Wie Iraner auf das Ende der Sanktionen reagieren

Der Westen hebt seine Sanktionen gegen den Iran auf. Davon profitieren vor allem Wirtschaft und Politik. Doch was bedeutet der Durchbruch für die Iraner? Studenten erzählen.

Erwartet erleichterte Bedingungen für Austauschprojekte: Farzaneh, 28-jährige Medizinstudentin aus Teheran. Bild: Philippe Stalder (Dezember 2015)

Erwartet erleichterte Bedingungen für Austauschprojekte: Farzaneh, 28-jährige Medizinstudentin aus Teheran. Bild: Philippe Stalder (Dezember 2015)

Philippe Stalder@philzvill

Nach jahrelangen Verhandlungen war es gestern Abend so weit: Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) hat grünes Licht für die Aufhebung der Wirtschaftssanktionen gegen den Iran gegeben. Wie IAEA-Generalsekretär Yukiya Amano in Wien erklärte, habe das Land seine ersten Verpflichtungen aus dem Atomabkommen vollumfänglich erfüllt. Der Westen liess mit seiner Reaktion nicht lange auf sich warten: Die USA und die EU teilten mit, ihre Sanktionen gegen den Iran seien mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Irans Präsident Hassan Rohani zeigte sich stolz und gratulierte seinen Landsleuten zur Umsetzung des Atomabkommens sowie zur Aufhebung der Sanktionen. Er verneige sich vor der Grösse des geduldigen iranischen Volkes, liess er auf Twitter verlauten:

Tatsächlich musste sich das iranische Volk seit Beginn des Atomstreits 2002 geduldig zeigen. Die Sanktionsschraube durch UN, USA und EU wurde zuletzt immer fester angezogen und hatte dem Land wirtschaftlich stark zugesetzt. Die Arbeitslosenquote sowie die Inflationsrate bewegten sich während der letzten Dekade im zweistelligen Bereich. Zudem verbot die EU 2012 die Einfuhr von iranischem Öl und Gas, was die Einnahmen der Islamischen Republik innerhalb von zwei Jahren um mehr als 75 Milliarden Dollar gekürzt haben dürfte und die Regierung zu drastischen Sparmassnahmen veranlasst hatte. Dementsprechend positiv sind die Reaktionen auf das Ende der Sanktionen seitens der iranischen Wirtschaft und der Politik ausgefallen.

Leichterer Austausch

Doch was bedeutet der Durchbruch für den iranischen Durchschnittsbürger? Farzaneh ist eine 28-jährige Biologiestudentin aus Teheran. Sie hörte die euphorische Rede ihres Aussenministers Mohammed Dschawad Sarif in einem Sammeltaxi – zusammen mit drei weiteren Fahrgästen und dem Fahrer. Alle waren still und lauschten mit einem zufriedenen Lächeln den Worten des Ministers. «Gute Nachrichten aus dem Ausland sind selten geworden», erklärt die Studentin etwas wehmütig. Umso schöner sei es zu sehen, wie die Hoffnung zurück in die Augen ihrer Mitbürger kehre. Die Nachricht komme daher wie ein Licht am Ende eines langen dunklen Tunnels – und erstaunlicherweise sei es für einmal nicht das Licht eines entgegenkommenden Zuges.

Bevor Farzaneh auf die Frage, wie sich das Ende der Sanktionen auf ihr persönliches Leben auswirken werde, antwortet, muss sie lange überlegen: «Eine der spürbarsten Folgen des Atomabkommens werden für mich als Studentin wohl erleichterte Austauschbedingungen sein.»

Für Farzaneh geht es aber um weit mehr als um persönliche Vorteile. Das Atomabkommen habe einen starken Symbolcharakter für das Selbstwertgefühl des iranischen Volkes, das sich seit mehreren Jahren von der Weltgemeinschaft ausgegrenzt und missverstanden fühlt. Der Mittlere Osten ist ein Pulverfass. Mehr als alles andere wünschen sich die Menschen im Iran Frieden und Sicherheit. Ausschlaggebend dafür sind intakte internationale Beziehungen. «Mit dem Atomabkommen hat unsere Regierung demonstriert, dass sie fähig ist, durch langwierige Verhandlungen zufriedenstellende Resultate zu erzielen – auch mit Rivalen wie den USA», so die Studentin erleichtert.

Innenpolitische Probleme

Eine etwas differenziertere Meinung zu den Auswirkungen des Atomabkommens hat Saman, ein 23-jähriger Medizinstudent aus Isfahan. Auch er konnte die Nachricht erst gar nicht glauben, weil sie sich zu gut anhörte, um wahr zu sein. Doch schon bald überkamen ihn Zweifel. Das Ende der Sanktionen sei sicherlich ein grosser Erfolg für die iranische Diplomatie und die Wirtschaft, so Saman, doch was bringe es der Bevölkerung? Der Student ist sich bewusst, dass sich durch das Ende der Sanktionen zum Beispiel die Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten verbessern werde.

«Was aber bringen Medikamente, wenn sie sich ein Grossteil der Bevölkerung nicht leisten kann?», so Saman kritisch. An den innenpolitischen Problemen wie Chancenungleichheit, Armut und Korruption ändere das Ende der Sanktionen nur sehr wenig. Erst wenn die Regierung der ausschweifenden Inflation Herr werde, ändere sich die Situation für den Durchschnittsiraner. Mit dem Wiedereintritt des Iran in den internationalen Rohstoffhandel könne das durch eine verbesserte Handelsbilanz sogar möglich werden, so Saman, selbst wenn der Ölpreis dadurch unter 30 Dollar pro Barrel fallen würde.

Es mag noch zu früh sein, um die Auswirkungen der eingestellten Sanktionen auf die iranische Bevölkerung abzuschätzen. Fest steht jedoch: Das vom iranischen Volk lange erwartete Ende der Sanktionen ist Balsam für die persische Volksseele – und ein Meilenstein auf dem Weg der Islamischen Republik in die Moderne.

Philippe Stalder arbeitete als News-Redaktor für den «Tages-Anzeiger». Momentan befindet er sich auf Weltreise (auslandschweizer.net).

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