigentlich?

Sie müssen draussen bleiben: Muslimische Männer beten vor der Al-Aksa-Moschee.
Sie müssen draussen bleiben: Muslimische Männer beten vor der Al-Aksa-Moschee.
Reuters

Seine breiten Schultern halten die empörte Frau ebensowenig ab wie die Waffen, die er bei sich trägt. «Allahu Akbar», schreit sie und schimpft an dem israelischen Polizisten vorbei auf einen Besucher ein, der eine Kippa trägt. Im Hintergrund: Sandsteinmauern, die goldene Kuppel des Felsendoms, die Arkaden der Al-Aksa-Moschee. Das wackelige Handyvideo von 2015 ist auf dem Tempelberg im Osten Jerusalems aufgenommen.

Wohl kaum ein Ort weckt so viele Emotionen und steht so symbolisch für den Nahost-Konflikt wie dieser kleine Hügel in Jerusalems Altstadt. Der Tempelberg ist Juden und Muslimen heilig. Trotzdem verletzen und töten sie einander hier.

Metalldetektoren haben den Konflikt ausgelöst

Auch dieses Wochenende war eines der Gewalt in der Jerusalemer Altstadt. Am Freitagabend hat ein Palästinenser drei Israelis erstochen, daraufhin kam es zu blutigen Zusammenstössen zwischen Israelis und Palästinensern mit vier palästinensischen Toten.

Auslöser des aktuellen Konflikts sind Metalldetektoren vor Eingängen des Tempelbergs. Diese hatte Israel als Reaktion auf eine Terrorattacke installiert, bei der zwei israelische Polizisten vor knapp zwei Wochen erschossen wurden. Nachdem der Streit eskaliert ist, hat das Sicherheitskabinett der Knesset, also ein Teil der Regierung, nun verkündet, die Metalldetektoren wieder abzubauen.

Israel entfernt umstrittene Metalldetektoren. Video: Tamedia/AFP

Schwer bewaffnete Polizisten, Soldaten und Metalldetektoren sind in Jerusalem Teil des öffentlichen Lebens. Doch auf dem Tempelberg misstrauen die Palästinenser jeder neuen Sicherheitsmassnahme. Sie befürchten, dass die Israelis mit dem Status quo der heiligen Stätte brechen: Während die jordanisch-islamische Waqf-Behörde für die Verwaltung des Tempelbergs zuständig ist, kümmert sich Israel um die Sicherheit vor Ort. Das ist seit dem Sechstagekrieg 1967 so. Damals nahm Israel Jerusalems Altstadt ein, übergab aber den Tempelberg an die Waqf-Behörde, um eine Eskalation religiöser Spannungen zu verhindern.

Nun werfen die Palästinenser den israelischen Behörden vor, dass sie Muslimen den Zugang zum Tempelberg erschweren und die Kontrolle über das Gelände an sich reissen wollen.

Im Islam gilt der Tempelberg zusammen mit der dortigen Al-Aksa-Moschee als drittheiligste Stätte. Von dort aus soll Mohamed in den Himmel geritten sein. Muslime nennen den Tempelberg «al-haram asch-scharif». Das ist Arabisch für «Das edle Heiligtum».

Rede im Parlament: Erdogan ruft zur Verteidigung Jerusalems auf. Video: AFP

Zwei jüdische Tempel gaben dem Berg in den meisten anderen Sprachen seinen Namen. Sie stehen schon sehr lange nicht mehr. Ihr einziger Überrest ist die Klagemauer am Fusse des Hügels. Nach jüdischem Glauben hat Gott Adam, den ersten Mensch, aus der Erde des Tempelberges geformt. Ausserdem soll dort Abraham, der Stammvater Israels, auf die Probe gestellt worden sein. Der Überlieferung nach soll Gott ihm auf dem Hügel befohlen haben, seinen Sohn Isaak zu opfern.

Sprengversuche jüdischer Extremisten

Seit den 60ern haben jüdische Extremisten mehrfach versucht, den Felsendom und die Moschee zu sprengen. Anfang der 80er gelang es einem von ihnen, sich mit einer Waffe in die Pilgerstätte zu schmuggeln. Er erschoss zwei Menschen und verletzte 44 weitere. 1990 randalierten palästinensische Besucher, sie sollen mit Steinen geworfen haben. Das israelische Militär tötete an diesem Tag 22 Menschen auf dem Berg, etwa 150 weitere wurden verletzt.

Nach diesem Höhepunkt der ersten Intifada, der ersten grossen palästinensischen Anschlagsserie, blieb der Tempelberg ein Symbol des Konflikts. Jüdische Extremisten warfen den Kopf eines Schweins, eingewickelt in Koranseiten, auf das Gelände.

Sorgt immer wieder für Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern: Der Tempelberg in Jerusalem. (Archivbild)
Sorgt immer wieder für Spannungen zwischen Israelis und Palästinensern: Der Tempelberg in Jerusalem. (Archivbild)
Emilio Morenatti, Keystone
Israel verwehrt Männern unter 50 Jahren den Zutritt zur Altstadt und zum Tempelberg  für die Freitagsgebete: Palästinensische Geistliche sprechen mit israelischen Polizisten. (21. Juli 2017)
Israel verwehrt Männern unter 50 Jahren den Zutritt zur Altstadt und zum Tempelberg für die Freitagsgebete: Palästinensische Geistliche sprechen mit israelischen Polizisten. (21. Juli 2017)
Jack Guez, AFP
Beten neben bewaffneten Sicherheitskräften: Im Lauf dieser Woche haben sich immer mehr Muslime an Gebeten in den Strassen um den Tempelberg beteiligt. (19. Juli 2017)
Beten neben bewaffneten Sicherheitskräften: Im Lauf dieser Woche haben sich immer mehr Muslime an Gebeten in den Strassen um den Tempelberg beteiligt. (19. Juli 2017)
Ahmad Gharabli, AFP
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Kurz vor der zweiten Intifada, die im Herbst 2000 begannt, besuchte Ariel Scharon, damals noch nicht Premierminister, sondern Knesset-Abgeordneter, den Tempelberg. Palästinenser werteten den Besuch als Provokation.

Ein jüdischer Politaktivist wurde 2014 auf dem Gelände beschossen und verletzt.

Im Herbst 2015 kursierte das Gerücht, Israel wolle die Gebets- und Besuchsrechte zu seinen Gunsten verändern. Dieses blosse Gerücht gilt als Anlass, aus dem palästinensische Extremisten zahlreiche Anschläge verübten. Von Oktober bis Dezember töteten sie 20 Menschen. Im selben Zeitraum erschossen israelische Sicherheitskräfte in Jerusalem mehr als 100 Menschen.

Solange der Nahost-Konflikt nicht gelöst ist, werden die Konfliktparteien weiter über den kleinen Hügel in Jerusalems Altstadt streiten. Zwar werden die Metalldetektoren jetzt abgebaut. Israelischen Medienberichten zufolge sollen sie allerdings durch hochauflösende Kameras ersetzt werden, die Gesichter erkennen sollen.

Jerusalems Grossmufti, also ein wichtiger islamischer Rechtsgelehrter, hat alle Überwachungsmassnahmen abgelehnt. Sein öffentliches Urteil könnte neue Proteste anstossen.

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