Nigerias zerstörte Kinder

Im westafrikanischen Land verüben Mädchen, die von Boko Haram entführt worden sind, fast täglich Selbstmordanschläge. Jenen, die der Terrorsekte entkamen, schlägt Hass und Misstrauen entgegen.

Eines der 21 von Boko Haram freigelassenen Mädchen trägt bei einer Präsidentenvisite in Abuja, Nigeria, sein Baby auf dem Arm. Foto: Afolabi Sotunde (Reuters)

Eines der 21 von Boko Haram freigelassenen Mädchen trägt bei einer Präsidentenvisite in Abuja, Nigeria, sein Baby auf dem Arm. Foto: Afolabi Sotunde (Reuters)

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Für einen im Kriegsgebiet gelegenen Tierpark sieht der Zoo von Maiduguri überraschend aufgeräumt aus. Ein Elefant steht im Schatten eines blätterlosen Baumes, ein Löwe brüllt aus Langeweile, zwei Schimpansen klettern den Drahtzaun ihres Geheges auf und ab. Mitten in der Hauptstadt der nigerianischen Borno-Provinz, in der seit Jahren einer der am grausamsten geführten Konflikte dieser Welt tobt, pflegen sich im Zoo junge Liebespaare zu treffen, um Händchen zu halten.

Ausländischen Reportern dient der Zoo als Treffpunkt, in dem sich Kinder sicher genug fühlen, um ihre schaurigen Geschichten erzählen zu können. Fatima (9), Mohamed (12) und Muna (18) sitzen auf einer Bank neben der Schlangengrube und halten sich krampfhaft an ihren Limonadenflaschen fest, während sie von der Verschleppung durch die Boko-Haram-Sekte, von ihren verschwundenen Eltern, den Auspeitschungen und einem Soldaten berichten, der vor ihren Augen «geschlachtet» worden sei. Maiduguri, sagt unsere Übersetzerin, war einst «die friedlichste Stadt der Welt».

Kein erwachsener Attentäter

Wenige Kilometer entfernt, neben dem sandigen Polo-Platz, ein paar Stunden zuvor eine ganz andere Szene. Zwei Mädchen versuchen, mit um den Leib gebundenen Sprengsätzen in eine zum Frühgebet gefüllte Moschee zu gelangen, werden von einem aufmerksamen Mann jedoch kurz vor dem Eingang gestoppt. Eines der rund 15-jährigen Mädchen zündet seinen Sprengstoffgürtel und reisst ausser sich selbst auch seine Kameradin in den Tod. Wie durch ein Wunder werden nur fünf Beistehende verletzt – bei einem ähnlichen Anschlag vor eineinhalb Jahren starben am selben Ort mehr als 20 Menschen. Der heutige Anschlag war der 30. seiner Art in diesem Jahr.

Die Behauptung der Regierung, die Boko-Haram-Sekte besiegt und die Provinz unter ihre Kontrolle gebracht zu haben, wurde von den ständigen Explosionen längst in Stücke gerissen. Nach Angaben des UNO-Kinderhilfswerks Unicef wurden seit der Entführung der Schülerinnen aus dem Städtchen Chibok mehr als 120 Kinder zu sogenannten Selbstmordattentaten missbraucht. In über 80 Prozent der Fälle handelte es sich um minderjährige Mädchen – wohlgemerkt, kein einziger erwachsener Mann weit und breit.

Damals, fast auf den Tag genau vor drei Jahren, waren 276 christliche Maturandinnen aus den Schlafsälen ihres Internats verschleppt worden: Die Massenentführung machte über den Twitter-Hashtag #BringBackOurGirls weltweit Schlagzeilen. Während rund 50 Schülerinnen noch in derselben Nacht die Flucht gelang und 21 weitere im Herbst des vergangenen Jahres nach Verhandlungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) entlassen wurden, fehlt vom Rest der Mädchen noch immer jede Spur.

Sie kamen am frühen Morgen

Selbst die Entlassenen werden von der Armee seit Monaten abgeschottet. Nur an Weihnachten durften einige von ihnen kurz ihre Familie in Chibok besuchen. Man könne nicht sicher sein, ob die islamistischen Extremisten mit ihren Indoktrinierungsprogrammen nicht erfolgreich gewesen seien, sagt das Militär zur Begründung. Hunderte, wenn nicht gar Tausende von Frauen und Kindern, die ebenfalls in die Hände von Boko Haram geraten waren, befinden sich deshalb in einer Art Observierungshaft der Soldaten.

Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch wurden während des achtjährigen Konflikts weit über 2000 Frauen und Kinder von den Extremisten als Geiseln genommen. Unter ihnen Muna, Mohamed und Fatima, deren eiserner Griff um die Limonadenflaschen sich nur allmählich etwas lockert.

Sie hatten noch geschlafen, als die Milizionäre eines frühen Morgens im Januar 2015 ihr Dorf Daban Waya im äussersten Nordosten des Landes angriffen. Bei den ersten Schüssen rannten die Kinder aus dem Haus und in die Büsche. In der allgemeinen Aufregung verloren sie ihre Eltern, die sie seitdem nicht wieder zu Gesicht bekommen haben. Unter Munas Führung schlugen sich die Geschwister in Richtung des Nachbarstaats Tschad durch. Doch als sie in einem Kanu einen Arm des Tschadsees überqueren wollten, wurden sie von Kämpfern der islamistischen Sekte aufgegriffen. «Sie erschossen den Bootsbesitzer», sagt Mohamed und schaut abwesend vor sich in den Sand.

Geschwister getrennt

Die Extremisten brachten ihre Beute in ein Camp, das eher einem totalitären Umerziehungslager als der Basis einer Kampftruppe glich. Die drei Geschwister wurden getrennt: Fatima musste Wasser oder Holz holen, während Muna einem der Kämpfer als «Ehefrau» zugeführt wurde. Suchte das Mädchen dessen Begehrlichkeiten auszuweichen, sei sie verprügelt worden, erzählt die damals 16-Jährige leise: «Das einzig Gute an ihm war, dass er mir immer mal wieder etwas zu Essen abgab.» Unterdessen musste Mohamed das Camp bewachen und zunächst mit einem Holzgewehr, später mit einer echten Kalaschnikow exerzieren.

Als Fatima eines Tages den Koran-Unterricht verpasste, wurde sie vor versammelter Mannschaft ausgepeitscht. Selbst die Erinnerung schmerzt sie so sehr, dass sie gekrümmt fast von der Bank neben dem Schlangengehege rutscht. Ihr Bruder erzählt schliesslich, wie sie alle den Tod eines gefangenen Soldaten mitansehen mussten. Dieser wurde gefragt, ob er sich der Sekte anschliessen oder lieber sterben wolle. Lieber sterben, sagte der Soldat, bevor sie ihm die Kehle durchschnitten.

Muna will mitbekommen haben, wie Mädchen auf Selbstmordanschläge vorbereitet wurden. Dafür seien allerdings nur Verschleppte infrage gekommen, die bereits längere Zeit unter den Milizionären lebten. Ihnen sei die sofortige Aufnahme ins Paradies, bleibender Ruhm als Märtyrerin sowie materieller Segen für ihre irdische Familie versprochen worden. Anderen Berichten zufolge werden die Selbstmordkandidatinnen auch mit Drogen gefügig gemacht. Eines der wenigen Mädchen, das sich vor der Zündung seines Sprengsatzes noch eines Besseren besann, habe sich kaum auf den Beinen halten können, berichtet ein Offizier. Manche der «Selbstmordattentäterinnen» wüssten vermutlich nicht einmal, dass sie in die Luft gesprengt würden, fügt der Militär hinzu. Die Extremisten liessen sie im Glauben, dass sie lediglich Sprengstoff von einem Ort zum anderen bringen müssten, der dann aus der Ferne gezündet werde.

Für weniger Glückliche hört die Tortur selbst nach ihrer Befreiung nicht auf.

Muna, Mohamed und Fatima gelang schliesslich, was nur wenige schafften – die Flucht. Dieses Mal konnten sie die Grenze in den Tschad ungehindert überqueren: Dort harrten sie mehr als ein Jahr lang in einem Flüchtlingslager aus. Diesem Umstand ist zu verdanken, dass die Geschwister heute in relativer Freiheit in einem Lager für Vertriebene in Maiduguri leben können: Für weniger Glückliche hört die Tortur selbst nach der Befreiung aus der Hand der Extremisten nicht auf. Nigerias Militär meint sich nicht sicher sein zu können, ob die befreiten Geiseln nicht zuvor erfolgreich in Killermaschinen verwandelt wurden. Allein in Maiduguris Giwa-Kaserne werden derzeit bis zu 4000 vermeintliche Boko-Haram-Mitglieder und Ex-Entführte festgehalten, darunter zahllose Frauen und Kinder.

Die wachsende Zahl der sogenannten Selbstmordattentate scheint den Militärs recht zu geben: In Maiduguri vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendwo zwei Mädchenkörper in Stücke gerissen werden. Gestern in einem Flüchtlingscamp, heute vor der Moschee nahe dem Polo-Platz, am nächsten Tag am Eingang zur Universität.

Mädchen nicht verdächtigt

Warum die Jihadisten am liebsten junge Mädchen als lebende Bomben missbrauchen, ist kein Geheimnis: Sie ziehen den geringsten Verdacht auf sich, während sich unter ihren langen Gewändern bestens Sprengstoffladungen verbergen lassen. Junge Frauen prüfenden Blickes anzustarren, gilt ausserdem auch unter Muslimen als anstössig. Sie einer peinlichen Leibesvisitation zu unterziehen, wurde bis vor kurzem gar noch vermieden. Über die Identität der Attentäter ist dagegen kaum etwas bekannt. Ob womöglich auch Entführte aus Chibok darunter waren, weiss keiner.

Eines der wenigen Mädchen, das es sich im letzten Moment doch noch anders überlegte, berichtete, von ihrem eigenen Vater zu der mörderischen Tat überredet worden zu sein. «Selbst wenn sie töten, sind sie nicht Täter, sondern Opfer», ist der Chef des Unicef-Büros in Maiduguri, Geoffrey Ijumba, überzeugt: «Diese Kinder werden auf die schrecklichste Weise missbraucht.»

Um Missbrauch handle es sich allerdings auch, wenn die Minderjährigen selbst nach ihrer Befreiung aus der Hand der Extremisten noch festgehalten würden, meint die nigerianische Human-Rights-Watch-Direktorin Mausi Segun: Für ihre Internierung gebe es «keinerlei rechtliche Grundlage». Nigerias Sicherheitskräfte, die sich ohnehin zahllosen Vorwürfen von Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt sehen, leisteten damit der wachsenden Paranoia Vorschub, die die Rehabilitation befreiter Entführter und ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft fast unmöglich mache.

«Selbst wenn sie töten, sind diese Kinder nicht Täter, sondern Opfer. Sie werden schrecklich missbraucht.»Geoffrey Ijumba, Chef von Unicef Maiduguri

Muna weiss aus eigener Erfahrung, wie schmerzlich es ist, wenn man als «Terroristenbraut» denunziert wird, und die aus den Zwangsehen mit Boko-Haram-Kämpfern hervorgegangenen Kinder werden mit noch grösserer Ablehnung konfrontiert. Unicef-Mann Ijumba weiss von Jugendlichen, die lieber hinter Gitter zurückkehren wollen, als sich dem Hass und Misstrauen ihrer Nachbarn auszusetzen. Nicht auszuschliessen sei, dass dermassen Gebrandmarkte zurück in die Hände der Extremisten getrieben würden.

Fatima Akilu, Gründerin der nigerianischen Neem-Stiftung, sieht ihr Land noch lange nicht zur Ruhe kommen, selbst die Milizionäre doch besiegt würden. Für die Psychologin ist der Extremismus im nigerianischen Nordosten zwei Faktoren zuzuschreiben: erstens dessen jahrzehntelanger Marginalisierung und zweitens einer Zunahme der Gewalt zwischen der Staatsmacht und den radikalisierten Mitgliedern der Boko-Haram-Sekte – die Religion derweil sei lediglich ein «Gefäss für deren Wut». Die wachsenden Grausamkeiten der vergangenen Jahre habe die Bevölkerung auf eine kaum vorstellbare Weise traumatisiert, sagt Akilu. Kinder brachten ihre Eltern um, unzählige Familien zerbrachen, die Rate von auch ohne Sprengstoffgürtel durchgeführten Suiziden nimmt dramatische Ausmasse an. Akilus Neem-Stiftung bietet ehemaligen Opfern Traumaberatung und ehemaligen Tätern «Entradikalisierungskurse» an. «Wenn wir jetzt nichts tun», sagt die Psychologin, «wird der Irrsinn siegen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2017, 21:29 Uhr

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