Saddams Warnungen

Der irakische Ex-Diktator rechnete mit Terrorgruppen wie dem IS. Das berichtet Ex-CIA-Agent John Nixon, der Saddam Hussein verhörte – und dabei sein Bild revidieren musste.

Saddam Hussein kurz nach seiner Gefangennahme durch amerikanische Truppen, 14. Dezember 2003. Foto: EPA (Keystone)

Saddam Hussein kurz nach seiner Gefangennahme durch amerikanische Truppen, 14. Dezember 2003. Foto: EPA (Keystone)

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John Nixon kannte Saddam Hussein. In- und auswendig, wie er meinte, er sah ihn täglich, ein Foto des Diktators lag auf dem Schreibtisch des CIA-Beamten am Hauptsitz in Langley. Seit er 1998 beim US-Geheimdienst angefangen hatte, verbrachte Nixon seine Tage mit Saddam. «Ich habe ihn jahrelang eingeatmet», schreibt er in seinen Memoiren, die kürzlich in den USA erschienen sind. Bereits seine Masterarbeit an der Georgetown University hatte der Historiker über den irakischen Diktator geschrieben. Im Dezember 2003 traf er ihn dann persönlich: Hussein war in einem Erdloch bei seiner Heimatstadt Tikrit festgenommen worden, und John Nixon – inzwischen in Bagdad stationiert – musste ihn identifizieren. In «Debriefing the President: The Interrogation of Saddam Hussein» schildert er, wie er den gestürzten irakischen Diktator verhört hat und was dabei herausgekommen ist.

Er erkennt ihn sofort

Saddam Hussein ist HVT-1, High Value Target 1, wie es in der CIA-Sprache heisst, «wertvolles Ziel Nummer 1», also der meistgesuchte Mann der Welt. Nun beabsichtigt die US-Regierung von George W. Bush, Saddam der Weltöffentlichkeit vorzuführen. Aber man will sicher sein, dass er es auch ist, es kursiert das Gerücht, ein halbes Dutzend Saddam-Doubles seien unterwegs. Saddam-Spezialist Nixon hält allerdings nicht viel von diesem Mythos, auch Elvis werde immer wieder gesichtet. (Er spricht Saddam später auf den Double-Mythos an, worauf der irakische Diktator lacht: «Nein, es gibt nur einen Saddam Hussein.») Als Nixon erstmals vor dem gefangenen Diktator steht, zweifelt er keinen Augenblick, obwohl Saddam verwahrlost ist: «Ich wusste sofort, dass er es war.» Ein Tattoo des Al-Bu-Nasir-Stamms auf dem rechten Handrücken und die Narbe einer Schusswunde am linken Bein liefern die Bestätigung.

Bildstrecke – Fotoalbum eines Diktators:

Nun muss Agent Nixon seinen Forschungsgegenstand verhören. «Saddam ist eine der charismatischsten Personen, die ich je getroffen habe», schreibt der 55-Jährige. «Selbst als Häftling veränderte er einen Raum, wenn er ihn betrat.» Das Problem ist, dass Nixon seinem Gefangenen nichts in Aussicht stellen kann – beide wissen, was unvermeidbar sein wird: Ein irakisches Gericht wird Saddam Hussein zum Tod verurteilen, seine Verbrechen sind offensichtlich. Er hat Hunderttausende Landsleute umgebracht, einen Krieg gegen den Iran begonnen, dem siebenhunderttausend Menschen zum Opfer fielen, und er hat chemische Waffen eingesetzt. Weshalb also sollte Saddam reden?

Der CIA-Mann hält nichts von Folter

Von Folter hält CIA-Mann Nixon gar nichts, er verzichtet sogar auf einen Lügendetektor, um Saddam nicht zu demütigen. «Es gibt bessere Methoden, um an Informationen heranzukommen.» Saddam Hussein behauptete später vor Gericht, er sei gefoltert worden, was Nixon jedoch «kategorisch ausschliesst». Saddam habe einen Koran, eine arabische Übersetzung der Genfer Konvention und täglich drei Mahlzeiten bekommen – ganz im Gegensatz zu den schiitischen Rebellen, die vom irakischen Geheimdienst Mukhabarat zu Tode gequält worden waren.

Nixon duzt den ehemaligen Staatspräsidenten, daran muss sich Saddam erst gewöhnen. Der CIA-Mann bietet ihm an, seine Sicht der Dinge darzulegen und die im Westen verbreiteten Lügen über ihn auszuräumen. Der geschichtsversessene Ex-Diktator nimmt an, bleibt aber misstrauisch. Und scharfsinnig: Er versucht Nixon und seinen Übersetzer gegeneinander auszuspielen. Dann aber fasst er Vertrauen und geniesst es, wie er sagt, endlich wieder mit jemandem vernünftig reden zu können nach den Wochen im Erdloch. Was als konfrontative Befragung begonnen hat, entwickelt sich zu einem entspannten Dialog, wobei Saddam viel redet, am liebsten über sich selbst und seine historische Rolle in der tausendjährigen Geschichte des Irak. «Er war höflich und selbstironisch, bedankte sich fürs angeregte Gespräch und sagte, er freue sich aufs nächste», erinnert sich Nixon. «Er trat so auf, als seien wir seine Gäste.»

Dabei erfährt Nixon – und wir nun von ihm –, dass Saddam zum Zeitpunkt des US-Einmarschs 2003 die Macht eigentlich weitgehend abgegeben hatte an seinen Vizepräsidenten Taha Yassin Ramadan und an Izzat Ibrahim al-Duri, den General mit dem roten Schnauz. Die beiden Hardliner verpassten es jedoch, den Irak aus der Isolation heraus­zuführen. Saddam schrieb unterdessen lieber Romane, er betrachtet sich als Schriftsteller. Sein Lieblingsbuch ist «Der alte Mann und das Meer» von Ernest Hemingway, ein amerikanisches Buch also. Noch während des US-Aufmarschs sandte er ein Manuskript an den ehemaligen Aussenminister Tariq Aziz zum Gegenlesen. «Saddam erwartete keinen militärischen Angriff», schreibt Nixon. Aber selbst wenn man dies in Washington gewusst hätte, der Krieg wäre nicht abgesagt worden: «Die Bush-Regierung wollte Saddam beseitigen.»

Nixon steht während des Verhörs unter enormem Druck. Washington erwartet nichts Geringeres als den Beweis, dass der Krieg gerechtfertigt war: Wo sind Saddams Massenvernichtungswaffen, mit denen Präsident Bush den Einmarsch begründet hat? Vor allem im CIA-Headquarter in Langley will man eine Antwort, da George Tenet, der CIA-Chef, behauptet hatte, es sei eine «klare Sache», dass der Irak über ein Horrorarsenal verfüge. Doch HVT-1 bleibt bei seiner Aussage, auch nach ungläubigem täglichem Nachfragen: Die Programme für chemische, biologische und atomare Waffen seien bereits in den 1990er-Jahren eingestellt worden. Saddam räumt indes ein, dass er dies zu wenig klar kommuniziert habe. Nixon, der den Irakkrieg befürwortet hatte, beginnt seinem Gefangenen zu glauben und an seiner eigenen Haltung zu zweifeln.

Nicht Saddam verordnete das Giftgas

Überhaupt lernt er sein Studienobjekt erst jetzt in dieser Zelle am Bagdader Flughafen richtig kennen, etwa dass Saddam die Kurden liebte, wie er sagt. Das seien Leute vom Land gewesen, und mit denen sei er immer besser zurechtgekommen als mit den Städtern. Warum dann aber Halabja? Beim Giftgasangriff auf die Stadt im Nordirak 1988, gegen Ende des Kriegs zwischen dem Irak und dem Iran, starben bis zu 5000 Menschen – Halabja gilt als Genozid an den Kurden.

Saddam scheint den Vorfall jedoch zu bedauern, wie Nixon verblüfft feststellt. Es stellt sich heraus, dass nicht der Diktator den Giftgaseinsatz angeordnet hatte, sondern einer seiner Generäle, wie andere Quellen der CIA später bestätigen. Als Saddam von Halabja erfuhr, sei er in Wut ausgebrochen, allerdings nicht wegen des verbrecherischen Einsatzes einer Massenvernichtungswaffe, sondern weil er – zu Recht – befürchtete, dass die internationale Kritik nun auf Bagdad und nicht mehr auf Teheran fokussierte. Als Staatschef trug Saddam jedoch die Verantwortung für Halabja, und die Regierung Bush hatte stets auf den Giftgaseinsatz verwiesen, um den Irakkrieg zu rechtfertigen.

Auch der laut erhobene amerikanische Vorwurf, der Irak stehe hinter den Anschlägen vom 11. September 2001, fällt im Verhörraum in sich zusammen. Was von Anfang an konstruiert gewirkt hat, entpuppt sich als Schimäre. «Weshalb glauben Sie, dass ich es war?», fragt Saddam, der sich als «entschiedener Feind» von al-Qaida bezeichnet. «Schaut doch, wer beteiligt war. Woher kamen die Attentäter? Saudiarabien. Und dieser Mohammed Atta? War er ein Iraker? Nein. Ein Ägypter. Weshalb fragen Sie nicht Hosni Mubarak, wer für den Anschlag verantwortlich ist?» Saddam hatte nach 9/11 einen Beileidsbrief in die USA gesandt. Er nahm an, Amerika und der säkulare Irak seien nun natürliche Alliierte im Kampf gegen Osama bin Laden. Trotz aller Logik – in Washington hatte man längst anders entschieden.

«Ihr werdet scheitern»

Sosehr Saddam die Vereinigten Staaten nicht verstand, so gut kannte er sein eigenes Land: «Ihr werdet scheitern, ihr werdet herausfinden, dass es nicht so einfach ist, den Irak zu regieren.» Nixon wundert sich – es ist erst Dezember 2003, und der Aufstand hat noch nicht richtig begonnen. Saddam bleibt dabei: «Ihr kennt die Sprache nicht, nicht die Geschichte, und ihr versteht die Araber nicht.»

Als ihn Nixon nach seinen gefährlichsten Feinden fragt, überrascht Saddam erneut. Der «Schlächter von Bagdad» nennt nicht, wie bisher angenommen, die schiitische Mehrheit im Land oder den Erbfeind Iran, sondern die sunnitischen Fundamentalisten, also seine Glaubensbrüder. Sie seien deshalb so gefährlich, weil sie eigentlich zu seiner sunnitischen Machtbasis gehören, erklärt Saddam. Es sei schwierig, sie auszurotten, ohne die sunnitischen Stämme im Irak zu brüskieren. Ausserdem würden diese Extremisten finanziell unterstützt von den Wahhabiten in Saudiarabien. «Der Wahhabismus wird sich in der arabischen Welt schneller ausbreiten, als alle erwarten», sagt Saddam über die besonders radikale Form des Sunnismus, die er als «Plage» bezeichnet. «Und der Irak wird das Schlachtfeld sein für all jene, die gegen Amerika kämpfen wollen.»

Heute kontrollieren die sunnitischen Extremisten des Islamischen Staats (IS) – gegründet just in jenen Monaten, als Nixon Saddam verhörte – weite Teile des Irak. Der Aufstieg der Terrororganisation sei eine «Katastrophe», schreibt Nixon, «die die USA nicht hätten erleben müssen, wenn sie bereit gewesen wären, mit einem alternden Saddam Hussein zu leben». Dessen Sturz habe zu einem Machtvakuum geführt, es folgte ein Bürgerkrieg, und heute gilt der Irak als gescheiterter Staat.

Mit einem Saddam an der Macht wäre der sogenannte Arabische Frühling gar nicht erst ausgebrochen, ist Nixon überzeugt. Der darauf folgende arabische Winter mit dem Militärputsch in Ägypten und den Bürgerkriegen in Libyen, im Jemen und vor allem in Syrien wäre ausgeblieben. «Ohne die US-Invasion im Irak», argumentiert John Nixon, «wäre die arabische Welt ruhig, wenn auch frustriert wegen der Diktaturen im Irak, in Syrien, Ägypten und Libyen.»

John Nixon verliess 2011 die CIA. Es sei ernüchternd gewesen, als er realisierte, dass Saddam Husseins Aussagen zum Irak sinnvoller waren als jene des eigenen Präsidenten. Abgesehen davon seien sich die beiden ähnlich gewesen: «Beide waren hochmütig und herrisch, beide hatten wenig Ahnung vom Ausland, und für beide gab es nur Gut oder Böse.» Und beide hätten keinen Widerspruch geduldet und sich mit Kopfnickern umgeben.

George W. Bush hält den Krieg bis heute für erfolgreich. Bei einem der letzten Besuche Nixons im Weissen Haus, sagte der Präsident zum CIA-Analysten: «Es gab Leute, die meinten, ich hätte Saddam besser Saddam sein lassen, und ich bewies, dass sie falsch lagen.» John Nixon wusste, Widerspruch war nicht gefragt. Als er sich aus dem Oval Office verabschieden wollte, kam Bush – bekannt für seinen Schulbubenhumor – nochmals auf ihn zu und sagte grinsend: «Sagen Sie mal, hat er Ihnen nicht gesagt, wo diese Fläschchen mit dem Anthrax stehen?» Die Berater im Oval Office lachten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.01.2017, 22:58 Uhr

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