Türkische Bodentruppen?

In Ankara lässt die Zurückhaltung bezüglich einer Beteiligung am Kampf gegen den IS nach. Was Beobachter zum neuen Ton sagen.

Sie sichern derzeit die Grenze zu Syrien ab: Türkische Soldaten am Übergang Suruc. (28. September 2014)

Sie sichern derzeit die Grenze zu Syrien ab: Türkische Soldaten am Übergang Suruc. (28. September 2014)

(Bild: Keystone AP Photo)

Vergangene Woche hat die US-geführte Koalition den Kampf gegen die Milizen des Islamischen Staats (IS) intensiviert und bombardiert mit Unterstützung mehrerer arabischer Länder nun auch Ziele in Syrien. Die Türkei, an deren Grenze aktuell ein erbitterter Kampf um die kurdische Stadt Kobani tobt und auf deren Territorium in den vergangenen Tagen Tausende Menschen geflohen sind, hielt sich in diesem Kampf bisher stets zurück. Um das Leben der vom IS entführten türkischen Bürger nicht zu gefährden, beteilige man sich weder an Luftangriffen, noch stelle man die eigenen Luftstützpunkte für die Allianz zur Verfügung, lautete die offizielle Linie aus Ankara.

Doch seit der Freilassung der 49 Geiseln vergangene Woche scheint sich in der türkischen Position möglicherweise ein Wechsel abzuzeichnen. Bereits bei der UNO-Vollversammlung in New York vergangene Woche sprach Präsident Recep Tayyip Erdogan von einem «militärischen und politischen Beitrag» seines Landes. Beim Weltwirtschaftsforum in Istanbul am Wochenende bekräftigte Erdogan diese Position dann noch einmal. «Die Türkei wird alles tun, was ihre Pflicht ist», zitierte ihn die türkische Zeitung «Hürriyet». Und: «Wir werden dort sein, wo wir sein müssen.»

«Keine Lösung ohne Bodentruppen»

Ohne Bodentruppen gebe es keine dauerhafte Lösung, erklärte der Präsident. Schliesslich lasse sich eine Terrorgruppe wie der IS nicht allein durch Luftschläge zerstören. Ob dies eine direkte militärische Beteiligung der Türkei bedeutet, ist allerdings offen. Wie Regierungschef Ahmet Davutoglu gestern in Ankara erklärte, werde die Regierung einen Mandatsentwurf für einen Einsatz der Streitkräfte im Irak und in Syrien ins Parlament einbringen. Über die Vorlage soll dann bereits am Donnerstag abgestimmt werden.

Laut «Hürriyet» geht es Präsident Erdogan in erster Linie um die Sicherung der rund 900 Kilometer langen eigenen Grenze zu Syrien. So könne man Bodentruppen einsetzen, um Puffer- und Flugverbotszonen einzurichten und damit die türkisch-syrische Grenze und die ankommenden Flüchtlinge zu schützen, so der Präsident. Sollte es ein internationales Abkommen für eine solche Zone für Flüchtlinge geben, könne auch die Türkei ihren Beitrag leisten. Auch US-Generalstabschef Martin Dempsey hatte bereits von Bodentruppen gesprochen: Um gegen den IS zu gewinnen, bräuchte es bis zu 15'000 Mann am Boden, erklärte er.

«Eine militärische Kooperation im Kampf gegen den IS beinhaltet aber nicht zwangsweise das Abfeuern von Raketen», erklärte der stellvertretende Premier Yalcin Akdogan nach Erdogans New-York-Besuch gegenüber der Zeitung «Vatan». Auch eine logistische Zusammenarbeit oder Kooperation der Geheimdienste sei möglich, so der Politiker.

Strategiewechsel nach US-Druck?

Die veränderte Strategie der Türkei bietet derweil Raum für Spekulationen. Wie die «Financial Times» schreibt, sollen die USA am Rande der UNO-Vollversammlung Druck auf Präsident Erdogan ausgeübt haben, sich im Kampf gegen den IS klar zu positionieren. Diese Ansicht vertritt auch der türkische Politologe Akin Unver. Erdogan sei in New York zu einer Beteiligung überredet worden, erklärte Unver gegenüber dem TV-Sender al-Jazeera. Erdogan handle pragmatisch und wolle die zuletzt strapazierten Beziehungen zu Washington nicht beschädigen.

Laut Bayram Balci, Türkei-Spezialist beim Carnegie-Zentrum, befindet sich die Türkei nach wie vor in einem Dilemma. Eine etwaige militärische Beteiligung Ankaras könnte Anschläge des IS in türkischen Grossstädten nach sich ziehen. Mischt man sich jedoch nicht ein, könnte sich die Lage im südlichen Nachbarland nur noch verschlimmern und den Konflikt endgültig über die Grenze schwappen lassen.

«Die Kurden würden dies als Besatzung betrachten»

Und auch das Verhältnis der Türkei zu den Kurden birgt in diesem Zusammenhang Konfliktpotenzial. Laut der «Süddeutschen Zeitung» haben Kurdenpolitiker bereits deutlich gemacht, nichts von einer von der türkischen Armee gesicherten «Pufferzone» zu halten. «Die Kurden würden dies als Besatzung betrachten», erklärte Atilla Yazar, Vorsitzender der türkischen Menschenrechtsorganisation Insan Haklari Derneği (IHD), der Zeitung.

Für Türkei-Experte Balci spiegelt Ankaras Zurückhaltung die Angst vor kurdischer Stärke und den damit verbundenen Sicherheitsrisiken für das eigene Land. Laut Akin Unver sorgt der wechselhafte Kurs der türkischen Regierung für Verwirrung im Land. Der Politologe vermutet jedoch, dass Ankara die kurdischen Kämpfer als Bollwerk gegen den IS zu etablieren versucht, um sich selbst nicht militärisch beteiligen zu müssen.

So schätzen Experten, dass die Türkei auch weiterhin eine eher begrenzte Rolle im Kampf gegen den IS spielen wird. «Ankara wird wohl nicht aktiv an einem Krieg gegen die IS-Milizen teilnehmen wollen», schreibt Carnegie-Experte Marc Pierini.

ajk

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