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«Krieg gegen IS kann lange dauern»

Die USA und arabische Verbündete haben mit Luftangriffen in Syrien begonnen. Wie könnte der Krieg gegen die Jihadisten verlaufen? Was sind die Probleme? Einschätzungen von Nahost-Experte Günter Meyer.

Luftangriffe gegen die IS-Jihadisten: Amerikanische Kampfjets auf dem Kriegsschiff USS George H.W. Bush im Persischen Golf.
Luftangriffe gegen die IS-Jihadisten: Amerikanische Kampfjets auf dem Kriegsschiff USS George H.W. Bush im Persischen Golf.
Keystone

Die USA und fünf arabische Verbündete haben die Terrormiliz IS erstmals auch in Syrien angegriffen. Wie überraschend ist die arabische Beteiligung an den Luftangriffen der Amerikaner? Die USA und die Staaten des Golfkooperationsrates sowie Jordanien und der Libanon haben zwar ein Militärabkommen für den Kampf gegen den Islamischen Staat abgeschlossen. Es deutete aber wenig darauf hin, dass die sunnitischen Länder selber militärisch gegen die sunnitischen Extremisten vorgehen werden. In welcher Form Saudiarabien, Katar, Vereinigte Arabische Emirate, Bahrain und Jordanien sich an den amerikanischen Luftangriffen beteiligt haben, ist unklar. Vielleicht stellten sie nur ihre Militärbasen zur Verfügung. Vielleicht sind es nur Lippenbekenntnisse.

Der Zeitpunkt für den Auftakt der Luftangriffe in Syrien dürfte kein Zufall sein. Sie erfolgten kurz vor Beginn der UNO-Generalversammlung in New York, wo US-Präsident Barack Obama die Welt auf den Kampf gegen IS einschwören will. US-Präsident Obama strebt eine möglichst breite Anti-IS-Allianz an. Die Luftangriffe der letzten Nacht haben eine wichtige symbolische Bedeutung. Das gilt im Speziellen auch für die gesamte politische Situation der Arabischen Halbinsel sowie für die amerikanische Innenpolitik. Der US-Kongress machte die Bewilligung von 500 Millionen Dollar für die Ausbildung und Ausrüstung von Anti-IS-Kämpfern von der Teilnahme arabischer Staaten abhängig.

Wie sind die Luftangriffe in Syrien strategisch einzuordnen? Können sie wirklich den Anfang vom Ende des IS bedeuten? Das kann durchaus sein. Die militärische Infrastruktur des IS ist bereits erheblich getroffen worden. Die Dimension der ersten Luftangriffe in Syrien ist deutlich grösser als bei den bisher rund 200 Einzelattacken im Irak. Die Amerikaner setzten nicht nur Kampfjets und Bomber ein, sondern auch im Roten Meer und im Persischen Golf stationierte Kriegsschiffe, die Tomahawk-Marschflugkörper auf IS-Ziele in Syrien abfeuerten. Angegriffen wurden insbesondere Kommandozentralen und Nachschublinien vor allem in den Städten entlang des Euphrattals, von Abu Kamal bis Raqqa, wo sich das Hauptquartier des IS befindet. Die Luftangriffe der Amerikaner galten aber auch der Terrorgruppe Khorasan, die laut Geheimdiensterkenntnissen eine direktere Bedrohung für amerikanische Interessen darstellt. Khorasan ist eine al-Qaida-nahe Untergrundorganisation, die Anschläge auf US-Einrichtungen plant.

Die Luftangriffe der US-Allianz in Syrien sind aus völkerrechtlicher Sicht umstritten. Damaskus hätte seine Einwilligung geben müssen. Damaskus, aber auch Teheran und Moskau hatten erklärt, dass amerikanische Luftangriffe ohne Einwilligung der syrischen Regierung ein Verstoss gegen das Völkerrecht wären. Trotzdem liess man die Luftangriffe geschehen. Die Amerikaner hatten kurz vor den Luftangriffen den syrischen UNO-Botschafter in New York informiert. Insofern wusste die syrische Regierung Bescheid, und sie verzichtete auf den Einsatz ihrer russischen Boden-Luft-Raketen. Die Luftangriffe gegen den IS sind nicht zuletzt auch im Interesse der Regierung von Bashar al-Assad.

Werden sich im Krieg gegen den IS noch andere Länder an den Luftangriffen in Syrien beteiligen? Australien hat bereits Kampfflugzeuge in die Vereinigten Arabischen Emirate verlegt. Und die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass auch Grossbritannien und Frankreich bei den Luftangriffen gegen den IS in Syrien mitmachen werden.

In der Koalition der Willigen gegen die Jihadisten in Syrien und im Irak fehlen wichtige Regionalmächte wie die Türkei und der Iran. Können die USA diese Länder für die Anti-IS-Allianz noch gewinnen? Es gibt Gerüchte, dass die Amerikaner den Iranern bei den Atomverhandlungen entgegenkommen könnten. Bei den Atomgesprächen mit dem Iran haben die USA bereits gewisse Zugeständnisse gemacht. Es bleibt nun abzuwarten, wie weit diese Konzessionen tatsächlich gehen. Bei diesem Thema spielen auch Israel und die israelische Lobby in den USA eine Rolle. Auch Saudiarabien hat kein Interesse an einer Stärkung des Iran. Unabhängig von den Atomgesprächen beteiligt sich der Iran bereits am Kampf gegen den IS.

Wie denn? Der Iran unterstützt mit Waffen und militärischen Beratern sowohl die irakische Regierung als auch die schiitischen Milizen und die Peshmerga im Irak. Aufklärungsergebnisse der USA werden dabei nicht nur gegen den IS im Irak eingesetzt, sondern auch dem Assad-Regime zur Verfügung gestellt. Dank dieser Informationen kann die syrische Luftwaffe genauere Angriffe gegen IS-Ziele fliegen. Für den Iran ist der Kampf gegen den IS ein Balanceakt. Er befürchtet, dass die USA nach einer Niederlage des IS den syrischen Rebellen helfen werden, das Assad-Regime zu bekämpfen. Der Iran will nicht, dass ihr Verbündeter Assad gestürzt wird.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Türkei? Die Türkei muss besonders kritisch betrachtet werden. Weil sie eigene Interessen verfolgt, duldet sie den IS. Das oberste Ziel der Türkei ist das Ende des Assad-Regimes in Syrien. Zudem hat sie ein Interesse daran, dass der IS die syrischen Kurden schwächt. Die dort dominierende Partei der Demokratischen Kurdischen Union (PYP) gilt als Ableger der türkischen PKK. Ankara will eine kurdische Zone entlang der türkisch-syrischen Grenze verhindern. Vor diesem Hintergrund hat die türkische Regierung bis vor kurzem in Kauf genommen, dass der gesamte IS-Nachschub an Kämpfern und Kriegsmaterial über ihr Land läuft. Zudem kauft die Türkei in grossem Stil Erdöl von Gebieten, die vom IS erobert wurden. Obwohl die Türkei inzwischen grosse Probleme mit den kurdischen Flüchtlingsströmen hat, hält sie an ihren übergeordneten Interessen fest. So weigert sie sich weiterhin, amerikanische Luftangriffe gegen den IS von türkischem Territorium zu erlauben.

Wie werden sich die IS-Kämpfer verhalten, nachdem sie auch in Syrien mit Luftangriffen bekämpft werden? Es wird zu Truppenverlegungen kommen. Die IS-Kämpfer werden sich in die Städte zurückziehen. Die Angriffe auf Kurdengebiete sind bereits zum Stillstand gekommen. Mit dem Rückzug in die Städte nimmt der IS den Tod von Zivilisten in Kauf. Das hat sich schon im Irak gezeigt. Die zivilen Verluste werden dramatisch in die Höhe schnellen, wenn der IS hier durch Luftangriffe bekämpft wird.

Die Offensive der US-Koalition der Willigen wird den IS immer stärker in Bedrängnis bringen. Welche Wirkung hat dies auf die Jihadisten im Westen? Werden nun noch mehr in den Krieg ziehen? Eine wichtige Motivation für die Jihadisten im Westen waren die militärischen Erfolge des IS. Die Eroberungen und Siege wurden vom IS über das Internet propagandistisch ausgeschlachtet. Jetzt, wo dem IS Niederlagen drohen, werden sich die Jihadisten im Westen genau überlegen, ob sie sich den Verlierern anschliessen wollen. Ich gehe davon aus, dass der Zustrom von ausländischen IS-Kämpfern deutlich zurückgehen wird.

Ohne den Einsatz von Bodentruppen wird der IS nicht zu schlagen sein. Wie steht es um die Kampfverfassung der syrischen Rebellen, die den Bodenkrieg gegen die Jihadisten führen sollen? Im Rahmen des amerikanischen 500-Millionen-Dollar-Programms für Ausbildung und Ausrüstung gegen den IS werden rund 5000 Kämpfer in Saudiarabien trainiert. Die ersten von ihnen werden frühestens in acht Monaten für den Einsatz in Syrien bereit sein. Bis dahin kann sich die militärische Situation aber erheblich ändern, etwa weil die Luftangriffe der USA den IS erheblich schwächen. Dann ist es möglich, dass der zunehmende Widerstand der einheimischen Bevölkerung gegen die Herrschaft des IS in Rebellionen umschlägt. Die Koalition unter Führung der USA versucht allerdings sicherzustellen, dass von der Schwächung des IS in Syrien nicht das Assad-Regime durch territoriale Gewinne profitiert. Ebenso muss vermieden werden, dass im Irak die schiitischen Milizen die Macht in sunnitischen Gebieten übernehmen.

Wie lange wird es dauern, bis der IS besiegt ist, sofern dies überhaupt möglich ist? Es ist nicht auszuschliessen, dass sich dieser Krieg über einige Jahre hinziehen wird, obwohl die Luftangriffe den IS erheblich schwächen. Es braucht in grossem Umfang Bodentruppen, um den IS, der sich in die Städte zurückzieht, zu bekämpfen. US-Präsident Obama kündigte an, dass der IS zunächst geschwächt und danach vernichtet werden soll. Dass Obama diese Unterscheidung macht, zeigt, dass der Kampf gegen den IS noch lange dauern kann.

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