US-Militärs nach Klinik-Beschuss suspendiert

Schuld am Angriff auf ein Krankenhaus in Afghanistan ist laut einem Bericht menschliches Versagen. 211 Mal hatten die US-Truppen aus der Luft auf das Gebäude gefeuert.

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Eine ganze Serie technischer und menschlicher Pannen soll für den Tod von mindestens 31 Menschen in einer Klinik von Ärzte ohne Grenzen verantwortlich gewesen sein. Mehrere Beteiligte werden suspendiert.

Fast zwei Monate nach dem tödlichen Angriff auf das Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in der afghanischen Stadt Kundus zieht das US-Militär erste Konsequenzen. Mehrere Verantwortliche seien suspendiert worden, weil sie Einsatzregeln missachtet hätten, sagte der US-Kommandeur für Afghanistan, John Campbell, in Washington. Ihm zufolge war eine Reihe technischer und menschlicher Fehler für den Angriff mit mindestens 31 Toten verantwortlich.

Probleme mit Zielsensoren

Campell bezog sich in seinen Äusserungen auf die Ergebnisse zweier verschiedener Untersuchungsberichte. Diesen zufolge hielt die Besatzung des US-Kampfflugzeugs die Klinik für ein von den Taliban übernommenes Geheimdienstgebäude, das allerdings 450 Meter von dem Krankenhaus entfernt stand.

Nach dem Angriff vom 3. Oktober hatte es Spekulationen gegeben, dass die Klinik absichtlich angegriffen wurde, weil dort Taliban-Kämpfer vermutet wurden. Ärzte ohne Grenzen hatte sogar von einem möglichen Kriegsverbrechen gesprochen.

Das US-Militär stellte das aber in seinen gemeinsamen Ermittlungen mit der Nato und der afghanischen Regierung anders dar. Die Besatzung der AC-130 habe technische Probleme mit ihren Zielsensoren gehabt und sich deswegen auf eine physische Beschreibung des Zielgebäudes durch das afghanische Militär verlassen müssen, heisst es. Dadurch sei es zu der Verwechslung gekommen.

211 Mal auf Krankenhaus gefeuert

Es gebe keine Hinweise darauf, dass die Crew oder der Kommandeur der Spezialeinheiten zu irgendeinem Zeitpunkt gewusst hätten, dass sie ein Krankenhaus angriffen, heisst es in dem Bericht. Das Flugzeug habe über einen Zeitraum von 25 Minuten 211 mal auf das Krankenhaus gefeuert, bevor der Kommandeur über eine Mitteilung von Ärzte ohne Grenzen auf den Fehler aufmerksam gemacht worden sei und den Angriff abgebrochen habe.

Fraglich ist unter anderem, warum die Klinik auf den Karten des US-Militärs vom Einsatzgebiet nicht als geschütztes Gebäude eingezeichnet war. Ärzte ohne Grenzen hatte dem US-Militär die Koordinaten vier Tage vor dem Angriff übermittelt.

Es drohen Disziplinarmassnahmen

Wie viele Verantwortliche genau suspendiert wurden und inwieweit Personen weiter oben in der Befehlskette ebenfalls betroffen waren, wollte Campbell nicht sagen. Den Suspendierten drohten aber wegen der Verletzung von Einsatzregeln Disziplinarmassnahmen. Es habe viele Gelegenheiten gegeben, den Fehler abzuwenden, aber alle seien verpasst worden, sagte US-Brigadegeneral Wilson Shoffner. «Wir haben einen fürchterlichen Fehler gemacht, der unnötige Todesfälle zur Folge hatte.»

In dem Bericht wurde die Zahl der zivilen Opfer mit 31 beziffert. 28 weitere seien verletzt worden. Es sei aber gut möglich, dass es noch weitere Opfer gegeben habe, heisst es von Ermittlungsteam unter Leitung des US-Brigadegenerals Richard Kim, an dem auch Vertreter der Nato und der afghanischen Regierung beteiligt.

Zusätzlich zum Kim-Bericht führte das US-Militär eine eigene Untersuchung durch, die auch die Schuldfrage klären sollte. Eine der Konsequenzen daraus war die Suspendierung der US-Soldaten, die Campbell bekanntgab. Den kompletten, 3000 Seiten langen zweiten Bericht gab er allerdings nicht frei. (ij/sda)

Erstellt: 25.11.2015, 19:42 Uhr

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