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«Ohne Bart ist das Leben sicherer»

Sie haben es mit übernervösen Soldaten zu tun und werden von Milizen drangsaliert: Aus Angst vor Hetzjagden rasieren sich viele Muslimbrüder in Ägypten ihre Bärte ab.

Leben mit Boykott und Angst: Ein Mursi-Anhänger lässt sich in einem Vorort Kairos rasieren.
Leben mit Boykott und Angst: Ein Mursi-Anhänger lässt sich in einem Vorort Kairos rasieren.
Keystone

Abdel Salam Badr sah keinen anderen Ausweg mehr - er hat sich den Bart komplett abrasieren lassen. Denn seit die Muslimbrüder des entmachteten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi rigoros verfolgt werden, können sichtbare Symbole tiefer Religiosität in Kairo unangenehme Folgen haben.

Die Bartträger in der ägyptischen Hauptstadt haben es nicht nur mit übernervösen Soldaten und Polizisten an den zahlreichen Kontrollpunkten zu tun. Schlimmer noch sind die «Volkskomitees» genannten Stadtteilmilizen und bewaffnete Jugendgruppen, die umherpatrouillieren und willkürlich Menschen drangsalieren, die ihnen verdächtig erscheinen. Auch Frauen mit Gesichtsschleier werden manchmal Opfer solcher Übergriffe.

In Kairo und vielen Grossstädten des Landes hat sich die Mehrheit der Bevölkerung auf die Seite der Armee gestellt. Und die einheimischen Medien, egal ob öffentlich oder privat, heizen die Hexenjagd noch an, indem sie immer wieder Bilder und Filmsequenzen zeigen, auf denen Bärtige zu sehen sind, die das Feuer auf die Soldaten eröffnen, die die Protestcamps der Muslimbrüder räumen.

Muslimbrüder mit Terroristen gleichgesetzt

Quasi in Dauerschleife war das Video eines Mannes mit Bart und Fahne der Jihadisten zu sehen, der Jugendliche von einem Gebäude in Alexandria wirft. Und in den gleichgeschalteten Medien werden die Bezeichnungen «Muslimbrüder» und «Terroristen» inzwischen als Synonyme verwendet.

«Als die Milizionäre mich wegen meines Bartes festhielten, sass ich in einem Sammeltaxi, um die Leiche eines Freundes zum Schauhaus zu bringen», erzählt Badr, ein 29-jähriger Ingenieur, der versichert, selbst keinem Lager anzugehören. «Nur weil ich den Leichnam dabei hatte, bin ich da heil herausgekommen.» In einem staubigen Frisörladen hat er sich sogleich rasieren lassen: «Denn ohne Bart ist das Leben heutzutage sicherer.»

Vollbart und Nikab, ein Schleier, der nur ein Feld für die Augen freilässt, sind die sichtbaren Attribute strenggläubiger Muslime. Aber in Ägypten werden sie heute mit den Muslimbrüdern gleichgesetzt, die den Gesichtsschleier am liebsten zur Pflicht erklärt hätten, als sie an der Macht waren. Die Bärte sind das Erkennungszeichen der Salafisten und gewaltbereiten Islamisten, von denen sich die Muslimbrüder abzugrenzen versuchen.

«Boykotts bärtiger Taxis»

Auch ein westlicher Pressefotograf hat sich seine Haarpracht am Kinn entfernen lassen, weil er auf der Strasse ständig angepöbelt wurde, da ihn die Ägypter für einen Muslimbruder hielten. Ein bärtiger Taxifahrer beklagt sich, dass die Leute bei ihm nicht mehr einsteigen wollen. «Ist das der Beginn eines Boykotts bärtiger Taxis», fragt er sich. Und der Bart tragende Apotheker Mohamed Ibrahim berichtet, dass er Arbeitszeiten und gewohnte Fusswege umorganisiert habe, «um Reibereien mit den Milizen zu vermeiden».

«Die Feindseligkeit der Leute ist schwerer zu ertragen, als die Belästigung durch Polizisten», sagt Mohamed Tolba, ein Anhänger der Salafisten. «Da will man einen muslimischen Ritus beachten und sieht sich konfrontiert mit Hass», bedauert der junge Aktivist, der gerade mit Freunden im Internet eine Serie kleiner Comicfilme gestartet hat, um der Öffentlichkeit ein anderes Bild über Salafismus zu vermitteln.

«Es ist schändlich, wenn sich die Leute jetzt an den Bärtigen auslassen. Das gefährdet das friedliche Zusammenleben unter uns Ägyptern», empört sich Nivin Messad, Professorin für Politische Wissenschaften an der Universität von Kairo. «Das lässt Schlimmes erwarten für unsere Zukunft. Deshalb müssen die Vernünftigen nun eingreifen und solchen Gewalttätigkeiten und der Aufwiegelung dazu entgegen treten», drängt die Politologin.

(AFP)

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