Nur Assad kann den IS zerstören

Vier Jahre nach Beginn des Kriegs in Syrien hält sich das Assad-Regime an der Macht. Nahostforscher Fabrice Balanche nennt die Gründe dafür. Und er erklärt, warum die IS-Jihadisten nur mithilfe Assads zu besiegen sind.

Zermürbende Kämpfe: Soldaten der Freien Syrischen Armee in Aleppo. (7. September 2012)

Zermürbende Kämpfe: Soldaten der Freien Syrischen Armee in Aleppo. (7. September 2012)

(Bild: Keystone)

Warum kann sich Assad in Syrien so lange an der Macht halten? Ein Grund ist die Zersplitterung der Rebellen. Nach Ansicht des Nahostforschers Fabrice Balanche wird sich der Westen im Kampf gegen die IS-Jihadisten mit Assad arrangieren müssen.

Fabrice Balanche

Bei der Bekämpfung der Jihadisten der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) gebe es keine Alternative zu Baschar al-Assad, sagte Balanche im Gespräch mit der Nachrichtenagentur sda. Seit Konfliktbeginn, der sich am 15. März zum vierten Mal jährt, sei er der Meinung gewesen, dass Assad nicht fallen werde.

Die Kämpfe um die syrische Stadt Aleppo haben in den letzten Tagen an Intensität zugenommen. (Video: Reuters)

«Das syrische Regime wird im Innern von Minderheiten sowie Teilen der Sunniten unterstützt, im Äussern kann es auf die Unterstützung Russlands und des Irans zählen», begründet Balanche seine Einschätzung. Im Gegensatz dazu sei die Opposition gespalten – Balanche spricht mit Verweis auf UNO-Angaben von über 1000 Gruppen, in die sich die 150'000 Aufständischen aufteilten.

Zudem setzten sich der Westen, Katar und Saudiarabien als ausländische Unterstützer der Opposition nicht so entschlossen ein wie Moskau und Teheran.

Balanche arbeitet an der Universität Lyon 2 und ist Direktor der Forschungs- und Studiengruppe für Mittleren Osten sowie den Mittelmeerraum. Der Geograf gilt als Syrien-Experte.

Sechs Gründe, warum der Bürgerkrieg in Syrien weitergehen wird

Damaskus Seit vier Jahren tobt in Syrien ein blutiger Bürgerkrieg - sechs Gründe, warum der Konflikt eskaliert und ein schnelles Ende unwahrscheinlich ist.

EINMISCHUNG VON AUSSEN: Das Regime von Baschar al-Assad hat mit Russland und dem schiitischen Iran mächtige Verbündete im Ausland. Teheran unterstützt Damaskus mit Geld und Kämpfern. Zudem kämpft die libanesische Schiiten-Miliz an der Seite Assads. Aber auch die Rebellen erhalten Geld und Waffen aus dem Ausland, unter anderem aus Saudiarabien. So wurde die Krise zu einem regionalen Konflikt.

ASSADS UNNACHGIEBIGKEIT: Der Präsident sagte am Anfang der Proteste Reformen zu - die nie kamen. Stattdessen brandmarkt sein Regime sämtliche Gegner als «Terroristen», auch moderatere Oppositionelle. Viele Kritiker des Regimes sitzen in Gefängnissen. Im Kampf ums Überleben setzt die Armee zudem immer wieder sogenannte Fassbomben ein - Metallbehälter, die mit Sprengstoff und Metall gefüllt sind.

ZERSTRITTENE OPPOSITION: Den Regimegegnern ist es bis heute nicht gelungen, sich zu einen und eine gemeinsame Führung zu bilden. Die Exil-Opposition in Istanbul wird zwar international anerkannt, zeigt sich aber immer wieder zerstritten und hat in Syrien kaum Einfluss. Auch mit der Inlandsopposition aus Damaskus konnte sie sich noch immer nicht auf konkrete gemeinsame Ziele einigen.

KONFESSIONALISMUS: Längst ist der Bürgerkrieg auch zu einem Konflikt zwischen den Konfessionen geworden. Das Regime wird von Alawiten kontrolliert, einer Nebenlinie des schiitischen Islams. Die Alawiten befürchten blutige Rache, sollte Assad stürzen. Auch viele Christen sehen den Präsidenten als ihren Schutzpatron. In den Reihen der Rebellen kämpfen dagegen vor allem Sunniten.

POLITIK DES WESTENS: Die USA und Europa lehnen eine militärische Intervention gegen das Assad-Regime ab. US-Präsident Barack Obama drohte zwar für den Fall des Einsatzes von Chemiewaffen durch das Regime in Syrien mit einem Eingreifen, nahm dann aber doch davon Abstand. Der Westen steht politisch zwar an der Seite der moderateren Rebellen, unterstützt diese aber kaum mit Waffen.

STÄRKE DER EXTREMISTEN: Als die Krise in Syrien eskalierte, dehnte sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) aus dem Irak ins Nachbarland aus. Jetzt kontrolliert sie dort ein Drittel der Fläche. Andere Teile Syriens stehen unter Herrschaft der Nusra-Front, Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida. Moderate Kräfte sind auf dem Rückzug. Die von den USA unterstützte Harakat Hasm löste sich vor kurzem auf.

Das Zögern der USA in Syrien erklärt Balanche unter anderem damit, dass die USA um jeden Preis die staatlichen Institutionen in Syrien erhalten wollen, damit es nach einem Regimewechsel nicht zu einem ähnlichen Chaos kommt wie in Libyen.

Seit die USA im vergangenen Jahr den Kampf gegen den IS aufgenommen hätten, sei nur noch die Rede davon, Assad zu isolieren, aber nicht mehr davon, ihn zu stürzen, sagte Balanche. Die USA hätten keine Alternative zu Assad. Die Beteuerung, dass Assad nicht Teil der Problemlösung sei, wertet Balanche als Konzession an die öffentliche Meinung.

«Die Kurden werden nicht im Süden kämpfen»

Wahr sei, dass die USA den moderaten Rebellen nicht vertrauten, sagte Balanche. Diese seien geschwächt und hängten von den Jihadisten des IS und der Al-Quaida-nahen Al-Nusra-Front ab. «Selbst wenn der IS verschwinden würde, wären sie keine militärische und politische Alternative zu Assad.»

Die von den USA geplante Ausbildung von rund 5000 moderaten syrischen Rebellen in der Türkei taxiert Balanche als Tropfen auf den heissen Stein. Gegen die 50'000 IS-Kämpfer in Syrien werde dieses Kontingent kaum ins Gewicht fallen.

Auch die Unterstützung der Kurden, wie im Norden Iraks, bringe nicht die Lösung: «Die Kurden wollen eine autonome Region im Norden Syriens analog jener im Nordirak aufbauen. Sie werden aber nicht im Süden kämpfen», sagte Balanche.

Flüchtlinge wollen heimkehren

Die Mehrheit der Bevölkerung wünscht sich laut dem Forscher mittlerweile nichts mehr als Frieden und Sicherheit, um in ihre Heimat zurückkehren zu können. Bei Besuchen in der Türkei und im Libanon im vergangenen Jahr habe er bei vielen Flüchtlingen einen Meinungswandel festgestellt: Hätten sie im Voraus gewusst, was passieren würde, hätten sie sich nicht darauf eingelassen, sagten diese.

Die «Nationale Syrische Koalition», die massgebende Organisation der Opposition im Exil, werde von vielen Mitgliedern mittlerweile «Nationale Koalition Sheraton» genannt - weil sie hauptsächlich Tagungen in grossen Hotels, wie jenen der Sheraton-Kette, abhält.

«Man muss sich in Syrien auf die syrische Armee abstützen können wie im Irak auf die irakische.» Nahostforschers Fabrice Balanche

Derzeit vermeiden Assad und der IS laut Balanche die direkte Konfrontation. Der Forscher beschreibt das Verhältnis als «Gentlemen's Agreement»: Assad wende sich vor allem gegen die moderaten Rebellen, «weil diese eine Alternative zu seiner Macht bieten» könnten.

Der IS verzichte derweil auf Attacken gegen Assad, weil er sonst im Anschluss eine Niederlage gegen die vom Westen unterstützten moderateren Aufständischen riskiere. Irgendwann werde aber die direkte Konfrontation unausweichlich sein.

Assad könnte nach Balanches Ansicht dann gegen den IS vorgehen, wenn der Westen im Gegenzug nicht mehr auf seinen Sturz hinarbeitet. Im Prinzip sei ein solcher Handel sogar schon vorgespurt worden, als die USA im Herbst 2013 im Austausch gegen Assads Chemiewaffen auf eine Intervention verzichtet habe, sagte Balanche weiter.

Aber um den IS sowohl in Irak wie auch in Syrien zu besiegen, führt aus Balanches Sicht praktisch kein Weg an Assad vorbei.

bru/sda

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