Nun droht noch ein Krieg

Israel will verhindern, dass sich iranische Soldaten in Syrien festsetzen. Sicherheitsexperten empfehlen einen Präventivangriff auf das Nachbarland.

Israel ist gerüstet: Mobiles Raketenabwehrsystem auf den Golanhöhen. Foto: Atef Safadi (EPA, Keystone)

Israel ist gerüstet: Mobiles Raketenabwehrsystem auf den Golanhöhen. Foto: Atef Safadi (EPA, Keystone)

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Frustriert, verärgert, enttäuscht, so ist die Stimmung unter israelischen Militärs, Sicherheitsberatern und Politikern. Die USA, Frankreich und Grossbritannien haben am Wochenende begrenzte Luftschläge durchgeführt, die ausschliesslich Syriens Chemiewaffenarsenal zum Ziel hatten. Für Israel ist die Anwesenheit iranischer Soldaten dort dagegen mindestens so bedrohlich. «Wir können nicht zulassen, dass Syrien in ein iranisches Armeelager verwandelt wird. Das ist etwas anderes als das Problem mit den Chemiewaffen», sagt der für Infrastruktur zuständige Minister ­Yuval Steinitz über die Prioritätenlage.

Vergeblich hatte Premier Benjamin Netanyahu seinem Freund Donald Trump in den USA empfohlen, auch iranische Stellungen ins Visier zu nehmen. Kurz vor den Angriffen in Syrien war ­Israel noch mit der bis dahin zurückgehaltenen Meldung an die Öffentlichkeit gegangen, dass eine am 10. Februar über Israel abgeschossene iranische Drohne mit Sprengstoff bestückt war. Das war das erste Mal, dass der Iran direkt in Israel agierte und nicht die Hizbollah aus dem Libanon vorschickte.

Trump hört nicht auf Netanyahu

Auch Hizbollah-Chef Hassan Nasrallah sagte bereits, Israel stehe «direkt im Kampf mit dem Iran». Das war nach einem Luftangriff der Israelis auf den syrischen Luftwaffenstützpunkt T-4 am 9. April, für den Russland Israel entgegen den üblichen Gepflogenheiten ­öffentlich verantwortlich gemacht hat. Laut der iranischen Nachrichtenagentur Tasnim, die als Sprachrohr der Iranischen Revolutionsgarden gilt, wurden dabei sieben Iraner getötet. Ein hochrangiger israelischer Militärvertreter sagte der «New York Times», neben militärischen Einrichtungen seien die Iraner das eigentliche Ziel gewesen.

Dennoch verhallten die Appelle Netan­yahus in den USA ungehört. Israel sei nun auf sich allein gestellt, so die Erkenntnis in Jerusalem und Tel Aviv. Bei einem Briefing in Washington sei der Iran nur ein-, zweimal erwähnt worden, Russland dagegen 50-mal. Da wurde genau gezählt. Die kurzzeitige Erleichterung nach der Ankündigung von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, er habe Trump überzeugt, die US-Truppen doch länger in Syrien zu lassen, verflog nach der Klarstellung von Trumps Sprecherin in der Nacht zum Montag: Die US-Soldaten sollen möglichst rasch nach Hause gebracht werden.

Israel sei nun auf sich allein gestellt, so die Erkenntnis in Jerusalem.

Viele israelische Experten halten es für nicht ausreichend, mit Luftschlägen den wachsenden Einfluss des Irans in Syrien einzudämmen. Einige sprechen bereits offen von einem baldigen neuen Krieg, so etwa der frühere Sicherheitsberater Yaakov Amidror. Der Ex-General hält einen Krieg gegen die Hizbollah für unvermeidlich, es müssten sogar wieder Bodentruppen in den Süden des Libanon geschickt werden.

Noch einen Schritt weiter geht sein Kollege Chuck Freilich. Die Armee müsse sicherstellen, dass sich der Iran nicht an Israels Grenzen festsetzen könne mit Stützpunkten für die Luftwaffe, Bodentruppen und Schiffen – selbst wenn der Preis dafür ein Krieg gegen Syrien sei. Auch Luftschläge im Iran sollte Israel nicht ausschliessen.

Der Iran ist in Syrien direkt militärisch beteiligt mit Soldaten des regulären Militärs, vor allem aber mit Beratern und Spezialeinheiten der für Auslandseinsätze zuständigen Quds-Bridgaden der Revolutionsgarden – al-Quds ist die arabische Bezeichnung für Jerusalem, «die Heilige». Sie gehören zu den Eliteeinheiten des iranischen Sicherheits­apparates. Ihre Hauptaufgabe ist es, eingebettet in Einheiten der syrischen Armee, deren Kampfkraft zu verbessern. Sie fungieren auch als Kommandanten der vom Iran rekrutierten schiitischen Milizen in Syrien. Zehntausende afghanische, pakistanische und irakische Söldner kämpfen dort aufseiten der Regierung von Präsident Bashar al-Assad.

Israel verlangt Pufferzone

Zugleich aber versuchen die Garden, in Syrien eigene Stützpunkte aufzubauen und offenbar auch Produktionsanlagen für Waffen, massgeblich Raketen mit grösseren Reichweiten, die Ziele auch tief in Israel präzise treffen könnten. Mehrere Einrichtungen wurden zum Ziel von Bombardements, die ebenfalls Israel zugeschrieben werden. Die Revolutionsgarden sollen ebenso in Syrien präsent bleiben wie die Hizbollah, die 1982 von ihnen extra für den Kampf gegen Israel gegründet worden war. Die Miliz hat etwa 10'000 Kämpfer in Syrien stationiert.

Was Israel besonders irritiert: Hizbollah-Einheiten und Revolutionsgardisten sind, gestützt auf Vereinbarungen zu einer von Russland vermittelten Deeskalationszone, im Süden Syriens an manchen Stellen bis auf wenige Kilometer an die demilitarisierte Zone auf den Golanhöhen herangerückt und haben befestigte Stellungen errichtet. Israel fordert eine Pufferzone von 40 Kilometern, hat damit aber weder in Moskau noch in Washington Gehör gefunden.

In Israel fürchtet die Regierung nun, dass diese Stellungen bald unter dem Schutz einer modernisierten syrischen Luftabwehr liegen könnten. Russland hat nach den Angriffen vom Wochenende angekündigt, die Lieferung von weiteren moderneren S-300-Batterien an die syrische Armee in Erwägung zu ziehen. Damit würde es für Israel deutlich riskanter, Luftangriffe im Nachbarland zu fliegen. Russland hat israelische Angriffe auf Ziele in Syrien bisher unbeantwortet gelassen, obwohl es den Luftraum mit zwei S-400-Systemen kontrolliert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 22:26 Uhr

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