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«Täglich fallen Fassbomben auf Falluja»

Menschenrechtsexpertin Tirana Hassan sagt, nicht nur die Extremisten des Islamischen Staats (IS) begingen Gräuel im Irak, sondern auch schiitische Milizen und Regierungstruppen. Sogar aus der Luft.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft der irakischen Armee rücksichtslose Abwürfe von Fassbomben vor – wie hier in Ramadi in der Nähe von Falluja.
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) wirft der irakischen Armee rücksichtslose Abwürfe von Fassbomben vor – wie hier in Ramadi in der Nähe von Falluja.
AFP
Bombardierung von Wohngebieten in der Stadt Falluja, die seit dem Frühjahr von IS-Kämpfern kontrolliert wird.
Bombardierung von Wohngebieten in der Stadt Falluja, die seit dem Frühjahr von IS-Kämpfern kontrolliert wird.
Reuters
Fassbomben werden auch in Syrien von den Assad-Truppen eingesetzt – wie zum Beispiel in der Stadt Ariha.
Fassbomben werden auch in Syrien von den Assad-Truppen eingesetzt – wie zum Beispiel in der Stadt Ariha.
Reuters
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Sie sind kürzlich aus dem Irak zurückgekommen. Wo waren Sie? Ich war in Arbil. Dort halten sich viele Vertriebene auf, die vor den IS-Milizen geflohen sind. Sie kamen aus Mosul und Falluja, und nun sind Hundertausende Jesiden eingetroffen. Wir können nicht nach Mosul oder Falluja, das ist zu gefährlich. Arbil hingegen ist ein Leuchtturm der Sicherheit. Die kurdischen Behörden verdienen Anerkennung dafür, dass sie so viele Flüchtlinge in ihr Gebiet hineinliessen. Hier können wir mit den Opfern reden.

Was haben Sie erfahren? Als die IS-Milizen Mosul einnahmen (am 10. Juni, die Red.) flohen die Einwohner der Stadt zunächst nicht vor den Übergriffen der Extremisten. Sondern sie flohen massenhaft, weil sie die Luftangriffe der irakischen Armee fürchteten.

Wurden die Islamisten gar nicht als Bedrohung wahrgenommen? Zeugen aus Mosul berichteten, dass sich die IS-Milizen zunächst darum bemüht hätten, die Sympathien der Bevölkerung zu gewinnen, um die Stadt zu kontrollieren. Sie sagten: «Macht euch keine Sorgen.» So gab es zunächst keine Ausgangssperren und keine Kleidervorschriften, die Menschen schienen so weiterleben zu können wie bisher. Erst in den vergangenen Wochen hat sich das dann aber geändert, was man vor allem daran sah, wie die IS-Milizen mit den Christen und den Jesiden umgingen.

Was wissen Sie darüber? Die IS-Milizen markierten die Häuser der Christen. Sie setzten ihnen ein Ultimatum, bis um Mitternacht zum Islam überzutreten. Taten sie das nicht, mussten sie sich «dem Schwert stellen», wie die Islamisten sagen. Sie schrieben das auch auf Flugblätter, die sie in den eroberten Gebieten verteilten.

Und die Jesiden? Sie wurden Opfer einer neuen Offensive, bei der die kurdischen Peshmerga zurückgeschlagen wurden. Die Jesiden flohen auf den Sinjar-Berg, 5000 Jesiden sind immer noch oben. Gruppen von Männern versuchten, ihre Dörfer zu verteidigen. Sie wurden zu Hunderten verschleppt. Angeblich werden sie in Mosul in einem Gefängnis und in einem Sportzentrum festgehalten.

Haben Sie Kontakt gehabt mit Vertretern des IS? Nein, das ist sehr schwierig. Aber sie haben ja einen gewandten Umgang mit der Aussenwelt, vor allem über die sozialen Medien. Also benützten wir diese Kanäle auch. Dafür übersetzen wir alle unsere Berichte auf Arabisch. Wir hoffen, dass sie das sehen. Und sie dürften schon interessiert sein.

Uns erreichen Berichte, wonach die Terroristen Menschen enthaupten oder kreuzigen. Können Sie das bestätigen? Wir haben das nicht direkt gesehen. Aber wir hörten von Gräueln, die IS-Milizen begingen. Ausserdem untersuchen wir gerade eine Massenexekution in Tikrit, bei der 200 Personen hingerichtet wurden. Sie zeigt, wie brutal die IS-Leute vorgehen und dass sie das Kriegsvölkerrecht brechen. Gemäss Zeugen handelte es sich bei den Opfern um Soldaten der irakischen Armee, die aus ihrer Kaserne fliehen wollten. Aber auch andere Milizen begehen gravierende Menschenrechtsverletzungen. Als Reaktion auf den Vormarsch des IS rekrutierte die irakische Führung Milizen zur Verteidigung Bagdads. Die haben grossen Zulauf. Auch diese schiitischen Milizen begehen schlimmste Gräuel.

Schlimmer als jene der IS-Fundamentalisten? Die Schiiten-Milizen gingen zum Beispiel in die Gefängnisse und richteten Hunderte sunnitische Häftlinge hin. Sie marodieren und haben keine Führung, die Verantwortung übernimmt, obwohl sie der Regierung nahestehen und von ihr bewaffnet worden sind. Doch die Beweise für die Menschenrechtsverletzungen liegen vor, Augenzeugen stehen bereit. Die Regierung muss eine Untersuchung einleiten und Rechenschaft ablegen.

Die Streitkräfte der Regierung sind doch verpflichtet, die vom IS besetzten Gebiete zurückzuerobern. Aber sie begehen dabei gravierende Kriegsverbrechen. Vor allem bei Luftangriffen, bei denen Fassbomben abgeworfen werden. Es ist unmöglich, ein Ziel mit einer Fassbombe genau zu treffen. Das ist eine ganz primitive Waffe mit äusserst brutaler Wirkung. Man füllt einfach einen Behälter so gross wie ein Wasserfass mit Sprengstoff. Täglich fallen Fassbomben auf Falluja.

Ist die irakische Luftwaffe überhaupt in der Lage, Luftangriffe zu fliegen? Angeblich stehen ja gar keine Jets zur Verfügung. Jets kamen auch nicht zum Einsatz. Zeugen haben Frachtflugzeuge mit Propellern gesehen. Es scheint, als ob Regierungssoldaten die Fassbomben von Hand aus dem Flieger werfen. Besonders beunruhigend ist das Muster der Angriffe, denn bombardiert werden immer Menschenansammlungen. Die Regierungskräfte glauben, das seien IS-Milizen. Aber oft sind es Zivilsten, etwa auf einem Markt oder vor der Moschee, oder Leute, die für Wasser anstehen. Wir haben mehrere Fälle dokumentiert, bei denen mindesten 75 Zivilisten ums Leben kamen.

Was sagt die Regierung in Bagdad zu Ihren Vorwürfen? Sie scheint sich nicht darum zu kümmern. Im Irak herrscht eine vollständige Kultur der Straflosigkeit, wo jeder eine Carte blanche hat. Aber nur weil in Mosul und Falluja der IS Angst und Schrecken verbreitet, hat die Regierung keine Lizenz zum Töten.

Die US-Streitkräfte unterstützen die irakische Regierung mit Luftschlägen. Gibt es eine Alternative zu militärischer Gewalt, um die Islamisten zu stoppen? Es ist unglaublich schwierig, mit Gruppen wie dem IS zu verhandeln. Aber Human Rights Watch bezieht keine Position in Fragen zu militärischen Interventionen. Wir schauen nur, wie sich die einzelnen Parteien verhalten im Krieg. Die USA haben jedoch immer noch grossen Einfluss im Irak. Und sie können für ihre militärische Hilfe verlangen, dass die Regierung die Minderheiten schützt und die Sunniten gleichberechtigt behandelt. Vor allem die Hauptstadt Bagdad ist sehr verletzlich zurzeit, weil der IS davor steht. Das eröffnet den Amerikanern politische Möglichkeiten, um zu verhindern, dass die Fehler aus der Vergangenheit wiederholt werden. Die internationale Gemeinschaft muss Rechenschaft verlangen von der irakischen Regierung für deren Reaktion auf den IS-Vormarsch. Auch die schiitischen Milizen, die der Regierung nahestehen, müssen ein Thema sein.

Sie waren zuletzt im Südsudan, zuvor in Libyen und in anderen Krisengebieten. Was hat Sie am meisten beeindruckt im Irak? Das enorme Tempo, mit dem diese Krise eskaliert. Jede Woche kommt ein Brandherd dazu, zu dem es keine politische Lösung gibt. Diese Krise ist aber nicht nur verursacht von den IS-Fundamentalisten. Natürlich, sie haben furchtbare Verbrechen begangen. Aber was wir jetzt im Irak erleben, ist die Folge von Jahren konfessioneller Gewalt, in denen permanent die Menschenrechte verletzt wurden. Die Regierung des nun abgetretenen Premiers Nuri al-Maliki hat die Sunniten komplett unterdrückt. Als die IS-Milizen vorstiessen, fühlten sich Teile der sunnitischen Bevölkerung befreit von der Unterdrückung der eigenen Regierung. Andere fliehen in jene Teile des Landes, in denen sie sich sicher fühlen. Die Folge ist, dass der Irak immer mehr fragmentiert ist.

Kann der neue Regierungschef Haidar al-Albadi die Teilung des Landes noch verhindern? Er muss die Unterdrückung einzelner Gruppen stoppen und alle in seine Regierung einbeziehen. Und die jahrzehntelange Kultur der Straflosigkeit muss aufhören. Jetzt ist der entscheidende Moment: Maliki ist weg, und es gibt einen neuen Regierungschef, wie das viele Iraker stets gefordert hatten. Haidar al-Abadi hat eine Wahnsinnsaufgabe vor sich. Doch niemand kann sie ihm abnehmen, das ist der Job der irakischen Regierung.

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