Russische Söldner stehen vor Tripolis

Mit Unterstützung Moskaus könnte es General Khalifa Haftar gelingen, die Hauptstadt Libyens einzunehmen.

Premier Fayez al-Sarraj inspiziert in Tripolis ein Haus, das von Haftar-Soldaten bombardiert wurde.Foto: Getty Images

Premier Fayez al-Sarraj inspiziert in Tripolis ein Haus, das von Haftar-Soldaten bombardiert wurde.Foto: Getty Images

Paul-Anton Krüger@pkr77

Zuerst fiel es in den Feldlazaretten von Tripolis auf, dass sich an der Front etwas verändert hatte. Seit April, als der Kriegsherr Khalifa Haftar seinen Überraschungsangriff auf die libysche Hauptstadt startete, kamen die Verwundeten der Milizen, die Tripolis verteidigen, meist vor Einbruch der Dunkelheit an. Und sie hatten Verletzungen, die von Splittern der Granaten herrührten, mit denen sich die beiden Seiten aus der Distanz beschossen.

Nun kamen auf einmal mitten in der Nacht Kämpfer, denen man in den Kopf oder in den Brustkorb geschossen hatte, ohne dass die Kugel wieder ausgetreten wäre. Es ist das Markenzeichen der Söldner der russischen Wagner-Gruppe, einer eng mit dem Kreml verbundenen privaten Militärfirma. Das war auch in Syrien und vor allem in der Ostukraine zu beobachten, wo ebenfalls Wagner-Scharfschützen mit Spezialmunition zum Einsatz kamen.

Die Wagner-Söldner sind mit ihrer modernen Militärtaktik den Kriegern mit ihren alten Kalaschnikows weit überlegen.

Offiziell leugnet Haftar den Einsatz ausländischer Söldner, der Kreml gibt sich ahnungslos. Aber der Einsatz der russischen Kämpfer hat das Potenzial, das Patt zu durchbrechen, wie Wolfram Lacher von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin sagt, ein anerkannter Libyen-Experte.

Die Milizen, die aufseiten der international anerkannten Regierung der Nationalen Übereinkunft von Premier Fayez al-Sarraj kämpfen, hätten noch keinen Weg gefunden, den Wagner-Kämpfern militärisch etwas entgegenzusetzen, sagt er. Die Wagner-Söldner bedienen Artilleriegeschütze, Radar- und Luftabwehrsysteme und sind mit ihrer Ausbildung und modernen Militärtaktik den Kriegern der Regierungsseite mit ihren alten Kalaschnikows weit überlegen.

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Libyen spielt bei der Mi­gration nach Europa eine zentrale Rolle. Mehr als 800'000 Ausländer leben dort, viele von ihnen aus anderen Ländern Afrikas. Sie suchen Arbeit, aber der Krieg in Libyen erschwert ihre Situation ungemein. Viele werden Opfer von Schleppern und Menschenhändlern, werden zwangsrekrutiert von Milizen, die im Krieg kämpfen.

Die Lage könnte sich in den nächsten Wochen verschärfen. Haftars Offensive stockte schon wenige Tage nach Beginn. Inzwischen aber erscheint es möglich, dass er die Hauptstadt doch militärisch einnehmen könnte. Im September gab es die ersten Anzeichen für eine Stationierung der Russen. Inzwischen gehen westliche Geheimdienste davon aus, dass mindestens 1300 von ihnen auf Haftars Seite kämpfen, es könnten aber auch 2000 sein.

Die meisten sind nicht an der Front eingesetzt. Sie haben Kampfjets instand gesetzt, Piloten fliegen Luftangriffe mit Suchoi-22-Maschinen, sie koordinieren Raketenangriffe und den Einsatz von Präzisionswaffen, die es zuvor nicht gab im libyschen Bürgerkrieg. Zudem setzt Haftar an der Front Söldner aus dem Sudan und dem Tschad ein.

Längst Stellvertreterkrieg

Der UNO-Sondergesandte Ghassan Salamé warnte im Sicherheitsrat, die wachsende Beteiligung ausländischer Söldner und Militärdienstleister verschärfe die Kämpfe in Libyen. Der Einsatz ausländischer Staaten drohe den der libyschen Konfliktparteien zu übersteigen und den Libyern die Kontrolle über ihr Land zu nehmen. Das Waffenembargo gegen das nordafrikanische Land drohe zum «zynischen Witz» zu werden.

Tatsächlich ist der Bürgerkrieg in Libyen längst zu einem Stellvertreterkrieg geworden, in dem Regionalmächte um geopolitischen Einfluss kämpfen. Haftar, der den Osten des Landes mit der zweitgrössten Stadt Benghazi kontrolliert, erhält Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten, die ungeachtet aller UNO-Resolutionen Waffen liefern und teilweise auch Luftangriffe für Haftars sogenannte Libysche Nationalarmee (LNA) fliegen. Abu Dhabi stellt zudem Kampfdrohnen, die alleine für mehr als 1000 Luftangriffe im Raum Tripolis verantwortlich sein sollen, und moderne russische Pantsir-Luftabwehrsysteme.

Dazu kommen die russischen Wagner-Söldner, gesteuert von Jewgeni Prigoschin, einem engen Vertrauten von Präsident Wladimir Putin. Saudi­arabien sagte Haftar zig Millionen Dollar zu, als er kurz vor seiner Offensive in Riad König Salman und dem Kronprinzen Mohammed seine Aufwartung machte.

Geld kommt aus Katar, politische Unterstützung von Italien.

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron stützt Haftar zumindest politisch, auch US-Präsident Donald Trump telefonierte im April mit ihm, was Haftar als Billigung der USA für seine Pläne wertete. Der 74-Jährige kam mit dem Angriff auf Tripolis einer von der UNO geplanten Friedenskonferenz zuvor, denn Haftar will alle Macht für sich.

Die Milizen der Regierungsseite, vor allem jene aus Mis­ratha, der Hafenstadt am Mittelmeer, bekommen Waffen aus der Türkei, etwa gepanzerte Fahrzeuge und ebenfalls Kampfdrohnen, die allerdings kaum noch zum Einsatz kommen, seit die von den Emiraten gelieferten Luftabwehrbatterien aktiv sind. Geld kommt aus Katar, politische Unterstützung von Italien. Die Präsenz der Wagner-Söldner hat dazu geführt, dass die USA jüngst «angesichts der Versuche Russlands, den Konflikt auszunutzen» ihre Unterstützung für die international anerkannte Regierung von Premier al-Sarraj bekräftigten, die nach Trumps Telefonat mit Haftar infrage stand.

Milizen sollen überlaufen

Leidtragende der militärischen Eskalation sind die Zivilisten. Mehr als 200 sollen durch die Kämpfe ums Leben gekommen sein, insgesamt hat es seit April mehr als 1100 Tote in Tripolis gegeben. 130'000 Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben, etwa genauso viele leben in Gebieten entlang der Front. 270'000 Menschen bewohnen Regionen, die von den Gefechten betroffen sind, wie Salamé dem UNO-Sicherheitsrat berichtete.

Die Befürchtung ist, dass diese Zahlen stark nach oben schnellen, sollte Haftar tatsächlich versuchen, Tripolis einzunehmen. Er setzt darauf, seine Gegner zu zermürben. Zudem hofft er, Milizen zum Überlaufen zu bewegen, denn zwischen den einzelnen Gruppen auf der Regierungsseite gibt es Spannungen. Was sie eint, ist letztlich nur der gemeinsame Feind Haftar.

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