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Operation Staubsauger

Handys, Fingerabdrücke, Namenslisten: Geheimdienste sammeln akribisch Daten über den IS, um untergetauchte Kämpfer aufzuspüren.

Ein gefangener Milizionär wartet in einem Keller in Mosul auf seine Einvernahme. Alles, was über die IS-Kämpfer herauszufinden ist, wird registriert. Foto: Felipe Dana (AP, Keystone)
Ein gefangener Milizionär wartet in einem Keller in Mosul auf seine Einvernahme. Alles, was über die IS-Kämpfer herauszufinden ist, wird registriert. Foto: Felipe Dana (AP, Keystone)

Das Kalifat zerfällt – der sogenannte Islamische Staat ist auf dem Rückzug, geschlagen, besiegt. Und in jeder Stadt, aus der er weichen muss, wiederholt sich die gleiche Szene: Sobald keine Schüsse mehr zu hören sind, durchsuchen Soldaten Haus für Haus, Zimmer für Zimmer. Auch die getöteten Kämpfer des IS werden sorgsam abgetastet, gesucht wird nach Papieren, Notizbüchern, Speicherkarten, Computern und Handys. Fingerabdrücke der Leichen werden genommen, ihre Gesichter fotografiert.

Wo der IS weichen muss, beginnt der zweite Teil einer Operation, der die Terroristen nicht weniger hart treffen soll als ihre militärische Niederlage. Eine internationale Koalition aus Militärs und Geheimdiensten hat sich zusammengefunden, um die Hinterlassenschaften des IS zu sichern. Die Iraker und die Kurden sind dabei, die Amerikaner natürlich. Aber auch mit den Russen, die in Syrien vom Westen her angreifen, soll es eine Zusammenarbeit geben. Gesucht wird nach allem, was Aufschluss darüber geben könnte, was die Organisation plant, wenn ihr Herrschaftsgebiet im Irak und in Syrien – einst immerhin von der Grösse Grossbritanniens – endgültig verloren gegangen ist. Vor allem aber sollen die Namen aller Kämpfer ermittelt werden, die sich der Terrormiliz angeschlossen haben.

Der Sieg ist nicht das Ende des IS

Ziel der Operation ist es, zu verhindern, dass sie unerkannt untertauchen und sich absetzen können. Denn etliche von ihnen, das gilt als sicher, sind noch immer überzeugte Islamisten, bereit, den Kampf andernorts fortzusetzen. Die Befürchtung, dass manche von ihnen versuchen könnten, sich als Flüchtlinge getarnt nach Europa abzusetzen, ist gross. Das Ende des Kalifats gilt als wichtiger Sieg. Aber eben nicht als das Ende des IS.

Der Umfang der Operation sei inzwischen gewaltig, sagen mit dem Vorgang vertraute Personen. Überall auf dem einstigen Schlachtfeld finden sich riesige Mengen Dokumente. Der IS liebte es, Staat zu spielen. Es gibt Akten über die Kämpfer, medizinische Unterlagen, Dokumente der Scharia-­Gerichte, Kaufverträge, Tabellen mit den Namen der Mieter von Häusern und Wohnungen, Führerscheine und Zulassungen für Autos. Und eine Liste der Islamisten, die für die morgendliche Pflege der Blumenrabatten eingeteilt waren.

Auf all diesen Papieren stehen Namen oder – besser noch – ein Foto ist beigefügt. Dazu kommen die sichergestellten Handys, die Jihadisten hatten stets einen Hang dazu, sich in allerlei Kampfposen abzulichten. Allein 30 Tera-Byte-Daten – das entspricht etwa einem zwei Jahre langen Nonstop-­Videostream – wurden ans sogenannte National Media Exploitation Center in Washington übermittelt. Eine zentrale Rolle spielt auch ein eigens in Jordanien installiertes Hauptquartier, in dem inzwischen Verbindungsbeamte aus 19 Ländern mit den Amerikanern zusammenarbeiten. «Wir sind hier wie ein Staubsauger», sagt ein Offizier des kurdischen Geheimdienstes Asayish. «Wir nehmen alles mit.» In riesigen Vernehmungszentren werden Verdächtige verhört. Hinter den oft nur mit Tüchern abgetrennten Bereichen hört man amerikanische Stimmen. Die Idee für die Operation entstand bereits im Frühjahr 2016.

Die grossen Offensiven gegen den IS waren bereits geplant, aber hatten noch nicht begonnen – da machte ein besonderer Fund Furore: «Die Süddeutsche Zeitung» und verschiedene Fernsehsender berichteten über Personalbögen des IS. Die Terroristen hatten jeden neu ankommenden Rekruten sorgsam erfasst: mit Namen, Anschrift, vorheriger Kampferfahrung, Ausbildung und bisweilen sogar der Blutgruppe. Die Geschichte machte Schlagzeilen, und unterschiedliche Geheimdienste und Polizeibehörden stellten fest, dass auch sie seit einiger Zeit über Teile dieses Mitgliederverzeichnisses der Terroristentruppe verfügten.

Aufträge für neue Anschläge

So etwas, das ist nun zumindest das erklärte Ziel, soll sich nicht wiederholen. Auch deshalb, weil die Sorge gross ist, dass der IS längst für die Zeit nach seiner Niederlage geplant hat – aber man so gar nicht weiss, was dies sein könnte. Die Einschätzungen der Geheimdienste erwiesen sich in der Vergangenheit bisweilen als unzutreffend: Weder gab es die prognostizierte grosse Rückreisewelle europäischer Kämpfer in ihre Heimat, noch konzentrierte sich der IS, wie von manchen vorausgesagt, auf den Kampf in der Region. Er gab auch Anschläge in Europa in Auftrag.

Ebenso erwiesen sich Meldungen über getötete hochrangige Islamisten wiederholt als falsch: Der selbst ernannte Kalif Abu Bakr al-Baghdadi wurde mindestens fünfmal für tot oder mindestens schwer verletzt erklärt. Mal wollten ihn die Amerikaner, mal die Russen erwischt haben. Aber im September meldete er sich per Audiobotschaft bei seinen Anhängern. Damit gilt als sicher, dass er es aus Mosul – der Stadt, in der er einst das Kalifat ausrief – herausgeschafft hat. Der bekannteste deutsche IS-Kämpfer, der frühere Berliner Rapper Dennis Cus­pert, wurde mindestens viermal für tot erklärt. Aber jüngsten Meldungen zufolge ist er am Leben.

Die Unsicherheit hat die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erhöht. Die Amerikaner haben inzwischen eine Übersetzung der Personalbögen an Interpol geschickt. Auch ein weiterer brisanter Fund, über den zuerst die Welt berichtete, ging an Interpol: eine Liste mit Namen und Fotos von 173 potenziellen Selbstmordattentätern. Sechs von ihnen stammen aus Europa, einer aus Deutschland. Nach als glaubhaft eingestuften Informationen soll er aber inzwischen im Kampf umgekommen sein. Aber wie viele solcher Leute, wie viele solcher Listen gibt es noch?

Biometrische Daten zur Identifikation

Weil man Namen leicht ändern kann, bemühen sich Polizeibehörden parallel um den Zugang zu biometrischen Daten aus solchen Ländern, aus denen besonders viele der IS-Freiwilligen stammen – Fingerabdrücke und Fotos aus Tunesien etwa, um die Terrorverdächtigen einwandfrei identifizieren zu können. Schwierig ist inzwischen, die vielen unterschiedlichen Daten sauber auseinanderzuhalten. Vor allem die Amerikaner sind dabei ein schwieriger Partner. Für sie zählen auch gezielte Drohnenangriffe ausserhalb des eigentlichen Kriegsgebiets in Syrien und im Irak zu den denkbaren Massnahmen. Manche Behörden übermitteln deshalb ihre Informationen stets mit dem Zusatz, dass sie dafür nicht verwendet werden dürfen. Vielleicht hilft es ja.

Von besonderer Bedeutung bei der Suche ist ein Aktenbestand, der bis heute nicht aufgefunden wurde: Es handelt sich um die Papiere der sogenannten «Abteilung für externe Operationen», das ist so etwas wie die zentrale Anschlagsplanung des IS. «Externe Operationen» soll die Attentate in Paris und Brüssel in Auftrag gegeben haben. Herauszufinden, wer der Abteilung angehört und was sie plant, gilt als vorrangiges Ziel der Geheimdienste.

Wo deren Kader und ihre Akten sich befinden, weiss niemand. Manche vermuten sie bei den Überlebenden der IS-Führung tief im Euphrattal, dorthin sollen sie sich zurückgezogen haben. Andere hoffen darauf, dass sich viele der Unterlagen noch im umkämpften Raqqa befinden. Schliesslich hätten schon die vorherigen riesigen Datenfunde in Mosul und anderswo gezeigt, dass die unter Druck geratene Terroristentruppe nicht mehr dazu in der Lage ist, alles rechtzeitig beiseitezuschaffen oder zu vernichten.

Video – Die zerstörte IS-Stadt

Ein Drohnenvideo zeigt die gewaltige Zerstörung in der ehemaligen IS-Hauptstadt Raqqa. (Video: Tamedia/AP)

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