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Kinder als Bomben

Ein Anschlag in Gaziantep und ein Anschlagsversuch in Kirkuk: Der IS missbraucht immer mehr Minderjährige für Attentate.

Attentat knapp vereitelt: In Kirkuk erwischen Polizisten einen Knaben, der einen Sprengstoffgürtel am Körper trug.
Attentat knapp vereitelt: In Kirkuk erwischen Polizisten einen Knaben, der einen Sprengstoffgürtel am Körper trug.
Reuters

Der Attentäter von Gaziantep, der mindestens 54 Menschen in den Tod riss, war ein Kind. Er war schätzungsweise 12 bis 14 Jahre alt. Am Sonntagabend, nur einen Tag nach dem Anschlag inmitten einer kurdischen Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep, wäre es in der nordirakischen Stadt Kirkuk beinahe zu einem weiteren verheerenden Attentat gekommen. Auch in diesem Fall missbrauchten die Jihadisten des IS einen Minderjährigen als Attentäter. Polizisten gelang es, den Knaben zu stoppen und die Explosion zu verhindern. Der lokale TV-Sender Kurdistan 24 zeigte, wie eine Gruppe von Polizisten den Minderjährigen festhält, während andere ihm den Sprengstoffgürtel vom Körper schneiden. Bei der Festnahme brach der Knabe in Tränen aus. Den Sprengsatz hatte er unter einem Messi-Leibchen versteckt.

Laut einem kurdischen Geheimdienstsprecher sagte der Knabe in einem ersten Verhör, dass er von Maskierten entführt worden sei, die ihm dann den Sprengstoffgürtel umgeschnallt und ihn an den Anschlagsort geschickt hätten. Das Alter und die Herkunft des Attentäters von Kirkuk gaben die Behörden nicht bekannt.

Dramatische Szenen in Kirkuk. Video: Reuters

Offene Fragen gibt es auch zum Attentäter von Gaziantep. Die Identität des Kindes, das den Sprengstoffgürtel trug, konnte bis zum frühen Montagabend noch nicht festgestellt werden. Gemäss türkischen Medienberichten zeigen Aufnahmen von Überwachungskameras, dass das Kind von zwei Personen begleitet worden war. Sie hätten sich entfernt, bevor die Bombe detonierte. Noch ist nicht geklärt, ob sich der Knabe selbst in die Luft sprengte oder ob sein Sprengstoffgürtel aus der Ferne gezündet wurde. Es kann auch sein, dass ein geistig behindertes Kind für den Anschlag missbraucht worden ist, wie es aus türkischen Sicherheitskreisen hiess.

Zunahme der Selbstmordanschläge

Dass die IS-Terroristen auch Minderjährige als Attentäter einsetzen, kommt offenbar immer häufiger vor. Diese perverse Taktik des IS dokumentierte bereits eine im letzten Frühjahr veröffentlichte Studie der Georgia State University in Atlanta, die das Combating Terrorism Center der US-Militärakademie in West Point veröffentlichte.

Die Forscher werteten insgesamt 89 Fälle aus, in denen Kinder im Namen des IS ums Leben gekommen waren. Davon sprengten sich fast 40 Prozent mit Autos oder Lastwagen selbst in die Luft. Allein im Januar 2016 liess das Terrorkalifat zehn Selbstmordattentate von Minderjährigen ausführen. Über ihre Propagandakanäle auf Twitter und anderen sozialen Medien verbreiten die IS-Terroristen Bilder der jugendlichen Täter und lobpreisen diese als Helden und Märtyrer. Einen der tödlichsten Anschläge verübte ein minderjähriger Attentäter des IS am vergangenen 25. März bei einem Fussballturnier von Jugendlichen südlich von Bagdad. Bei der Siegerehrung explodierte eine Bombe und riss 29 Menschen in den Tod, 60 weitere Personen wurden verletzt.

IS verstärkt Rekrutierung Minderjähriger

Gemäss der Studie der Georgia State University haben die Jihadisten in den letzten zwei, drei Jahren die Rekrutierung von Kindern intensiviert. In den IS-Schulen werden Kinder von frühester Jugend an mit «Heiliger Krieg»-Propaganda indoktriniert. Später kommen sie in Trainingslager, wo sie für den Kampf ausgebildet werden und das Töten lernen. Unter dem Titel «Die Löwenjungen des Kalifats» veröffentlicht der IS Propagandavideos im Internet. Experten zufolge sind rund 1500 Minderjährige in den Reihen des IS in Syrien und im Irak. Gemäss dem UNO-Kinderhilfswerk Unicef wurden im Irak Tausende von Kindern der jesidischen Minderheit entführt. Mädchen droht der Missbrauch als Sexsklavin, und Knaben werden militärisch gedrillt.

Die IS-Terroristen setzen Kinder nicht nur als Selbstmordattentäter ein, sondern auch als Wachen und Kämpfer. Für Aufsehen sorgte im Januar 2015 ein IS-Video, das zeigt, wie ein höchstens zwölf Jahre alter Knabe zwei angebliche Spione des russischen Geheimdienstes mit einer Pistole erschiesst. Auch dem IS-Kalifat nahestehende Extremisten wie Boko Haram in Nigeria, das Terrornetzwerk al-Qaida oder auch radikale palästinensische Gruppen schrecken nicht davor zurück, Kinder und Jugendliche zu radikalisieren und als Kämpfer oder Attentäter in den Tod zu schicken.

Türkei will den IS zurückdrängen

Nach dem Attentat von Gaziantep will die Türkei den IS von der türkisch-syrischen Grenze zurückdrängen. «Unsere Grenze muss vollständig gesäubert werden», sagte Aussenminister Mevlüt Cavusoglu am Montag. Versäumnisse beim Kampf gegen den IS im eigenen Land sieht Cavusoglu nicht. Die Türkei habe dem IS den «grössten Schlag» versetzt, sagte er nach Angaben der Nachrichtenagentur DHA. Zum Beispiel habe man die Quelle an ausländischen Kämpfern «ausgetrocknet», indem man sie an der Durchreise über die Türkei gehindert habe. Es seien auch Kämpfer in Haft, sagte Cavusoglu, ohne eine Zahl zu nennen. Der Kampf gegen die Terrormiliz werde «bis zum Ende» weitergeführt. Die Co-Chefin der prokurdischen Oppositionspartei HDP, Figen Yüksekdag, warf Sicherheitsbehörden und Regierung dagegen Versagen vor.

Nach Informationen aus Sicherheitskreisen verdichteten sich die Indizien, dass tatsächlich der IS hinter dem Anschlag von Gaziantep steckt. Der verwendete Sprengsatz sei vom selben Typ wie bei zwei Anschlägen im vergangenen Jahr. Baugleiche Bomben seien 2015 bei den Attentaten des IS auf eine Friedenskundgebung in Ankara und im Grenzbezirk Suruc benutzt worden.

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