«Sie nehmen dir alles, auch deine Seele»

Der Leidensweg bis zur Rettung war lang. Was geht nun im Kopf vor? Helfer haben Gedanken und Erlebnisse geretteter Migranten aufgezeichnet.

Die Organisation SOS Mediterranée hat die Geschichten von dutzenden Flüchtlingen auf der Aquarius im Juni 2018 aufgezeichnet.

Die Organisation SOS Mediterranée hat die Geschichten von dutzenden Flüchtlingen auf der Aquarius im Juni 2018 aufgezeichnet. Bild: Laurin Schmid/SOS Mediterranée

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Aquarius war bis 2009 als Fischereischutzboot im Nordatlantik im Einsatz. Seit Februar 2016 braucht die Nichtregierungsorganisation SOS Mediterranée das Boot, um Flüchtlinge im Mittelmeer zu retten. «Als hochseetaugliches und robustes Schiff mit viel Platz unter Deck eignet es sich für den ganzjährigen Einsatz als Rettungsschiff im Mittelmeer», schreibt die Organisation auf ihrer Website. Die Aquarius kann bis zu 550 Personen an Bord nehmen. Bei Rettungseinsätzen besteht die Besatzung jeweils aus 22 Personen.

Im vergangenen Juni verweigerte Italiens Innenminister Matteo Salvini der Aquarius, einen italienischen Hafen anzusteuern. Stattdessen solle Malta die mehr als 600 Flüchtlinge aufnehmen, die sich zu jenem Zeitpunkt an Bord des Schiffes befanden. Nach längerem diplomatischem Gezerre erklärte sich schliesslich der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez damit einverstanden, dass die Migranten in die spanische Küstenstadt Valencia gebracht würden.

Im Moment befindet sich die Aquarius im Hafen der südfranzösischen Stadt Marseille, wo sie gewartet wird. Ende Woche soll sie wieder in See stechen.

Symbol des europäischen Migrationsstreits: Die Aquarius im Mittelmeer. Foto: SOS Mediterannée

Zumeist noch an Bord der Aqarius zeichnen Mitarbeiter von SOS Mediterannée die Erzählungen von Flüchtlingen auf, um sie online zu veröffentlichen. Hier sind einige Auszüge. (ben)

Mädchen aus Ghana

«Ich bin 17 Jahre alt und habe meine Familie in Ghana verlassen, weil in unserer muslimischen Tradition ein Mädchen den Sohn ihres Onkels väterlicherseits heiraten muss. Das wollte ich aber nicht. Mein Wunsch war schon immer, zur Schule zu gehen. Wenn du verheiratet bist, kannst du nicht studieren und nicht mal arbeiten. Als Frau ist es nicht leicht in Ghana. Du musst vor dem Schrein der Familie schwören, dass du heiraten und Kinder kriegen wirst. Wenn du das nicht machst, verflucht dich deine Familie und verstösst dich. Meine Mutter wollte nicht, dass ich auf die Strasse gesetzt werde, aber mein Vater hat mir gesagt, dass ich umgebracht würde, wenn ich nicht den Mann heirate, den sie ausgesucht hatten. Er hat mich mit einem Riemen geschlagen, mir gedroht und geschrien: «Wenn du ihn nicht heiratest, töte ich dich!»

Ich habe mein Land Ende Januar 2017 verlassen. Die Reise von Ghana nach Libyen hat drei Wochen gedauert. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig wird. Aber die Reise über das Meer war noch schlimmer als die Wüste. Dort gibt es wenigstens Sand, aber auf See schubsen dich alle, du wirst zerdrückt, und wenn du ins Wasser fällst, kann dir keiner helfen, du stirbst einfach. Wenn in der Wüste der Motor kaputtgeht kann man anhalten und ihn reparieren. Aber es ist gefährlich in der Wüste anzuhalten. Wenn der Laster weiterfährt und du bist nicht wieder oben drauf, dann hilft dir keiner. Ich habe viele Leichen im Sand liegen sehen.

Sie mussten tagelang auf der Aquarius ausharren, weil Italiens Häfen geschlossen blieben: Flüchtlinge im Innern des Bootes. Foto: Laurin Schmid/SOS Meditarannée

Libyer hassen Einwanderer, besonders schwarze. Sie machen Jagd auf Schwarze – es gibt einen richtigen Krieg gegen sie! Wenn ich das Haus verlassen habe, um etwas zu essen zu besorgen, wurde ich immer verfolgt, geschubst, manchmal angefasst. Es ist sehr gefährlich auf die Strasse zu gehen, besonders, wenn du schwarz bist. Am gefährlichsten ist es als schwarze Frau. Ich habe oft gesehen, wie Leute auf einen Lastwagen geladen und weggebracht wurden. Man hat nie wieder etwas von ihnen gehört. Ich habe gesehen, wie Menschen getötet wurden, während sie einfach nur die Strasse entlanggingen. Wenn ich in Italien ankomme möchte ich zu allererst meiner Mutter sagen, dass ich noch lebe. Aber mein Vater soll denken, dass ich tot bin. Ich bin erst 17 Jahre alt. Ich möchte nicht heiraten, ich möchte leben, um studieren zu können!» (7.3. 2018)

Flüchtling aus Somalia

«Sie haben mir die Fussgelenke gefesselt und meine Fusssohlen geschlagen bis ich nicht mehr laufen konnte. Meistens fragten sie dann nach Geld. Wenn du denen kein Geld gibst, foltern sie dich und wenn du es tust, verkaufen sie dich an andere Gruppen, die dich dann in andere Lager bringen. Siehst du diese Narben auf meinem Rücken hier? Da haben sie Plastik angezündet und es auf unseren Körpern schmelzen lassen.» (20. 10. 2017)

Frau aus Syrien

«Die Tage in der Wüste waren furchtbar, schrecklich, wir konnten Leichen im Sand liegen sehen und hatten Angst, dass auch wir sterben würden. Die Kinder waren sehr klein und weinten, weil sie Hunger und Durst hatten. Nach einer Weile konnten sie nicht mal mehr weinen, weil sie zu schwach waren. Wir sind nicht muslimisch, wir sind Christen und in Libyen werden Christen getötet. Libyer halten dich an und prüfen ob du Muslim bist. Sie wollen, dass du Teile des Korans wiederholst. Mein Sohn kennt ihn mittlerweile und hat sich so gerettet. Sie töten dich ohne Grund. In Libyen stirbst du ohne etwas falsch gemacht zu haben. Wir liefen die ganze Zeit verschleiert herum, das Gesicht bedeckt, und wir verliessen kaum das Haus. » (8.8. 2017)


Machen Sie mit bei «Die Schweiz spricht»: Die Aktion bringt Menschen ins Gespräch, die nahe beieinander wohnen, aber politisch unterschiedlich denken.


37-Jährige aus der Elfenbeinküste

«Die Wüste? Du willst mehr über die Reise durch die Wüste wissen? Es war unglaublich schwierig. Alle Frauen werden geschlagen und vergewaltigt. Ich wurde auch geschlagen, sie haben mich nackt ausgezogen… schau dir diese Narben an, das alles haben sie getan. Sie ziehen uns aus und sagen sie wollen all dein Geld, alles was wir haben. Dazu wollen sie sehen, ob wir etwas vielleicht verstecken. Aber so stimmt das nicht, sie wollen uns überall berühren, auch in deinem Intimbereich. Das werde ich nie vergessen.» (23.5.2017)

26-Jähriger aus der Elfenbeinküste

«In Libyen kannst du einen Bewaffneten nicht von einem Polizisten unterscheiden. Das ist eine andere Welt. Überall wirst du diskriminiert. Eine Flasche Wasser kostet für einen Libyer 10 Francs, aber für uns kostet sie 50 Francs. Jederzeit kann irgendwer eine Waffe auf dich richten. Sie sperren dich ein und verlangen Geld. In Libyen kannst du dich bei niemandem über diese Behandlung beschweren. Niemand hat das Recht auf seiner Seite, nur die Libyer. Wir sind für sie eine Ware, sie verkaufen uns wie Sklaven. Auf den Strassen wird ständig geschossen. Sie sammeln die Verletzten ein und werfen sie in die Schlauchboote. Das ist eine Katastrophe!»
(4.4.2017)

Mann aus Guinea

«Jeden Morgen schickten sie uns zur Feldarbeit. Selbst wenn dein Arm oder Fuss gebrochen ist – dann musstest du halt mit deinem anderen Arm arbeiten. Wir bekamen nur einmal am Tag etwas zu essen. Sie haben uns geschlagen, haben uns gefoltert, und jeden Tag kamen sie zu uns reichten uns ein Telefon um unsere Eltern anzurufen um uns Geld zu schicken. Sobald sie sahen, dass eine Familie bereit war zu zahlen, wurde man bevorzugt und bekam anständiges Essen. Wenn nicht, wird man weiterhin schlecht behandelt.

Zwei Männer reinigen sich auf dem Deck der Aquarius. Foto: Laurin Schmid/SOS Meditarannée

Ich habe es geschafft zu entkommen und das Schiff in unter einer Woche erreicht. Ich hatte Freunde die sich in einer ähnlichen Situation befanden und mich ermutigt haben, diese Reise auf mich zu nehmen. Bevor sie uns auf das Boot brachten wurden wir in einem grossen Hof festgehalten und durften von dort nicht weg. Ich wusste nicht wohin das Boot mich bringen würde: erst als ich an Bord war lernte ich, dass wir nach Italien fahren würden. Ich habe nichts für die Reise bezahlt, da ich kein Geld hatte. Sobald wir auf dem Wasser waren bekam ich Angst. Ich würde das nie wieder tun, selbst wenn sie mir das Paradies versprechen.» (25. 7. 2017)

19-Jährige aus Mali

«Es war sehr windig. Das Wasser im Boot stieg immer höher. Die Menschen im Boot hatten Angst. Einige schrien, andere beteten zu Gott. Einige Männer sagten, wir sollen uns nicht bewegen, um das Boot nicht zum Kentern zu bringen. So ging das eine ganze Weile, zwei oder drei Stunden lang vielleicht, keine Ahnung. Dann wurde der Wellengang stärker und das Boot kenterte. Die meisten von uns konnten nicht schwimmen. Durch den Wind wurde das Boot von uns weggetrieben. Die Menschen klammerten sich aneinander fest. Alle schrien.» (9.12.2016)

Flüchtling aus Guinea

«Wenn sich nur nicht immer alle in unsere Politik einmischen würden. Wir Afrikaner müssen eigene Lösungen für unsere Probleme finden. Wir müssen uns selbst regieren. Man zwingt uns ein Regime auf, aber wir haben eine eigene Kultur – man sollte uns machen lassen! In Westafrika werden uns die Machthaber immer von aussen aufgezwungen. Aber um etwas verändern zu können, muss man das Land gut kennen. Ich möchte derjenige sein, der mein Land verändert, oder Teil einer Gruppe sein, die es verändert. Ich hoffe sehr, Sie eines Tages zu mir einladen zu können. Wer weiss, vielleicht entschliessen Sie sich dann ja zu bleiben!» (16.11.2016)

Anfang Juni wurden in nur drei Tagen über 1200 Menschen im Mittelmeer gerettet. Foto: Kenny Karpov/SOS Mediterranée

18-jähriger aus Nigeria

«Libyen für niemanden ein Ort ist, an dem man leben kann. Sie nehmen dir alles, auch deine Seele, und zermahlen sie. Libyen ist ein Ort voller Gewalt, an dem viele Menschen vergewaltigt und ermordet werden. Um der Gewalt zu entkommen, bezahlte mir ein Freund meiner Eltern einen Platz auf einem Boot auf dem Weg zu einem besseren Ort. Irgendwann mitten in der Nacht bestieg einer der hellhäutigen Männer das Boot und sagte uns: ‹Fahrt geradeaus!› Er zeigte auf ein paar Sterne und fügte hinzu ‹Folgt denen ... sie bedeuten Norden, ihr müsst nach Norden, um an Land zu kommen›. Er sagte, dass es drei bis vier Stunden dauern würde, bis wir ankämen. Ich hatte schreckliche Angst, war aber auch erleichtert, dass die Freiheit so greifbar war.» (14.6.2018)

28-Jähriger aus Ghana

«Einmal kam jemand zu mir nach Hause und forderte meine Papiere. Ich zeigte sie ihm, und er riss die Aufenthaltserlaubnis aus meinem Pass, einfach so. Ich wurde auch verhaftet und ins Gefangenenlager gesteckt, und wurde viele Male geschlagen. Libyer sind Nordafrikaner, aber sie nennen uns ‹Afarka› – Afrikaner – und behandeln uns anders. Sie denken, wir seien Hunde. Einmal trug ich zwei Tage lang Handschellen, bevor ich mein letztes Geld nutzte um für meine Freiheit zu zahlen. Gott sei Dank wurde ich nie als Sklave verkauft, aber frei war ich auch nicht. Letzten April fasste ich den Entschluss, nach Europa überzusetzen.» (30.5.2018)

Flüchtling aus Mali

«Ein paar meiner Freunde haben gesagt, dass es besser ist zu ertrinken, als in einem libyschen Gefängnis zu sein. Es ist hart. Wir riskieren unser Leben. Wir ertrinken lieber, als von der libyschen Küstenwache festgenommen zu werden.» (15.1.2018)

35-Jährige aus der Elfenbeinküste

«Wenn sie versuchen, die Menschen davon abzuhalten nach Europa zu kommen, werden sie das nicht schaffen. Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, sind auch bereit, im Meer zu ertrinken. Sie haben nur noch die Hoffnung, dass sie irgendwie gerettet werden.» (4.5.2018) (ben)

Erstellt: 04.09.2018, 08:54 Uhr

Artikel zum Thema

Odyssee von «Aquarius» ist nach einer Woche zu Ende

Video Nach einer 1500 Kilometer langen Irrfahrt auf dem Mittelmeer haben das Hilfsschiff und seine beiden Begleitschiffe in Valencia angelegt. Mehr...

Frankreich will Asylbewerber von der «Aquarius» aufnehmen

Die Odyssee des Flüchtlings-Rettungsschiffs auf dem Weg nach Spanien geht weiter. Wegen schlechten Wetters musste es die Route ändern. Mehr...

Das Gezerre um die Aquarius

Italiens neue Migrationspolitik reisst Gräben auf in Europa. Paris schimpft offen über Rom – und dieses schimpft zurück. Unterdessen sind die 629 Passagiere des Rettungsboots unterwegs nach Valencia. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Fussballinteressiert?

Hintergrundinformationen, Trainerdiskussionen und Pseudo-Expertentum vom Feinsten.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Kein Ball aber viel Rauch: Der Fussballer Tyler Roberts von Wales steht beim Spiel gegen Dänemark in Cardiff im Dunstkreis von einer Fan-Fackel. (17. November 2018)
(Bild: Matthew Childs) Mehr...