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Trutzburgen in der Wüste

Die USA und andere Westmächte haben in Djibouti riesige Militärfestungen errichtet – wegen der strategisch günstigen Lage. Nun ziehen die Chinesen nach.

Militärischer Vorposten am Horn von Afrika: US-Soldaten bereiten im Camp Lemonnier die Entladung von Patrouillenbooten aus einem Transportflugzeug vor. Foto: Eric Dietrich (US Navy)
Militärischer Vorposten am Horn von Afrika: US-Soldaten bereiten im Camp Lemonnier die Entladung von Patrouillenbooten aus einem Transportflugzeug vor. Foto: Eric Dietrich (US Navy)

Das Thermometer zeigt 42 Grad an, die Luft steht still, der US-Soldat aus Arkansas hält mit beiden Armen einen kränklich brummenden Ventilator umklammert. Gelegentlich drückt er einen Knopf, um ein Fahrzeug durchzulassen: Dann senkt sich eine stählerne Panzersperre in den Asphalt, und der Wagen setzt seinen Weg im Schritttempo fort – zwischen Betonklötzen und Wachtürmen hindurch und an Gitterzäunen entlang. Der Checkpoint ist der dritte am Eingang des US-Militärcamps im ostafrikanischen Hafenstaat Djibouti, zwei weitere werden noch folgen. Camp Lemonnier gehört zu den bestbewachten Orten der Welt: In den einzigen ständigen US-Stützpunkt auf afrikanischem Boden werden nur Handverlesene nach wochenlanger bürokratischer Prozedur gelassen.

Und dabei ist das amerikanische noch das gastfreundlichste aller Militärlager in dem Wüstenstaat: Die anderen – sechs an der Zahl – sind ausländischen Berichterstattern ganz verschlossen. Neben Djiboutis neuem Hafen wird derzeit eine chinesische Festung errichtet, in Sichtweite entfernt liegt eine französische Fregatte, am Himmel bereitet sich eine Herkulesmaschine der US Air Force auf die Landung vor. Am Rand der Stadt fährt man an langen, mit Stacheldraht gekrönten Mauern vorbei: Auf 44 Quadratkilometer verteilt, sind hier neben Franzosen, Italienern, Deutschen und Spaniern auch Japaner, Chinesen, US-Amerikaner und Soldaten aus den Arabischen Emiraten untergebracht. In anderen Teilen der Welt würden sich die hier versammelten Waffenträger nicht über den Weg trauen: Doch in Djibouti teilen sie sich wie selbstverständlich den Hafen, den Flugplatz – und zu Übungszwecken auch den heissen Sand. Sollte zwischen den mächtigen Staaten der Welt irgendwo auf dem Globus ein gewalttätiger Konflikt ausbrechen, sagt ein einheimischer Journalist: «Dann bekommen wir es hier als Erste zu spüren.»

Kein Ort der Erde ist für den Kampf gegen den Terror, den Schmuggel und die Piraterie besser als Djibouti geeignet. Vom Hafen aus ist mühelos die meistbefahrene Wasserstrasse der Erde zu kontrollieren, vom Flugplatz aus erreicht man in wenigen Stunden zahllose afrikanische Krisenzonen oder den unruhigen Nahen Osten. Mindestens ebenso wichtig ist allerdings, dass Djibouti als einziger der an den Golf von Aden grenzenden Staaten sogenannte politische Stabilität geniesst. Dafür sorgt der seit 18 Jahren herrschende Präsident Ismail Omar Guelleh mit seinen Sicherheitskräften, die Unruhe erst gar nicht aufkommen lassen. Kein Wunder also, dass sich so viele Militärs aus aller Welt um einen Platz im Wüstensand schlagen.

Sie kamen, um zu bleiben

Der Checkpoint, an dem der Soldat aus Arkansas seinen Dienst versieht, ist der einzige Ort, an dem wir Mike Cartagena treffen können. Der Leutnant darf nicht weiter aus dem Camp heraus – und wir ohne Begleitung nicht weiter hinein. Seit sich eine islamistische Selbstmordattentäterin vor drei Jahren in einem beliebten Restaurant in die Luft gejagt und drei Menschen mit in den Tod gerissen hat, befindet sich Camp Lemonnier vollends im Belagerungszustand – ohne Sondergenehmigung darf kein US-Soldat mehr den Stützpunkt verlassen. «Ich vergleiche unser Camp gerne mit einem Flugzeugträger», sagt Leutnant Cartagena. «Nur dass wir statt im Wasser auf dem Trockenen liegen.»

Fotos dürfen nur mit ausdrücklicher Zustimmung des Presseoffiziers aufgenommen werden. Der Befestigungsring des Camps ist genauso tabu wie die merkwürdigen Flugzeuge mit ihren riesigen Propellern am Rand der Startbahn. Dagegen sind die voll klimatisierten Container freigegeben, in denen derzeit rund 4000 Soldaten leben. Dahinter werden die ersten gemauerten Unterkünfte hochgezogen: ein Hinweis darauf, dass sich die Supermacht hier dauerhaft einrichtet. Kürzlich handelte Washington mit Djibouti eine Verlängerung des Mietvertrags aus: Für jährlich 63 Millionen US-Dollar – statt der bisherigen 36 Millionen – dürfen die US-Streitkräfte bis mindestens 2034 bleiben.

Sie waren nach dem Anschlag auf die New Yorker Twin Towers im Jahr 2001 gekommen, um den Kampf gegen den Terror auf vorgeschobenem Posten zu führen – dass sie 16 Jahre später noch immer hier sein würden, hätte damals wohl keiner für möglich gehalten. Über das Campgelände schlendern immer wieder untypische Gestalten, mit langen Haaren oder Bärten und in Zivil. «Ja, natürlich sind die Specials auch hier», sagt Cartagena und grinst verschwörerisch. Einer der 22 Untermieter im Lager ist der «Joint Special Operations Command» (JSOC): eine verschwiegene Elitetruppe, die sich in einem abgetrennten Lagerbereich auf ihre oft nächtlichen Einsätze in Somalia oder einem anderen Unruheherd des Kontinents vorbereitet.

Auch die «Combined Joint Taskforce» am Horn von Afrika (CJTF-HOA) bleibt uns heute verschlossen. Hier laufen die vom Afrika-Oberkommando der US-Streitkräfte in Stuttgart erteilten Aufträge ein: für Drohneneinsätze im benachbarten Somalia oder im Jemen, Schiffsüberwachung im Roten Meer, gemeinsame Übungen mit ostafrikanischen Truppen oder zu PR-Zwecken gelegentlich auch: Brunnenbohren für die djiboutische Bevölkerung. Dass auch die Taskforce unzugänglich ist, liegt offenbar an der brisanten Lage: Vor wenigen Tagen jagte ein Selbstmordattentäter in Mogadiscio einen mit Sprengstoff gefüllten Lastwagen in die Luft und tötete mehr als 350 Menschen. Der Anschlag war möglicherweise die Rache für einen US-Drohnenschlag, bei dem zwei Monate zuvor zehn Zivilisten in der Heimat des Täters getötet worden sein ­sollen.

Noch während unseres Besuchs antwortet das CJTF-HOA und schickt eine weitere Kampfdrohne nach Somalia: Dieses Mal wird ein nicht näher gekennzeichneter Ort südlich der Hauptstadt Mogadiscio beschossen. Auch andere Einzelheiten des Angriffs werden nicht bekannt. Früher hoben die unbemannten Aufklärungs- und Killermaschinen rund 16-mal am Tag direkt vor dem Camp vom internationalen Airport ab: Doch die djiboutischen Fluglotsen hassten die Reapers (Sensenmänner) oder Predators (Raubtiere) genannten Biester dermassen, dass es zu Crashs kam, einmal sogar mit mehreren Todesopfern. Schliesslich verlegten die US-Streitkräfte ihre Drohnen auf den rund zehn Kilometer ausserhalb der Stadt gelegenen Flugplatz Chabelley: gerade rechtzeitig zum Amtsantritt Donald Trumps, der die Militärs dazu ermunterte, noch mehr Einsätze als bisher zu fliegen.

Bis 10'000 chinesische Soldaten

Will Moynahan hat sich unsere Fragen im Vorfeld schicken lassen: Nun kann der Campkommandant seine Antworten vom Blatt ablesen. Nein, die Ankunft der Chinesen habe in Lemonnier keinen Alarm ausgelöst, sagt der Executive Officer des Camps: Zumindest hier in Afrika sei das Verhältnis zwischen der Supermacht und dem aufstrebenden Reich der Mitte nicht von «Feindseligkeit» bestimmt. In Wahrheit sandte Washington gleich zwei Minister ans Rote Meer, als bekannt wurde, dass sich auch China um einen Platz im Wüstensand bewarb. Djiboutis Regierung blieb allerdings, auf die Souveränität des Landes pochend, hart – gewiss auch bestärkt von der Charmeoffensive, mit der Peking seinen Vorstoss vorbereitet hatte. Chinesische Firmen bauten einen neuen Hafen, renovierten die marode, 750 Kilometer lange Eisenbahnverbindung zum Binnenstaat Äthiopien und verlegten eine Pipeline aus dem äthiopischen Hochland nach Djibouti, um das Wasserproblem des übervölkerten Wüstenstaats zu lösen. Im Februar des vergangenen Jahres konnten die Asiaten mit dem Bau ihres ersten Stützpunkts auf ausländischem Boden beginnen.

Wer gedacht hatte, Festungen seien ein Ding der Vergangenheit, sieht sich in Doraleh eines Besseren belehrt. Auf einem Hügel in Sichtweite des Hafens hat die Volksbefreiungsarmee eine zeitgenössische Kreuzritterburg aus dem Boden gestampft – mit Wällen, Wachtürmen, Blockbauten aus meterdicken Betonwänden sowie einem Stacheldrahtzaun in doppelter Mannshöhe. An einen Festungsbesuch ist nicht zu denken: Major Li Ke hatte unseren Besuchswunsch bereits vor Wochen abschlägig beschieden.

Als Teil eines Überlebenstrainings lernen Soldaten, Ziegen zu schlachten. Foto: Patrick Robert (Corbis, Getty)
Als Teil eines Überlebenstrainings lernen Soldaten, Ziegen zu schlachten. Foto: Patrick Robert (Corbis, Getty)

Zufällig laufen wir später einem US-Offizier über den Weg, der die Eröffnung des chinesischen Stützpunkts Anfang August miterlebt hat. Er zeigte sich vom perfekten Arrangement der Volksbefreier beeindruckt: Die Einladung sei zeitlich auf das Minimum beschränkt gewesen; Fähnchen schwingende Soldaten hätten dafür gesorgt, dass sich die Besucher nicht in unerwünschte Teile des Stützpunkts verirrten. In Djibouti geht das Gerücht um, die Trutzburg sei auch unterirdisch ausgebaut: Im Tiefparterre sollen sich Abhörgeräte und andere Utensilien zur Spionage befinden, heisst es.

Zumindest so viel konnte der US-Offizier trotzdem in Erfahrung bringen: dass es in der Festung weder Zelte noch Container gibt. Sämtlich Unterkünfte seien dauerhaft gebaut. Peking besteht darauf, dass es sich bei dem 3,5 Quadratkilometer grossen Gelände keineswegs um einen militärischen Stützpunkt, sondern um eine logistische Basis handele: Von hier aus sollen vor allem Schiffe versorgt und die chinesischen Mitglieder afrikanischer UNO-Missionen auf ihre Aufgabe vorbereitet werden. Auf die Frage, ob man dazu eine Festungsanlage für bis zu zehntausend Soldaten brauche, blieb Peking eine Antwort bislang schuldig.

Die Bundeswehr im Luxushotel

Capitaine Frederic Graillat trifft seine Besucher vor der «Base aérienne 188». Denn anders als ihre US-Kollegen dürfen sich die französischen Soldaten auch ausserhalb ihrer Kasernen bewegen. Überhaupt sei der Stellenwert Frankreichs in Djibouti mit dem anderer Staaten nicht zu vergleichen, meint der Marineoffizier aus Strassburg. Schliesslich seien französische Soldaten schon seit über 150 Jahren hier stationiert. Tatsächlich verdanken sowohl der Wüstenstaat wie auch die Hafenstadt ihre Existenz dem Militär der einstigen Kolonialmacht: Paris okkupierte 1862 das Westufer des Golfs von Aden, um dem britischen Erzkonkurrenten einen Pfahl ins Fleisch zu setzen.

Die «Entente spéciale» zwischen Frankreich und seiner Ex-Kolonie könne keine andere Nation so schnell gefährden, ist Graillat überzeugt. Schliesslich sprechen die Djiboutier – als einziges Völkchen im Umkreis von mehreren Tausend Kilometern – noch immer Französisch, in den Strassencafés gibt es frische Croissants, sämtliche Satelliten-TV-Programme werden in der Sprache Flauberts angeliefert. Die beiden Staaten haben sogar einen militärischen Beistandspakt geschlossen, der unter anderem vorsieht, dass Frankreichs Soldaten, derzeit rund 1400 an der Zahl, auch ihre 16'000 djiboutischen Kameraden ausbilden. In erster Linie bereiten sie sich allerdings auf ihren Einsatz gegen islamische Extremisten in Westafrika vor.

Eine zeitgenössische Kreuzritterburg: Der Eingang des chinesischen Stützpunkts. Foto: Johannes Dieterich
Eine zeitgenössische Kreuzritterburg: Der Eingang des chinesischen Stützpunkts. Foto: Johannes Dieterich

Da haben die Bundeswehrsoldaten schon bessere Aussichten: Sie können von ihren Zimmern im Fünfsternhotel Kempinski aus auf die Meeresbucht schauen. Derzeit sind rund 60 deutsche Marineflieger in dem Luxushotel untergebracht. Eine Übernachtung kostet 400 US-Dollar. Dafür kann man dann allerdings im Pool planschen, mit dem Feldstecher vom Dach aus das jemenitische Kriegsgebiet erspähen und danach ins Hotelrestaurant gehen, wo freitags zu Ehren der Dauergäste das «German Friday Fest» mit Leberkäse, Sauerkraut und Apfelstrudel für 50 Dollar angeboten wird.

Die Bundeswehrsoldaten kamen vor neun Jahren hierher, um den somalischen Piraten das Handwerk zu legen. Da dies ein eher kurzes Abenteuer zu werden versprach, wollte die Bundeswehr kein eigenes Quartier errichten. Doch die Marineflieger scheinen mit ihrem Aufklärungsflugzeug derart wertvolle Arbeit zu leisten, dass sie auch ohne Piraten noch immer vor Ort sind. Angesichts der Kosten für die Luxusunterbringung würden die deutschen Behörden die Mannschaft lieber ins Camp der Amerikaner verlegen, doch Djiboutis Regierung sträubt sich gegen einen Umzug. Sie möchte die deutsche Kuh noch ein wenig weiter melken, heisst es unter Diplomaten.

«Uns ist es egal, ob einer schwarz, weiss oder Chinese ist, Hauptsache, er zahlt», lacht Nasser Fahmi, Redaktor der staatlichen Nachrichtenagentur: «Djibouti pflegt sich am Unglück anderer zu bereichern.» Immer wieder schaut sich der Journalist im Strassencafé über die Schulter – um sicherzustellen, dass niemand mithört. Die Stadt wird gerne mit Casablanca verglichen: dem von Ingrid Bergman und Humphrey Bogart verewigten Agenten-Mekka des Zweiten Weltkriegs. Hier werde so viel spioniert wie kaum irgendwo anders, ist Fahmi überzeugt. Doch weil in Djibouti jeder jeden kenne, seien auch die Spione bekannt.

Auf dem Weg in die Schuldenfalle

Nur einer kann an den Zuständen im Wüstenstaat nichts Amüsantes mehr finden – ein Geschäftsmann, dessen Familie bereits seit Generationen hier wohnt. Der Unternehmer, der nicht namentlich genannt werden will, sieht seine Heimat im Würgegriff der Chinesen: «Die machen hier mit ihrer übermächtigen Präsenz alles andere kaputt.» Djiboutis Regierung komme es lediglich auf die Mieteinnahmen der Streitkräfte und die angeblichen chinesischen Geschenke an. Dass es sich dabei in Wahrheit um blosse Darlehen handelt, die die Staatsverschuldung explodieren liessen, habe die Bevölkerung noch gar nicht begriffen.

Die Spuren des neuen geheuchelten Reichtums sind am Stadtrand auszumachen: Dort schiesst gegenwärtig eine Villa nach der anderen aus dem Sand. Djibouti selbst hat sich mit seinen Kolonnaden und Strassencafés zwar den Charme französischer Kolonialstädte erhalten – doch der Putz bröckelt, und in den Gassen vertreiben sich vor allem arbeitslose Jugendliche die Zeit. Der unfruchtbare Wüstenstaat habe derzeit die einmalige Chance, aus seiner strategischen Lage ausser Kapital auch Entwicklung zu schlagen, meint der Geschäftsmann: «Doch hier glauben alle nur ans Geld. Und an Djibouti glaubt keiner.»

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