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Was ist im Nahen Osten los?

Katar-Krise, Terror im Iran: Es sind Anzeichen dafür, dass im Nahen Osten eine neue Ordnung entsteht.

Verkehrte Welt: Im Iran haben viele junge Menschen ein schlechteres Leben als ihre Eltern. Foto: Nazanin Tabatabaee Yazdi (Laif)
Verkehrte Welt: Im Iran haben viele junge Menschen ein schlechteres Leben als ihre Eltern. Foto: Nazanin Tabatabaee Yazdi (Laif)

Mit einem Bulldozer schoben die bärtigen Jihadisten des Islamischen Staats im Sommer 2014 den Erdwall zwischen dem Irak und Syrien beiseite. «Wir zerschmettern Sykes-Picot!», verkündeten sie per Video. 98 Jahre alt war die Vereinbarung zwischen Grossbritannien und Frankreich da. Die Kolonialmächte hatten nach dem Untergang des Osmanischen Reiches die Beute unter sich aufgeteilt. Die Grenzen, die Mark Sykes und François Georges-Picot nach dem Ersten Weltkrieg zogen, prägen den Nahen Osten bis heute.

Inzwischen sieht es so aus, als werde eher das IS-Terror-Kalifat zerschmettert – und als würden womöglich viele der alten Grenzen weiter- bestehen. Das Auseinanderbrechen Syriens und des Irak zu verhindern, ist das Einzige, worauf sich – von den Kurden abgesehen – alle Konfliktparteien, die Regionalmächte und die Akteure von Moskau bis Washington verständigt haben. Dass aber die Region zur Ruhe kommt, wenn der IS zumindest als staatsähnliches Gebilde Geschichte ist, bleibt unwahrscheinlich.

Am Golf steigen die Spannungen zwischen der schiitischen Vormacht Iran und dem sunnitischen Konkurrenten Saudiarabien, befeuert noch von US-Präsident Donald Trump. Auch die sunnitischen Golfstaaten liegen untereinander im Clinch: Saudiarabien und die Vereinigten Arabischen Emirate nehmen Katar in die Zange. Die Türkei springt Katar bei, Ägypten den Saudis. Erstmals hat der IS einen Anschlag im Iran verübt – militärisch geschwächt, versuchen die Jihadisten, die Kampfzone auszuweiten. Auch Ägypten oder die Philippinen bekommen das zu spüren. Und im Irak rufen die Kurden ein Unabhängigkeitsreferendum aus, das in den nächsten Krieg führen könnte.

Konkurrenz der vier Mächte

All das sind Geburtswehen, die einhergehen mit der Entstehung einer neuen Regionalordnung. Sie lässt sich nur in groben Strichen vorzeichnen, aber im Nahen Osten sind die grössten Umbrüche im Gang, seit Sykes und Picot ihre «gerade Linie im Sand» zogen. Der IS ist eines der Symptome, nicht aber die Ursache dafür. Die alte Balance der Kräfte ist spätestens seit der mit Lügen herbei­geführten Invasion der Amerikaner im Irak 2003 unter George W. Bush ins Rutschen geraten. Sie hat weit mehr zum Wiedererstarken des Iran bei­getragen als das Atomabkommen, das Barack Obama mit Teheran schloss. Die Verheerungen im Irak, an denen auch der Iran seinen Anteil hatte, liessen zugleich jenes Amalgam aus Saddams Geheimdienstlern und sunnitischen Extremisten verschmelzen, aus dem der IS entstanden ist. Als Katalysator wirken bis heute die Volksaufstände des Arabischen Frühlings 2011 – die Katar-Krise und die Frage nach der Zukunft des politischen Islam sind Spätfolgen davon, ebenso die Bürgerkriege in Syrien, im Jemen und in Libyen.

Heute konkurrieren die vier grossen Regionalmächte Saudiarabien, der Iran, Ägypten und die Türkei um Einflusssphären, Gefolgschaften und Ressourcen. Gemein ist ihnen, dass sie im Inneren unter enormem Veränderungsdruck stehen. Und so unterschiedlich diese Staaten sind – die Faktoren sind erstaunlich ähnlich. Sie alle haben sehr junge Bevölkerungen; im Iran sind 40Prozent der Menschen unter 25, in der Türkei 41Prozent, in Saudiarabien 45 und in Ägypten gar 52Prozent. Sie alle brauchen Ausbildung, Arbeit, Zukunftsperspektiven.

«Es sind die grössten Umbrüche seit ­beinahe 100 Jahren.»

Was sie aber sehen, sind wirtschaftliche Probleme, auf völlig unterschiedlichen Ausgangsniveaus zwar und aus verschiedenen Gründen. Überall aber mit der Folge, dass die Jungen ein schlechteres Leben haben als ihre Eltern. Die politischen Systeme sind autoritär bis absolutistisch, ineffizient und kaum in der Lage, die monumentalen Herausforderungen nachhaltig zu bewältigen. Zugleich nimmt die Bereitschaft der Jungen ab, all das klaglos hinzunehmen.

Die vier Staaten sehen sich, teils auf ihrer Geschichte gründend, teils auf religiös-ideologischen Konzepten, als natürliche Führungsmächte in der Region. Sie instrumentalisieren Religion und Ethnizität, um Loyalität über ihre Grenzen hinaus zu erzeugen. Die Umbrüche seit 2003 haben ihre Konkurrenz verschärft und an die Oberfläche gespült – zugleich haben sich durch Revolutionen und Staatszerfall Schauplätze aufgetan, um dies auszufechten. Strategien der Zusammenarbeit, wie Europa sie nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, existieren allenfalls in Ansätzen. Überdies wirkt der Fokus auf wahrgenommene innere und äussere Bedrohungen, der sich in der zentralen Rolle des Militärs und der Sicherheitsapparate spiegelt, systemstabilisierend – und dient als Rechtfertigung für Repression. Die Herrschafts­eliten können damit ganz gut leben; ihre Priorität ist der Selbsterhalt.

Russland ist nur ein Akteur

Seit dem Irakkrieg 1990 moderierten die USA die Region, aber ihr Einfluss schwindet seit der Invasion 2003. Obama blieb zumindest noch als Krisenmanager aktiv. Trump marginalisiert Amerika nun mit seiner Ignoranz und Inkompetenz endgültig, Pentagon und Aussenministerium sind mit Krisen im eigenen Laden beschäftigt. Russland hat das zwar geschickt zur Rückkehr als Akteur in den Nahen Osten genutzt, wird aber ebenso wenig eine hegemoniale Rolle spielen können wie China, Grossbritannien, Frankreich oder die EU. Ihnen allen fehlen die wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Voraussetzungen.

Das führt dazu, dass Syrien, der Irak, Libyen und der Jemen weithin dem Wettstreit der kriselnden Regionalmächte überlassen bleiben, die so auch von internen Problemen ablenken. Stabilität ist in keinem der vier zerfallenden Staaten absehbar. Profiteur der Situation sind die Extremisten, vom geschwächten IS über al-Qaida bis zu den schiitischen Söldnerheeren der Iraner und der Hizbollah. Es dreht sich eine Spirale, die sich zum Strom auswachsen könnte, der die ganze Region mitreisst. Mindestens aber werden die Einflussgebiete durcheinandergewirbelt. Um deren Aufteilung ging es übrigens Sykes und Picot im Grunde – und nicht um die Ziehung willkürlicher Grenzen.

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