Warum ist Kobani strategisch so wichtig?

Alles schaut auf Kobani, wo die Kurden sich des Ansturms der Islamisten erwehren. Aber wenn die nordsyrische Grenzstadt so wichtig ist, warum engagieren sich die Türkei und die USA nicht stärker?

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Tomas Avenarius@tagesanzeiger
Nicolas Richter@n_richter

Fällt Kobani, oder halten die kurdischen Kämpfer dem Ansturm der Terrorgruppe Islamischer Staat (IS) doch noch stand? Am Dienstag übernahmen die Jihadisten laut syrischen Menschenrechtsbeobachtern ein Industriegebiet sowie die östlichen Stadtteile Kani Araban und Makatal al-Jadida. Gleichzeitig sei es den Kurden aber gelungen, IS-Kämpfer aus einigen Strassenzügen zu vertreiben. Es tobe ein Kampf um jedes Haus. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon rief in New York zum Schutz der Zivilbevölkerung auf. Die gibt es aber kaum noch: Fast alle Einwohner der Stadt, mehr als 170 000 Menschen, sind laut dem UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte aus Kobani und Umgebung Richtung Türkei geflohen. Fragen und Antworten zur Schlacht um die nordsyrische Grenzstadt von unseren Korrespondenten:

Warum rückt die Türkei nicht in Syrien ein?
Die Türkei besitzt die zweitgrösste Armee aller Nato-Staaten. An der Grenze zu Syrien in unmittelbarer Nähe der umkämpften Kurdenstadt Kobani hat sie nun Dutzende Panzer auffahren lassen. Genaue Zahlen über die Truppenstärke im Grenzgebiet sind nicht bekannt, aber die Streitmacht ist gross genug, um Stärke und Verteidigungsbereitschaft zu demonstrieren. Auch Heereschef Hulusi Akar hat die Soldaten schon besucht.

Akar dürfte aus Ankara aber kaum den Befehl erhalten, mit seiner Truppe den schlichten Drahtzaun an der Grenze niederzuwalzen und nach Syrien vorzurücken. Premier Ahmet Davutoğlu hat zwar versprochen: «Wir werden alles nur Mögliche unternehmen, um den Menschen in Kobani zu helfen.» In einem CNN-Interview nannte Davutoğlu allerdings einen entscheidenden Vorbehalt: «Bodentruppen zu schicken, ist aber natürlich eine andere Entscheidung.» Wenn man in Kobani eingreife, müsse man in ganz Syrien intervenieren.

Damit ist klar, was Ankara verlangt: Die USA und ihre Verbündeten sollen nicht nur die IS-Jihadisten bombardieren, sondern auch den Diktator Bashar al-Assad in Damaskus endlich aus dem Amt jagen. Assads Sturz ist das politische Ziel der türkischen Regierung unter Führung der islamisch-konservativen AKP seit Beginn des Bürgerkriegs vor mehr als drei Jahren. Eine US-Intervention gegen Assad in Syrien ist aber bislang nicht in Sicht. So laufen die Beistandsadressen Ankaras für die Kurden von Kobani militärisch auch ins Leere.

Was wollen die Kurden?
In dramatischen Appellen hat sich die PYD, die Kurdenpartei in Kobani, am Dienstag erneut an die Welt gewandt, ein «drohendes Massaker» in der Stadt zu verhindern. «Die internationale Gemeinschaft muss in Kobani sofort handeln», erklärte die kurdische Kantonsregierung. Wer nachfragt, was die Kurden wollen, erfährt: panzerbrechende Waffen und anderes schweres Gerät sowie zusätzliche Kämpfer. Aber keine türkischen Soldaten.

Die PYD und ihre gegen den IS kämpfende Volksmiliz YPG sind mit der Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) in der Türkei verbündet. Als in der vergangenen Woche Meldungen auftauchten, der bereits seit 1999 inhaftierte PKK-Chef Abdullah Öcalan habe sich persönlich für eine türkische Intervention in Kobani ausgesprochen, wurde dies sofort dementiert.

Warum lässt die Türkei kurdische Kämpfer nicht nach Kobani?
Premier Davutoglu und Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan misstrauen trotz des vor eineinhalb Jahren begonnenen Friedensprozesses mit der PKK immer noch jeder Form von kurdischer Autonomie. Dass PYD und PKK quasi Schwesterparteien sind, reichte Ankara zuletzt schon für ein Warenembargo gegen die syrische Kurdenenklave. Daher stoppten Grenzwächter auch immer wieder kurdische Kämpfer, die nach Kobani strebten. Andere aber haben es dennoch durch den Zaun geschafft, während Zehntausende Flüchtlinge aus der Stadt und den Dörfern der Region vor den Jihadisten in die Türkei flohen. AKP-Politiker betonten zudem, die türkisch-kurdischen Bürger könnten durch den IS entführt werden, was wiederum dann ein Problem für die Türkei sei.

Erdogan hat zudem vorgeschlagen, eine Schutzzone im syrischen Grenzgebiet zu errichten. Viele Kurden sind aber ebenfalls misstrauisch und fürchten, türkische Soldaten könnten als Besatzer auftreten. Eine solche Schutzzone aber müsste wohl nicht nur aus der Luft, sondern auch auf dem Boden verteidigt werden, wozu die westlich-arabische Allianz derzeit nicht bereit ist.

Warum bedeutet die Stadt den Kurden so viel?
Die Stadt und die Region darum herum waren bislang einer von drei quasi autonomen kurdischen Kantonen in Syrien. Im Juli 2012 hatten Kräfte der kurdischen Volksmiliz YPG zuerst in Kobani Sicherheitskräfte des Assad-Regimes vertrieben. Im November 2013 erklärte die PYD für die drei nicht zusammenhängenden selbst verwalteten Kantone dann eine Autonomie unter dem Namen Rojava. In den Kurdengebieten blieb es danach relativ friedlich, weshalb auch viele Menschen aus anderen Teilen Syriens, die bereits vom IS erobert wurden, dorthin flohen.

Warum ist Kobani strategisch so wichtig?
Ein Blick auf die Landkarte verdeutlicht die Bedeutung von Kobani oder Ain al-Arab, wie die nicht kurdische Bevölkerung Syriens den Ort nennt. Die Stadt direkt an der türkischen Grenze bietet die Möglichkeit, Schmuggelgeschäfte zu kontrollieren und ausländische Kämpfer nach Syrien und in den Irak zu bringen, solange die türkische Regierung dies duldet. Zudem liegt die Stadt an einer Strasse, die das westliche und das östliche Herrschaftsgebiet des selbst ernannten Kalifen Ibrahim – alias Abu Bakr al-Baghdadi – verbindet.

Kobani ist ein Scharnier zwischen den östlichen und den westlichen Gebieten, die der Islamische Staat ganz oder in Teilen kontrolliert. Im Osten erstreckt sich das Kalifat von Mossul im Nordirak und der davon südlich gelegenen Anbar-Provinz mit Falluja und Ramadi nach Westen in Richtung Syrien. Jenseits der Grenze ist Raqqa inzwischen so etwas wie die Hauptstadt des IS.

Stark ist der IS auch in der südlich von Raqqa gelegenen Provinz Deir al-Sor. Im Nordwesten Syriens bleibt aber Aleppo das Ziel der IS-Kämpfer. Die Metropole ist umkämpft zwischen Truppen des Assad-Regimes und den Rebellen. Allerdings sind auch die Rebellen gespalten; ein Teil von ihnen bekämpft gleichzeitig auch den IS. In Kobani selbst hatte bisher die YPG-Miliz das Sagen. Diese Kämpfer sind syrische Kurden, die im Bürgerkrieg eine eigenartige Rolle spielen. Sie streben nach mehr Autonomie oder vielleicht sogar Unabhängigkeit. Sie haben mit dem Assad-Regime aber nie offiziell gebrochen, sich bisher arrangiert und oft auch gegen die Aufständischen gekämpft.

Warum helfen die USA den Kurden so zögerlich?
Viele der Kurden, die aus der nordsyrischen Grenzstadt Kobani geflüchtet sind, fühlen sich von der amerikanischen Regierung verlassen. Warum, fragen sie, hat das US-Militär nicht mit viel mehr Angriffen aus der Luft die Milizen des Islamischen Staats zurückgeschlagen, so wie vor Monaten im Irak, als der IS die Minderheit der Jesiden verfolgte? US-Verteidigungsminister Chuck Hagel sagte dazu kürzlich bloss, die Vereinigten Staaten führten Gespräche mit der benachbarten Türkei, einem Nato-Verbündeten. Ein Sprecher des Pentagon sagte, die USA müssten die ganze Region im Auge behalten, nicht nur einzelne Städte. Beobachter in Washington vermuten, dass sich die USA vorrangig noch immer auf den Irak konzentrieren möchten. Sie sehen sich dort als Helfer einer Regierung, die sie anerkennen, und einer irakischen Armee, die sie selbst aufgebaut haben.

In Syrien ist die Lage komplizierter: US-Präsident Barack Obama hat den Bürgerkrieg dort immer meiden wollen, den dortigen Diktator Bashar al-Assad sieht er als Gegner, und am Boden kann er sich nicht auf eine verbündete Armee verlassen, sondern nur auf einige gemässigte Rebellen. Die USA haben zwar das Hauptquartier des IS und diverse seiner Stellungen in Syrien angegriffen, aber sie möchten und können wohl auch nicht in jede Schlacht eingreifen.

Womöglich sieht Obama Kobani auch als Gelegenheit, den türkischen Verbündeten stärker in die Pflicht zu nehmen, da die Stadt unmittelbar an der türkischen Grenze liegt. Die amerikanische Regierung hat immer betont, dass sie den Kampf gegen den IS nicht allein als ihr Problem sieht, sondern als ein Problem aller Völker der Region. Die bisherige Zurückhaltung der Türkei hat das Weisse Haus zuletzt sehr frustriert.

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