Islamisten nehmen Weisse ins Visier

Bei Anschlägen in Mali sind mehrere Menschen getötet worden, unter ihnen ein UNO-Blauhelmsoldat. Zwei Schweizer Armeeangehörige wurden beim Angriff auf ein Restaurant verletzt.

Nach dem Attentat sichert ein Polizist das Gelände. Foto: Adama Diarra (Reuters)

Nach dem Attentat sichert ein Polizist das Gelände. Foto: Adama Diarra (Reuters)

Johannes Dieterich@tagesanzeiger

Samstagmorgen um eins im Stadtteil Hippodrome der malischen Hauptstadt Bamako. Im ersten Stock des Nachtclubs La Terrasse in der Prinzessinnenstrasse ist die Stimmung wie an jedem Wochenende gut: «Wir haben geredet und gelacht», erzählt die schwedische Krankenschwester Reidun Runften der «New York Times». Das Etablissement ist unter Ausländern beliebt: Hier treffen sich junge europäische Diplomaten, Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen oder Militärs, die der ruinierten Armee des einstigen Krisenstaates Aufbauhilfe leisten, und natürlich Malierinnen und Malier, welche die weltoffene Atmosphäre geniessen.

Plötzlich reisst ein maskierter Mann die Tür auf und eröffnet sofort das Feuer. Er hat es vor allem auf die weisshäutigen Gäste abgesehen: «Wir waren zum Glück in der Nähe der Bar und haben uns sofort unter den Tresen geworfen», sagt Reidun Runften. Der Horror dauert nur wenige Sekunden. Als die schwedische Krankenschwester ihren Kopf hebt, sieht sie neben sich die malische Freundin eines Europäers – sie blutet am Nacken. Ein Franzose und ein Malier sterben noch auf der Terrasse, ein Mädchen wird später im Krankenhaus seinen Verletzungen erliegen. Verletzt werden ausserdem mindestens acht weitere Gäste, darunter zwei Offiziere aus der Schweiz.

Der Schütze rennt zurück auf die Strasse, wo sein ebenfalls vermummter Komplize im Auto wartet. Auf der Flucht sehen die beiden einen Europäer vor seinem Haus stehen, halten an und eröffnen das Feuer. Der belgische Sicherheitsexperte stirbt im Kugelhagel. Zufällig kommt ein Polizeiauto entgegen: Die Angreifer werfen eine Handgranate auf den Wagen, der Fahrer stirbt. Schliesslich rasen die Angreifer davon, werden aber – auf bisher noch unbekannte Weise – später gestellt. Die beiden Malier seien festgenommen worden, sagt ein Sprecher der Polizei. Die Bewohner Bamakos sind entsetzt: So etwas ist in der malischen Hauptstadt bislang noch nicht vorgekommen. Zwar war der Norden des Landes bis vor zwei Jahren vorübergehend von islamistischen Extremisten besetzt: Doch deren Terror hatte sich nicht nach Bamako ausgedehnt.

Rache für den Kommandanten

Auf eine Erklärung müssen die malischen Behörden nicht lange warten. Über die mauretanische Nachrichtenagentur al-Akhbar, die in Sachen Extremisten meist bestens unterrichtet ist, übernimmt die Jihadistenorganisation al-Murabitun noch am Samstag die Verantwortung für den Anschlag. Der Überfall sei die Rache für den Tod ihres Kommandanten Ahmed Tilemsi, den französische Soldaten im Dezember des vergangenen Jahres im Norden Malis erschossen hatten. Den europäischen «Ungläubigen» solle eine Lektion erteilt werden, heisst es in der Erklärung al-Murabituns: «Sie haben unseren Propheten beleidigt und verspottet.»

Experten der nordwestafrikanischen Terrorszene ist die Organisation längst bekannt. Sie ging aus der Vereinigung zwischen der Bewegung für Einigkeit und Jihad in Westafrika und der Maskierten Brigade des berüchtigten algerischen Terroristen Mokhtar Belmokhtar hervor. Letzterer hatte sich mit dem Angriff auf das algerische Gasfeld In Aménas einen Namen gemacht. Bei dem Überfall im Januar 2013 kamen mindestens 69 Menschen ums Leben.

Belmokhtar gilt als eine der Schlüsselfiguren der nordwestafrikanischen Terrorszene: Er hatte sich vor zweieinhalb Jahren mit dem Al-Qaida-Ableger im Maghreb überworfen. Im Gegensatz zu Belmokhtar suche Aqmi-Chef Abdelmalek Droukdel spektakuläre Aktionen in der unruhigen Sahelzone zu vermeiden, sagen Experten: Auf diese Weise würden nur ausländische Mächte in die Region gezogen. Belmokhtar hält von diesem Argument nichts. Der einäugige Afghanistanveteran hat sich seit seinem Angriff auf In Aménas schon mehrmals wieder in die Schlagzeilen gebombt.

Frankreich hatte vor zwei Jahren mit einer 5000-köpfigen Interventionstruppe die Herrschaft der Islamisten im Norden Malis beendet. Weniger als ein Jahr später wurden die meisten der französischen Soldaten wieder abgezogen: Die meisten Extremisten seien im Rahmen der französischen Militäraktion getötet worden, hiess es. Bald stellte sich jedoch heraus, dass viele der Jihadisten lediglich in Länder wie Algerien, Libyen und den Niger ausgewichen waren. Letzten Sommer begann Frankreich mit der Operation «Barkhane»: Sie soll sich über einen Grossteil des Sahelgebiets erstrecken, das – nicht zuletzt wegen der Armut – als besonders instabil und riesiges Rekrutierungsgebiet für zornige Extremisten gilt.

Zwei weitere Zwischenfälle allein an diesem Wochenende machen deutlich, dass auch Mali längst noch keinen Frieden gefunden hat: In Gao lynchte die Bevölkerung zwei Männer, die einen Anschlag geplant haben sollen. Und auf das Quartier von UNO-Soldaten in Kidal im Nordosten des Landes regneten mindestens 30 Raketen und Granaten nieder, die vermutlich von einst mit den Islamisten verbündeten Tuaregrebellen abgefeuert worden waren. Ein Blauhelm und zwei Zivilisten starben.

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