«Viele Leute brauchen einen Feind, um sich besser zu fühlen»

Lizzie Doron war einst eine Ikone der Holocaust-Literatur. Heute werden ihre Bücher in Israel nicht mehr gedruckt.

Die israelische Autoriin Lizzie Doron schreibt heute über das Leben der Palästinenser.

Die israelische Autoriin Lizzie Doron schreibt heute über das Leben der Palästinenser. Bild: Sofia Runarsdotter

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frau Doron, verlassen Sie Ihr Haus in Tel Aviv nach wie vor nur in Designer-Unterwäsche?
Nein, wie kommen Sie denn darauf?

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie, dass Sie sich davon eine anständige Behandlung durch die Ärzte im Fall eines Attentats versprechen.
Diese Aussage stammt aus meinem früheren Leben, als ich Bücher über die Kinder der Holocaust-Opfer geschrieben hatte. Im Ernst: Die Designerunterwäsche steht für mich nicht mehr im Fokus. Ich denke aber auch noch heute beim Verlassen meiner Wohnung daran, dass ich mich gut anziehen sollte im Fall einer Terrorattacke.

Sie haben in den letzten Jahren mit Palästinensern gesprochen, die einst zu Gewalt gegriffen hatten. Es sind Freundschaften entstanden. Hat das Ihre Ängste nicht gemindert?
Ich kämpfe mit meinen palästinensischen Freunden für eine friedliche und freie Gesellschaft gleichberechtigter Menschen. Ich kann meine Ängste aber nicht einfach hinter mir lassen.

Sie waren einst eine Schulbuch-Autorin in Israel. Warum begannen Sie plötzlich über das Schicksal der Palästinenser zu schreiben?
Ich traf Nadim Abu Heni an einer Konferenz in Rom. Als er mir von seinem Leben in den besetzten Gebieten zu erzählen begann, dachte ich zuerst, er sei ein Lügner oder doch zumindest jemand, der übertreibt. Natürlich war er ein Charmeur, und wenn der Altersunterschied nicht so gross gewesen wäre, hätte es vielleicht sogar eine Liebesgeschichte geben können. Aber er hat mein Interesse an seinem Schicksal und am Schicksal seines Volkes geweckt.

Warum haben Sie deshalb aber Ihr literarisches Thema gewechselt?
Während des Gesprächs mit Nadim sah ich auf einmal die Gelegenheit, über ein anderes Thema als den Holocaust zu schreiben. Ich dachte damals gar nicht daran, dass in diesem Themenwechsel auch eine Kontinuität liegen könnte.

Wie meinen Sie das?
Ich habe mich ein Leben lang mit jener Ignoranz befasst, die Leute dazu bringt, sich als etwas Besseres zu fühlen, die sie dazu bringt, zu hassen und zu töten. Meine Mutter hat über ihre Erfahrungen im Konzentrationslager geschwiegen. Sie hat mir bloss einmal erzählt, wie sie sich vor Gericht für einen SS-Offizier eingesetzt hatte, der ihr ein überlebenswichtiges Medikament besorgt hatte. Sie hat diese Geschichte mit der Botschaft verknüpft, dass es immer eine Möglichkeit gibt, Menschen zu helfen, die unterdrückt werden.

Das war der Link zwischen dem Holocaust-Komplex und Ihrem aktuellen Thema?
Genau. In der Auseinandersetzung mit Menschen, die ihre Freiheit durch die Besetzung verloren haben, verstand ich die Geschichte meiner Mutter besser. Das sage ich nicht nur als Autorin des Buches «Das Schweigen meiner Mutter», sondern auch als Mensch. Als ich «Sweet Occupation» schrieb, habe ich oft gedacht: «Warum in aller Welt bist du bereit, mit einstigen Terroristen zu sprechen? Sie könnten einen deiner Freunde getötet haben.» Heute weiss ich, dass ich dadurch die Situation meiner Mutter besser nachvollziehen konnte, die im KZ von Menschen umgeben war, die sie jederzeit hätten töten können.

Wäre Ihre Mutter heute stolz darauf, dass Sie über das Schicksal der Palästinenser schreiben?
Auf psychotherapeutischer Ebene mag mir das bei der Versöhnung mit meiner Mutter helfen. Auf menschlicher Ebene bezahle ich aber einen hohen Preis. Ich und meine Freunde leben seit einigen Jahren isoliert in Israel. Ich habe meine Heimat verloren. Ich bin zu einer ewigen Jüdin geworden, die wegen eines Fluchs zur Wanderschaft verdammt ist. Ich schreibe auf Hebräisch. Aber meine Bücher werden seit 2009 nicht mehr publiziert in Israel. Auch eine arabische Version wird es kaum geben.

Sie haben zuerst gedacht, dass Nadim lüge oder übertreibe. Hatten Sie denn keine Ahnung von der Situation der Palästinenser?
Als Linke geht man aus Prinzip nicht in die besetzten Gebiete. Ich lebe in Tel Aviv, und das heisst, ich lebe in einer anderen Welt. Ich war eine Ikone der Holocaust-Literatur. Dass ich damit den Opfer-Mythos des jüdischen Volkes noch verstärkte, habe ich mir gar nicht klargemacht. Heute denke ich, dass Opfer äusserst aggressiv und brutal werden können, weil sie in ständiger Angst vor Verletzungen leben. Opfer müssen hart und ständig bereit sein, den Feind zu bekämpfen. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, was in Ost-Jerusalem geschieht.

Was hat denn unglaubwürdig gewirkt an Nadims Schilderungen?
Ich war überzeugt, dass die Einheit Jerusalems nicht bloss ein politischer Slogan ist. Ich wusste gar nicht, dass die Palästinenser in Ost-Jerusalem nicht dieselben Rechte haben wie andere Staatsbürger. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass Nadim und seine Freunde keinen israelischen Pass haben. Ich wusste nicht, welche Probleme sich bei Paaren stellen, wenn der Mann oder die Frau aus der Westbank stammt.

Tel Aviv ist nicht bloss eine Stadt, sondern eine Mentalität.  

Aber Tel Aviv ist bloss knapp siebzig Kilometer von Jerusalem entfernt.
Tel Aviv ist nicht bloss eine Stadt, sondern eine Mentalität. Die Atmosphäre ist offen und liberal. In Jerusalem ist der Einfluss der Orthodoxen dominant. Ich war der Meinung, wir sollten die Palästinenser ihr Leben leben lassen, weil ich auch mein Leben lebte. Daher war ich nicht neugierig, sie kennen zu lernen. Nadim seinerseits hatte keine Ahnung vom Holocaust. Er war nie in Yad Vashem und hat nie etwas darüber gelesen. Es ist ein langer und schwieriger Prozess, seine Feinde kennen zu lernen.

Sie haben damit ein Tabu in Israel gebrochen.
Der Tabu-Bruch war, dass ich meine Bücher nicht mehr über den Holocaust schreibe.

Dabei bezeichnen Sie sich als ängstlichen Menschen: «Ich fürchte mich vor Zorn. Die Nazis hinter mir und die Araber vor mir.»
Das Gefühl der Unsicherheit hat nie aufgehört. Wenn ich durch eine Strasse gehe, schaue ich mich immer um, ob jemand mich angreifen könnte. Das ist fest in meine DNA eingeprägt.

Warum hatten Sie da den Mut, mit einstigen Brandbomben-Werfern und Messerstechern zu reden?
Diese Leute sind heute nicht nur meine besten Freunde, sondern auch die besten Freunde meiner Kinder. Sie sind oft Gäste bei mir zu Hause. Es ist wohl nicht ganz rational, aber die Gespräche mit diesen Menschen gehören heute zu meinem Leben.

Sie sagten einmal, es reiche nicht aus, vom Holocaust zu erzählen. Man müsse die Kinder lehren, Rassismus zu bekämpfen. Gilt das auch für Israelis und Palästinenser?
Natürlich. Für das Buch «Who the Fuck Is Kafka?», worin die Begegnung mit Nadim eine wichtige Rolle spielt, hatte ich zuerst den Titel: «Jeder braucht jemanden, den er hassen kann.» Viele Leute brauchen einen konkreten Feind, um sich besser zu fühlen. Der Feind ist der Spiegel von etwas, das uns keine Ruhe lässt und das in jedem von uns steckt.

Wie meinen Sie das?
Als Kind wusste ich, dass die Nazis und die Deutschen meine Feinde sind. Später übertrug sich das auf die Araber, weil es die nächsten und konkreten Feinde waren. Ich machte mir ein ganz bestimmtes Bild von ihnen: Die Araber waren ungebildet, und sie hatten einen bestimmten Geruch. Am Ende akzeptierte ich mein Bild von den Arabern als Realität. Das Treffen mit Nadim war für mich die Gelegenheit, mich von dieser vermeintlichen Realität zu befreien und mich zu öffnen.

Hatten Sie dasselbe Erlebnis nicht bereits zuvor, als Sie sich mit einer Frau befreundeten, deren Vater ein Leibwächter Hitlers war?
Mit den Deutschen war es viel leichter. Die deutsche Kultur und Mentalität ist mir nahe. Die Menschen in Deutschland leben ähnlich wie ich und mein Umfeld. Die Kultur und Mentalität der Palästinenser ist komplett anders: Sie haben ein anderes Verständnis von Menschenrechten oder den Rechten der Frauen.

Sie glauben aber trotzdem, dass die Säkularen beider Seiten gemeinsam einen Staat aufbauen sollten.
Es gibt keine andere Alternative. Bei den Frauenrechten bin ich noch heute nicht mit Nadim einig, weil er eine traditionelle Sicht hat. Mit Mohammed, Suliman und Jamil gibt es diesbezüglich aber keine Probleme, weil sie nichts mit Religion am Hut haben. Nadim ist ein befreundeter Feind. Mit den anderen drei ist eine Entwicklung zu gemeinsamen Werten und Anschauungen im Gang.


Die Renaissance der Religiosität ist ein Zeichen der Angst.

Israel wird von Rechten und Religiösen regiert. Der Siedlungsbau geht weiter. Sie sind in der Minderheit.
Ja, aber die Renaissance von Nationalismus und Religiosität im Land ist ein Zeichen der Angst und der Unsicherheit. Auch der zunehmende Antisemitismus in Europa schürt die Opfer-Mentalität. Eine wachsende Minderheit im Land spürt aber, dass dies der falsche Weg ist.

Sie werden nicht mehr publiziert. Wie können Sie sich denn noch Gehör verschaffen?
Ich bin in der Tat öffentlich inexistent geworden. Selbst an die Holocaust-Gedenkveranstaltungen werde ich nicht mehr eingeladen. Aber ich lasse nicht locker, wie dies auch meine Familie nicht tut. Mein Mann ist zu einem Friedensaktivisten geworden. Mein Sohn glaubt nicht mehr, dass Israel eine Zukunft hat. Er arbeitet heute als Lektor in Berlin. Meine Tochter ist Ärztin. Sie arbeitet bei der Rehabilitation hirnverletzter Soldaten, die bei Anschlägen verletzt wurden. Ich kenne viele ähnliche Familien. Jede Gesellschaft kennt dunkle Zeiten. Aber selbst dann sollten die Menschen nicht vergessen, dass auch Feinde Menschen sind. Viele Menschen in Israel denken so. Aber sie haben Angst, sich zu engagieren, weil sie Angst haben, den Job und ihr Ansehen zu verlieren.

Mit Ihren ersten Büchern haben Sie das Schweigen Ihrer Mutter zum Holocaust gebrochen. Nun brechen Sie erneut ein Schweigen.
Genau. Das Schweigen in Israel betrifft heute die Palästinenser und ihre Geschichte. Niemand will davon hören. Es ist schwierig, diesem gesellschaftlichen Konsens zu widerstehen.

Wie sehen Sie die Zukunft Israels? Von einer 2-Staaten-Lösung ist man weit entfernt.
Jetzt wäre der Moment für einen Wechsel. Aber ich kenne die Lösung auch nicht. Ich weiss nur, dass die Zivilgesellschaft auf beiden Seiten aktiver werden muss. Nur so können die politischen Führer dazu gebracht werden, eine Lösung zu finden. Die Lösung kommt nicht aus der Politik. Sie kommt aus der Zivilgesellschaft.

Der Rechtsruck in Israel ist aber doch auch eine Folge der wachsenden äusseren Bedrohung?
Das spielt eine Rolle. Aber es gibt auch einen demografischen Wandel. Der Anteil der orthodoxen Bevölkerung nimmt zu. Es gibt keinen demokratischen jüdischen Staat. Israel wird entweder ein jüdischer oder ein demokratischer Staat. Wenn sekuläre Israelis und Araber zusammen arbeiten würden, könnten die Verhältnisse sich ändern.

Die «Kämpfer für den Frieden», denen Sie angehören, könnten die Brücke zwischen den Säkularen beider Seiten bilden?
Das ist meine Hoffnung. Die Kämpfer für den Frieden sind gewaltlos, und sie werden stärker und stärker. Es ist die erste und einzige Gruppe in Israel, in der jüdische und arabische Menschen gleichberechtigt sind. Dazu gehören einstige israelische Soldaten, die den Dienst in den besetzten Gebieten verweigert hatten, oder einstige palästinensische Kämpfer. Die Kämpfer für den Frieden wollen nicht Politik machen, sondern Frieden schaffen. Feinde kämpfen gemeinsam für einen Wechsel. Das ist ein ebenso neuer wie starker Gedanke. Es ist, wie wenn sich der Vietcong und die US-Army zusammengetan hätten, um Frieden in Vietnam zu schaffen.

Die Gruppe ist für den Friedensnobelpreis nominiert. Wie stark ist sie?
Zumindest die Zahl der Sympathisanten nimmt zu. Jeden Freitag findet ein Friedensmarsch auf beiden Seiten der Mauer bei Jerusalem statt.

Es braucht aber Mut, an diesen Märschen teilzunehmen.
Ich bin aktiv bei den Kämpfern für den Frieden. Aber persönlich habe ich Angst, an den Märschen teilzunehmen.

Sie haben Angst, an den Märschen teilzunehmen, aber Sie reisen in die Westbank, um mit einstigen palästinensischen Kämpfern zu sprechen?
Ja, ich weiss, mein Handeln ist nicht rational. In grossen Menschengruppen habe ich Angst. Bei den Treffen in der Westbank werde ich aber von meinen arabischen Freunden begleitet.

(Der Bund)

Erstellt: 12.08.2017, 08:22 Uhr

Lizzie Doron

Die 1953 geborene Autorin ist Tochter einer Holocaust-Überlebenden. Ihr erstes Buch «Warum bist Du nicht vor dem Krieg gekommen?» ist das Ergebnis einer Auseinandersetzung mit dem Leben ihrer Mutter und gilt in Israel als Schulbuchlektüre. Eine Wende in Dorons Karriere brachte der Roman «Who the Fuck Is Kafka?», der vor acht Jahren auf Deutsch erschienen ist. Der Roman schildert die Folgen einer Begegnung der Autorin mit einem einstigen palästinensischen Aktivisten. Ihr jüngstes Buch «Sweet Occupation» basiert ebenfalls auf Gesprächen mit Palästinensern. Lizzie Doron ist Mutter zweier erwachsener Kinder und lebt mit ihrem Mann in Tel Aviv. (bob)

Artikel zum Thema

Israel beschränkt Zugang zum Tempelberg

Kehrtwende in Jerusalem: Die israelische Polizei verbietet am Freitag vorübergehend Männern unter 50 Jahren den Eintritt zur heiligen Stätte. Mehr...

Palästinenser verletzt sechs Menschen in Tel Aviv

Ein Palästinenser hat in Israel in eine Menge geschossen. Dabei sind mindestens sechs Personen verletzt worden. Mehr...

Verbannter Arte-Film ist online

Video Einen Film über aktuellen Antisemitismus, den Arte bestellt hat, will der Sender nicht zeigen. Aus «formalen Gründen». Unfassbar. Mehr...

Abo

Das digitale Monatsabo für Leser.

Nutzen Sie den «Bund» digital ohne Einschränkungen. Für nur CHF 32.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Auswärts essen? Die Gastrokolumne.

Per Mausklick zur Gastrokritik: Wo es der Redaktion am besten mundet, kommen vielleicht auch Sie auf den Geschmack.

Die Welt in Bildern

Ein bisschen wie in Rio: Anlässlich des Blumenkarnivals ziehen die gefiederten Tänzerinnen einer spanischen Gruppe durch die Strassen von Debrecen, Ungarn. (20. August 2017)
(Bild: Zsolt Czegledi/EPA) Mehr...